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Wir atmen nicht mehr dieselbe Luft

Im Theater wird mit filmischen Formaten wie der Serie experimentiert - das könnte zu einem neuen Genrebewusstsein unter Theatermachern führen

Franz Wille, Chefredakteur von »Theater heute« und Juror des Berliner Theatertreffens, sah sich kürzlich in einer Online-Diskussionsrunde auf »nachtkritik« zu einer Klarstellung genötigt: »Film ist ein anderes Medium und löst andere Erfahrung aus als Theater.« Man merkt, die Coronakrise hat viele Selbstverständlichkeiten infrage gestellt. Wenn die Filme, Videos und Games, die Theater zurzeit online verbreiten, kein Theater sind, gibt es dann derzeit überhaupt noch Theater? Diese Frage trifft den Kern des Selbstverständnisses sowohl der Kunstrichtung als auch der Institution Bühne. Sie sieht sich als Raum des Sozialen, an dem Künstler und Zuschauer zusammenkommen und für die Dauer einer Vorstellung dieselbe Luft atmen.

Man spricht dann gerne von »leiblicher Kopräsenz«, ein Begriff, der mit verkniffenem Stolz als Waffe gegen andere Künste geführt wird. Das Theater ist von Minderwertigkeitskomplexen geprägt, seinen Abstieg vom hohen Ross des Kardinalmediums bürgerlicher Repräsentation hat es bis heute nicht verkraftet. Radio, Kino, Fernsehen und das Internet haben ihm zugesetzt, die leibliche Kopräsenz ist so etwas wie letzte Domäne, auf die es sich zurückzieht, von hier aus lassen sich Ästhetiken und auch Subventionen verteidigen. In der Coronakrise verlassen viele Häuser notgedrungen nun diese Komfortzone und treten die Flucht nach vorne an. Aus Bühnen werden Filmstudios, aus Websites digitale Spielstätten, statt Gastschauspielern werden Grafikdesigner und Programmierer engagiert. Auch Netflix ist jetzt nicht mehr der Gottseibeiuns der ästhetischen Erziehung, im Gegenteil avancieren Webserien zu einem bevorzugten Angebot an das ausgesperrte Publikum.

So startete am Freitag am Schauspiel Köln das Online-Format »Edward II. - Die Liebe bin ich«. Der englische König ruft seinen im französischen Exil weilenden Geliebten Gaveston zurück an den Hof, wovon die Peers, Grafen, überhaupt nicht begeistert sind. Sie spinnen eine Intrige gegen den König und seinen Günstling. Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer hat das Stück von Christopher Marlowe überschrieben, eines berühmten Zeitgenossen Shakespeares, der zudem auch als Kandidat gehandelt wird, der tatsächliche Autor von dessen Dramen zu sein. Palmetshofer begründete in seiner Zeit am dortigen Schauspiel die sogenannte »Basler Dramaturgie« mit, gemeint ist das Verfahren, kanonische Stücke literarisch zu aktualisieren und stilistisch wie inhaltlich unserer Gegenwart anzunähern. Die Überführung ins Format der Webserie darf man als eine Erweiterung dieses Programms verstehen, auch wenn von Palmetshofers Text in der ersten Folge nicht viel vorkommt.

Gaveston (Justus Maier) schuftet auf einer Baustelle in Köln-Chorweiler und haust in einer schäbigen Bude, in der sich queere Literatur stapelt. Ein Brief des Königs lockt ihn zurück nach England, wo er von Edward (Alexander Angeletta) freudig empfangen wird. Was wie ein Sozialdrama beginnt, gibt sich rasch den Vorgaben des Kostümfilms hin. Ausstatterin Teresa Vergho hat eifrig im Fundus gewühlt und Perücken, weite Kleider und jede Menge Glitzer hervorgezaubert. Was vom Parkett aus wie ein ironischer Tribut an einen historischen Realismus erschiene, präsentiert die Kamera hier in statischen Einstellungen als stolz vor sich hergetragenen Dilettantismus, denn allem Puder zum Trotz kommt hier kein bisschen der wohlige Gedanke auf, man könne sich, vor dem Bildschirm sitzend, in eine ferne Vergangenheit hineinstehlen.

Mit frivolem Overacting reagiert denn auch der Hofstab auf Gavestons Rückkehr, derweil dieser seinen König nur mit einer Diamantkette am Körper zeichnet. Regisseurin Pınar Karabulut bemüht hier eine der berühmtesten Liebesszenen der Filmgeschichte, nur eben, anders als im Titanic-Original, mit zwei Männern in den Rollen. Die Irritation oder auch intendierte Komik der Szene dürfte das Publikum auf die eigenen heteronormativen Vorstellungen aufmerksam machen wollen, in denen immer nur »Penis und Vagina, Penis und Vagina« (Bert Brecht) zueinander finden. Die Übertragung erscheint so recht wie billig, zumal viele queere Lebensentwürfe doch überhaupt nicht den Anspruch formulieren, traditionelle Lebensentwürfe nachzuahmen oder sich von der Gesellschaft eine Gleichwertigkeit anerkennen zu lassen. Nein, weder Realismus und auch keine zeitgemäße Kritik an Liebesvorstellungen kriegen wir hier geboten, dafür immerhin Lust an Parodie und popkultureller Travestie.

Auch in einer anderen Web-Serie wird die Freude deutlich, nicht nur die Beschränkungen des Bühnenraums ablegen zu dürfen, sondern auch das mit ihnen verbundene ästhetische Paradigma. Oliver Rossol verfilmt am Schauspiel Frankfurt Alexander Eisenachs »Eternal Peace« und bedient sich munter bei Klassikern wie »Star Wars«, »Blade Runner« und »Brazil«. In sechs nur einige Minuten langen Folgen blicken wir in die nahe Zukunft: Grönland ist inzwischen das zivilisatorische Zentrum der Erde, Europa liegt in Schutt und Asche. Kriege und Umweltkatastrophen haben einen Großteil der Menschheit dahingerafft. Die Überlebenden haben ein neues Bewusstsein entwickelt, den Individualismus und Kapitalismus abgelegt, leben in Harmonie mit der Natur und schütteln immer nur ungläubig den Kopf, wenn sie an frühere Generationen, ihre Gier, ihren Konsumismus und ihre Selbstsucht erinnert werden. »Finanzwirtschaft? Was meinen Sie mit Finanzwirtschaft? - Die letzte Degenerationsstufe dessen, was früher Markt genannt wurde.«

Eisenach und Rossol machen sich ein erprobtes Verfahren der Science Fiction zunutze, um unsere Gegenwart zu kritisieren und, wenn auch auf bescheidenem Niveau, zu analysieren. Die neue Zivilisation an super-woken, super-vernünftigen, aber auch ein bisschen blutarm wirkenden Menschen blickt ständig zurück und herab auf uns, den zerstörerischen Konsumismus des 21. Jahrhunderts. Dieser Ausflug ins Science-Fiction-Fach bleibt dem deutschen Theater ganz treu in seinem oft verkrampften Anspruch nach politischer Relevanz.

Indem sie sich Genres zuwenden, zeigen beide Serien jedoch auch Auswege aus ästhetischen Sackgassen des Theaters auf. Genre ist an den Bühnen schlecht beleumundet, man argwöhnt stets das Klischee und die leichte Unterhaltung. Dabei könnte das Spiel mit Genrekonventionen durchaus die Lücke der schwächelnden Klassiker füllen, die viel weniger gelesen und deren Variationen in der Interpretationsgeschichte damit auch nicht mehr erkannt werden. Sowohl »Eternal Peace« als auch »Edward II.« deuten darauf hin, dass sich der Ausflug ins Netz für die Theater ästhetisch auszahlen könnte, in dem es die Scheu ablegt, von anderen Dramaturgien und Erzählweisen lernt, sie adaptiert und für die Bühne nutzbar macht. Dieser Lernprozess muss und sollte nicht dazu führen, dass man künftig meint, »Game of Thrones« adaptieren zu müssen. Er könnte aber zu einer neuen Freude an starken Formen führen, etwa dazu, dass sich Dramatiker nicht mehr scheuen, eine Tragödie oder Komödie zu schreiben oder Regisseure den Dünkel gegen das Erzählen von Geschichten ablegen.

»Edward II. - Die Liebe bin ich« auf der Internetseite des Schauspiels Köln. »Eternal Peace« auf der Internetseite des Schauspiels Frankfurt.

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