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Es hörte sich paradiesisch an

Wie Westberlin unterging: Ein schönes Lehr- und Bilderbuch zur subkulturellen Stadtentwicklung

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 7 Min.
Es lebe das Selbstgemachte: In den 80er Jahren sollten Frisuren so aussehen als wären sie keine.
Es lebe das Selbstgemachte: In den 80er Jahren sollten Frisuren so aussehen als wären sie keine.

Es war einmal ein schönes Land, das hieß Westberlin. Es lag in Ostdeutschland, gehörte aber irgendwie zu Westdeutschland und irgendwie auch nicht. In Ostdeutschland wurde es selbstständige politische Einheit Westberlin genannt, de facto war die Teilstadt der dritte deutsche Teilstaat. Er gab eigene Briefmarken aus und eigene Personalausweise. Es gab weder Wehrpflicht noch Sperrstunde, aber extrem billige Wohnungen und viele Subventionen, insbesondere auch für Künstler oder Leute, die gerne welche sein wollten.

Verliefen die politischen Grenzen seit Mitte der 60er Jahre zwischen den alten Nazis und den aus Westdeutschland zugezogenen Wehrdienstverweigerern, wie es der Verleger Klaus Wagenbach einmal formuliert hat, so entwickelte sich in den 70er Jahren ein demokratisches Anything goes im Alltags- und Ausgehleben. Angestoßen von der 68er Revolte und beeinflusst von der Punkbewegung ab 1977, bildeten sich »Traumzonen«, die einer fantasiebegabten Minderheit »Raum für Unwirklichkeitsgefühle« boten, wie der Künstler Wolfgang Müller in seinem Standardwerk »Subkultur Westberlin 1979-1989« schreibt.

Im späten Westberlin gehörte es für die Künstler- und Bohemetypen zum guten Ton, stets ein »Projekt« am Start zu haben: Man spielte in einer Band, schrieb an einem Buch, drehte Kurzfilme, arbeitete an einer Zeitschrift, malte Bilder, machte Performance oder alles abwechselnd, meistens in einem »Kollektiv«. Rückblickend betrachtet war das subkulturelle Westberlin ein großes aufregendes Jugendzentrum. Sehr frei und links. Und man stand erst um circa 15 Uhr auf - dann, wenn es schon wieder auf den ewigen Abend zuging.

Die Atmosphäre war sehr attraktiv für Menschen, die ästhetische oder auch politische Abenteuer suchten und sich ausprobieren wollten. Sie kamen nicht nur aus Westdeutschland. 1987 reiste Danielle de Picciotto an. Sie hatte in New York Kunst und Mode studiert und wollte für zwei Wochen eine Freundin besuchen. Denn ihr hatte der Wim-Wenders-Film »Himmel über Berlin« sehr gut gefallen. Ihre Freundin wohnte in einer WG auf einer Fabriketage von 500 Quadratmetern. Sie schnitt interessanten Leuten, die in die WG kamen, die Haare. Es waren Musiker aus Untergrundbands wie Einstürzende Neubauten oder Crime & The City Solution, die Szene von Nick Cave, der auch selbst vorbeikam. »Alle waren unheimlich cool und sahen gefährlich aus«, erinnert sie sich, »noch nie hatte ich Menschen erlebt, die alles so gnadenlos hinterfragten.« Sie fühlte sich, »als sei ich in einer anarchistischen Schule für Eingeweihte angekommen«, schreibt sie in ihrem Buch »Die heitere Kunst der Rebellion«, in dem sie die späte Geschichte der Traumstadt Westberlin und deren Transformation in die neue alte Hauptstadt nachzeichnet - als Graphic Novel, aber mit sehr viel Text.

Denn Picciotto blieb doch länger als zwei Wochen, genauer gesagt: bis heute. Aus nachvollziehbaren Gründen der Faszination. »Die Stadt schien in einem Dornröschenschlaf erstarrt zu sein, in dem die Vergangenheit deutlicher zu spüren war als die Gegenwart.« Und dann wird ihr erklärt, dass diese morbide Stadt nicht gefährlich sei, weil Verbrecher »wegen der Mauer nur schwer fliehen« könnten, unter anderem mit dem Effekt, dass Frauen problemlos nachts allein unterwegs sein konnten. »Ich staunte: Billige Mieten, Unterstützung für Künstler und keine Angst haben müssen ... Es hörte sich paradiesisch an.« Denn in New York waren »Vergewaltigungen, Morde, Überfälle und Schießereien an der Tagesordnung (…) und die Mieten der Bruchbuden waren schon damals extrem hoch.«

In Westberlin regierte die Kunst der Kostensenkung: »Da keiner Geld hatte, waren selbst gemachte Geschenke üblich und Mix-Tapes sehr populär. Wenn man verliebt war, besuchte man Freunde mit guten Schallplattensammlungen und verbrachte Nachmittage damit, seine Lieblingsstücke auf eine Kassette zu kopieren.« Oder man drehte Filme auf Super 8, was nicht nur viel günstiger war als auf VHS-Video, sondern sich auch besser bearbeiten ließ: »So schnippselten, schnitten, verbrannten, bemalten und kratzten alle ihre Filme um die Wette, wodurch sich eine vielseitige Kunstfilmszene in der Stadt ausbreitete, die man in Clubs, kleinen Galerien und Off-Kinos sehen konnte.«

Weil Ende der 80er noch nicht so viel getanzt wurde, musste die Ausgehkleidung noch nicht praktisch sein. Sie orientierte sich an einer Art romantischem Piratenstil: Die Männer trugen Dreiteiler und spitze Cowboystiefel, die Frauen geraffte Röcke, Netzstrumpfhosen und Mieder. Dazu Frisuren, die so aussehen sollten, als wären sie keine, sondern selbst gemacht, was sie oft auch waren. »Alle sahen verwegen und leicht drogensüchtig aus«, schreibt Picciotto, die als ausgebildete Modedesignerin anfing, mit Sportswear zu experimentieren und alternative Modeschauen zu organisieren. Das war für sie mehr Kunst als Geschäft - ihr Geld verdiente sie in den angesagten Kneipen und Cafés hinter der Theke und an der Kasse von Clubs.

Im Club Turbine kam sie mit einem der Betreiber zusammen: Matthias Roeingh, der sich später Dr. Motte nannte. Im Sommer 1989 hoben die beiden die Loveparade aus der Taufe, auf dem Ku’damm angemeldet als eine Demonstration »für Friede, Freude, Eierkuchen«. Das Besondere war: Es gab nur Musik, keine Reden. 150 Leute kamen und tanzten, erst etwas steif und schüchtern, dann freudiger, auf den Straßen Berlins, »der Stadt der schwierigen Vergangenheit«, wie sich Picciotto ausdrückt.

Vorher war sie mit Roeingh in London gewesen, um zu Acid House zu tanzen, dem neuesten musikalischen Trend. Dabei sei ihnen klar geworden, »dass wir uns in der Zukunft befanden«. Das war keine Übertreibung, denn diese Musik bestand nur aus Rhythmus. Man tanzte auch anders - »vorher war es eher kontrolliert mit hängenden Händen nach unten schauend. Jetzt warfen wir die Arme in die Höhe und tanzten mit ekstatischen Bewegungen.« Auch war es besser, sich nicht mehr zu schminken, weil sonst alles im Gesicht verlief; ein »androgyner Look griff um sich, bei dem alle Geschlechter ähnliche Sachen trugen. Weite Camouflage-Hosen, Turnschuhe und Sweatshirts wurden hip.«

Das neue Ausgehwunderland wurde dann Ostberlin nach dem Mauerfall, voll mit leeren, verlassenen oder aufgegebenen Räumen und Hallen, die man nur entdecken und besetzen musste, um darin Partys zu feiern. Diese Geschichte ist schon oft erzählt worden, am besten von Felix Denk und Sven van Thülen in dem Buch »Der Klang der Familie«, erschienen 2014. Bei Picciotto bekommt sie einen etwas anderen Akzent, denn sie betont die Erfahrungen eines angewandten Feminismus im Nachtleben, indem sie viele exponierte Frauen als DJs, Managerinnen oder Designerinnen vorstellt.

Bevor es mit Techno richtig losging, sang Picciotto in einer wilden Postpunk-Band namens Space Cowboys; Roeingh hatte in einer der Krachbands mitgewirkt, die 1981 auf dem Westberliner Festival »Geniale Dilletanten« auftraten, wie auch der später berühmte Techno-DJ Westbam. Die anregendsten Bands waren Einstürzende Neubauten und Tödliche Doris. Auf dem Festivalplakat hatte tatsächlich »Dilletanten« gestanden, der Rechtschreibfehler erwies sich als programmatisch: Die Musik war zerdellert, und brutal, weil die Musiker keine normale Musik machen konnten oder wollten oder beides. Es gab noch Gesang, und der war meist pathetisch und predigerhaft.

Die neue Musik Techno war auch brutal im Sound, doch freundlich zu den Menschen. Nicht so besoffen, sondern befeuert von der »Liebesdroge« Ecstasy. Wer sie drin hatte, musste seine Mitmenschen einfach mögen. Man brauchte nicht mehr den »Untergang tanzen«, wie Blixa Bargeld einst gesungen hatte, der kokett beschworene Atomkrieg war ausgeblieben. Jetzt war angeblich ewiger Frieden - allerdings herrschte auf dem Gebiet des zusammengeklappten Realsozialismus Massenarbeitslosigkeit.

Man kann Picciottos sehr schön gestaltete und erzählte Graphic Novel auch wie eine Art Lehrbuch zur Gentrifizierung West- und Ostberlins lesen. Sie macht deutlich, wie die Praktiken des Selbermachens und Selbstorganisierens, von denen bis heute jede linke Gruppe, die auf sich hält, politisch schwärmt, in der Untergangsstimmung des Postpunk eingeübt wurden, um sich dann im sportlichen Hedonismus von Techno zu kommerzialisieren. Die Loveparade wurde von Jahr zu Jahr größer, mit ihr ließen sich neue Clubs, Marken und Agenturen etablieren. Und sie kostete die aufstrebenden Techno-Unternehmer keinen Pfennig - die Kosten für Müllbeseitigung, Polizei, Feuerwehr und Sanitäter zahlte die Stadt, denn die Loveparade war ja als Demonstration angemeldet, was den Beteiligten allerdings immer komischer vorkam. Denn während der Promoter und Journalist Jürgen Laarmann damals glaubte, die »ravende Gesellschaft« ausrufen zu können, normalisierten sich die Geschäftsbeziehungen der Partymacher zu den Zigaretten- und Getränkekonzernen. Internetkonzerne gab es noch nicht.

Anfänglich waren die Partys illegal und geheim gewesen, dann kannte sie auf einmal jeder. Techno war minimalistische Musik mit einem minimalen Programm, das Picciotto so zusammenfasst: »Es ging um die Freude, das Abenteuer und die Möglichkeit, selbstbestimmt einen Abend zu gestalten, ohne irgendeinen Diskothekenbesitzer.«

Danielle de Picciotto: Die heitere Kunst der Rebellion. Walde + Graf, 200 S., geb., 19,95 €.

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