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Keine Spur von Sicherheit

Von den Nato-Soldaten erwarten sich die meisten Menschen in Afghanistan nur einen geordneten Rückzug

  • Von Emran Feroz, Kabul
  • Lesedauer: 4 Min.

Mustafa Haidari hatte sich seine Zukunft anders vorgestellt. Vor rund acht Jahren schloss er sein Bauingenieurstudium an der Universität Balch in der nordafghanischen Stadt Masar-e Scharif erfolgreich ab. Kurz darauf zog er nach Kabul und arbeitete mit westlichen Nichtregierungsorganisationen zusammen. Sie schätzten seine Arbeit und Expertise und zahlten ihm gutes Geld. Heute ist Haidari nicht mehr als Ingenieur tätig, sondern als Taxifahrer. Viele seiner einstigen Auftraggeber sind schon längst abgezogen. Afghanistan interessiert sie nicht mehr. Haidaris gegenwärtiger Job gehört mittlerweile zu den gefährlichsten des Landes. »Ich komme über die Runden, doch Taxifahren ist gefährlich. Sobald man das Haus verlässt, weiß man nicht, ob man lebend zurückkehrt«, meint er. Die Gründe hierfür sind offensichtlich.

Seit geraumer Zeit wird die afghanische Hauptstadt von sogenannten Haftbomben (»sticky bombs«) heimgesucht. Sie sind günstig und einfach zu beschaffen. Auf dem Schwarzmarkt, so heißt es, erhält man sie für rund 20 Euro. Im Vergleich zu anderen Bomben richten sie einen geringen Schaden an. Doch sie töten trotzdem und können jeden treffen. In den letzten Tagen und Wochen wurden auch Taxis zum Ziel unbekannter Täter. »Keine Ahnung, wer dahinter steckt, aber sie versetzen die ganze Stadt in Angst und Schrecken«, so Haidari.

Fast 20 Jahre nach Beginn des Nato-Einmarsches in Afghanistan ist Kabul so unsicher wie schon lange nicht mehr. Terroristen, kriminelle Gruppierungen und staatliche Akteure tragen dazu bei. Anschläge und gezielte Attentate gehören zum Alltag. Inmitten von all dem Chaos will Washington seine Truppenanzahl reduzieren. Bereits im Januar fand eine Truppenreduzierung auf 2500 Soldaten statt. Dies hängt in erster Linie mit dem US-Taliban-Deal zusammen, den die US-Regierung vor knapp einem Jahr mit den militanten Islamisten im Golfemirat Katar unterzeichnet hat. »Ich verstehe nicht, was dieser Deal gebracht hat. Afghanen sterben weiterhin«, sagt Mohammad Sakhizada, ein Händler und ehemaliger Ringer-Trainer aus dem Kabuler Stadtteil Dascht-e Barchi.

Während Sakhizada das Leben in Kabul beschreibt, findet um ihn herum ein Sportevent für körperlich behinderte Menschen statt. Junge Männer und Frauen, hauptsächlich Angehörige der schiitischen Hazara-Minderheit, wärmen sich auf und laufen hin und her. Freunde und Verwandte feuern sie an. Trotz der beträchtlichen Menschenmasse sind kaum Sicherheitsvorkehrungen erkennbar. Eine Handvoll Soldaten und Polizisten sind vor Ort. Sie wirken gelangweilt und machen einen desinteressierten Eindruck. »Mehr gibt es nun mal nicht. Seid froh, dass wir überhaupt hier sind«, sagt einer der Soldaten. Er stellt sich als Kabir vor und stammt aus Kabul. Für die schlechten Sicherheitsmaßnahmen seien nicht er und seine Kollegen verantwortlich, sondern die Veranstalter. Sie hätten bürokratische Regeln übergangen.

Dascht-e Barchi wurde in der Vergangenheit mehrfach Schauplatz brutaler Angriffe, die sich in erster Linie gegen die Hazara richteten. Im vergangenen Mai griffen IS-Extremisten eine Geburtsklinik an und töteten 13 Menschen, darunter zwei Neugeborene. Andere Ziele waren Schulen und Sportklubs. In allen Fällen wurden die Sicherheitskräfte für das Versagen verantwortlich gemacht. Korruption und das Fehlen von Disziplin würden deren Infiltrierung seitens Extremisten erleichtern. Auch sie sind ein Erbe des westlichen Einsatzes. Immerhin wurden viele von ihnen in den letzten zwei Jahrzehnten von Nato-Staaten ausgebildet.

Viele Afghanen erwarten allerdings nicht viel von den ausländischen Truppen, sondern erhoffen sich eher einen geordneten Rückzug, der kein Chaos hinterlässt. »Selbst als mehr Soldaten präsent waren, sahen wir sie kaum. Sie verbarrikadierten sich in ihren Stützpunkten und gingen nur mit kugelsicherem Gerät unter die Menschen. Unsicherheit herrschte dennoch«, meint Schamsullah Khan, der Sanitärkeramik verkauft. »Jeden Tag werden junge Soldaten getötet. Wofür das Ganze?«, fragt er pessimistisch, nachdem er auf seinem Smartphone eine weitere Todesnachricht gelesen hat. »In 20 Jahren haben die Nato-Truppen es nicht geschafft, in Afghanistan Frieden zu schaffen. Ich denke, sie haben versagt, so wie alle, die vor ihnen hier waren«, meint Khan.

Was dies für die Zukunft des Landes bedeutet, ist weiterhin unklar. Sowohl die Taliban als auch andere Akteure bereiten sich zunehmend auf eine Eskalation vor. Berichten zufolge soll der berühmt-berüchtigte Warlord und Ex-Vizepräsident Abdul Raschid Dostum 40 neue Pickups für seine Miliz angeschafft haben. »Der bereitet sich auf mehr Krieg vor«, meint ein Lokaljournalist, der namentlich nicht genannt werden will. Für das Erstarken von Männern wie Dostum ist auch die Nato mitverantwortlich. Sie hat zahlreiche Warlords jahrelang hofiert und bereichert - und nun, so scheint es, überlässt sie ihnen wieder vollständig das Land.

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