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Es gibt »deutliche Fortschritte« bei Tönnies

Eine entspanntere Wohnsituation, bessere Arbeitsbedingungen und Coronatests: Die Lage der Beschäftigten in Europas größtem Schlachthof ist besser geworden

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.
Arbeitsbedingungen: Es gibt »deutliche Fortschritte« bei Tönnies

Juni 2020: in Europas größter Fleischfabrik ist Corona ausgebrochen. Von 6139 getesteten Arbeitern des Tönnies-Schlachthofes im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück werden 1413 positiv getestet. Hinzu kommen noch 353 Menschen aus dem Umfeld der Tönnies-Beschäftigten. Die Produktion in der Schlachtfabrik, in der täglich fast 30 000 Schweine verarbeitet werden können, werden für mehrere Wochen gestoppt. Ganze Wohnblocks, in denen die Beschäftigten untergebracht waren, werden mit Bauzäunen abgeriegelt.

Ausgelöst durch solche Beispiele wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen von meist aus Rumänien und Bulgarien stammenden Werkvertragsarbeitern in der Schlachtbranche neu diskutiert. Eine Folge dieser Debatten war die Einführung des Arbeitsschutzkontrollgesetzes am 1. Januar. Werkverträge im Bereich der Schlachtung und Zerlegung sind seitdem in der Fleischindustrie verboten. Auch der Kontrolldruck durch die Arbeitsschutzbehörden sollte verstärkt werden.

Das entfaltete auch bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück eine gewisse Wirkung. Szabolcs Sepsi ist Koordinator für den Bereich Fleischindustrie beim Projekt »Faire Mobilität« des DGB. Ziel des Projekts ist es, gerechte Löhne und gute Arbeitsbedingungen für Beschäftigte aus den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchzusetzen. Gegenüber »nd.DerTag« erklärt Sepsi, dass Tönnies und »alle anderen Unternehmen« die »Werkvertragsbeschäftigten im Kernbereich übernommen« haben. Bei Tönnies und vielen Unternehmen sei dies unter »Anerkennung der Betriebszugehörigkeit und ohne neue Probezeit oder neuer Befristung« geschehen. Die Unternehmen seien »korrekt vorgegangen«, sagt Sepsi. Er glaubt, damit seien »die Grundlagen für echte Verbesserungen in der Branche geschaffen worden«.

Ähnliches berichtet auch Andreas Hahn, der für die Grünen im Stadtrat von Rheda-Wiedenbrück sitzt. Hahn mahnt aber an, dass längst nicht alle Beschäftigten in reguläre Arbeitsplätze überführt wurden. Außerhalb des Kernbereichs der Schlachtung und Zerlegung, etwa bei Reinigungskräften, gäbe es noch immer prekär Beschäftigte. Im Gespräch betont Hahn aber die »deutlichen Fortschritte«, die es bei Tönnies gegeben habe. Diese müsse man »anerkennen«. Auch die Wohnsituation habe sich verbessert, so der Grünen-Lokalpolitiker. Es gäbe keine »Sechs- bis Acht-Bett-Zimmer« mehr. Tönnies habe mehrere Hundert Mietobjekte übernommen. In einer Mitteilung des Konzerns heißt es, »2000 Wohnplätze« seien geschaffen worden. 500 Wohnungen habe man nach »einheitlichem Standard renoviert und möbliert«. Einen zweistelligen Millionenbetrag habe der Konzern dafür investiert, die maximale Belegung sei auf zwei Personen pro Schlafzimmer reduziert worden. Tönnies-Personalchef Martin Bocklage betont, es habe auch Wohnungen gegeben, die »bewusst entmietet« worden seien, da sie nicht den Standards des Konzerns entsprächen. Jetzt gäbe es »nur noch ein paar wenige Wohnungen, die nicht unseren Anforderungen entsprechen«. Mittel- bis langfristig will Tönnies eigene Wohnungen bauen, um »Mitarbeitern, die bislang privat gemietet haben, eine Alternative mit festen Wohnstandards bieten zu können«, so der Personalvorstand des Konzerns. Sepsi bestätigt, dass viele Unterkünfte, die vorher von Subunternehmern betrieben wurden, nun von den Fleischproduzenten selbst betrieben werden. Die Gesamtsituation bezeichnet er als »extrem heterogen«, da es »sehr viele verschiedene Konstellationen« gäbe, in denen Menschen lebten.

Für Aufsehen sorgte der Todesfall eines 36-jährigen Mannes in Beckum, der in einer Unterkunft für Beschäftigte aus der Fleischindustrie lebte. Der Mann starb an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Das Kohlenmonoxid soll aus einer Propangasflasche ausgetreten sein, die zum Heizen genutzt wurde. Bei welchem Fleischkonzern der Mann beschäftigt war ist nicht bekannt. »Seit Jahren weisen wir auf die oftmals menschenunwürdige Wohnsituation in den Unterkünften hin. Passiert ist leider seitdem zu wenig«, kritisiert Hans-Jürgen Lenzer, Vorsitzender des DGB im Kreis Warendorf. Er bezeichnet es als »Schande«, wenn Menschen im Winter keine richtige Heizung zur Verfügung stehe und sie sich stattdessen mit »lebensgefährlichen Heizstrahlern behelfen« müssten.

Nicht nur bei den Wohnbedingungen wird man in Ostwestfalen noch viel verbessern müssen. Mit der Übernahme der Werkvertragsarbeiter in feste Beschäftigung gibt es jetzt weniger Fluktuation. »Die Integration wird eine Herausforderung für die ganze Stadtgesellschaft«, erklärt Andreas Hahn von den Grünen. Auf 50 000 Einwohner von Rheda-Wiedenbrück kämen etwa 5000 Beschäftigte aus Osteuropa, die nun mit ihren Familien sesshaft werden. Noch gäbe es kein »gutes Integrationskonzept« in der Stadt. Hahn will daran arbeiten.

Auf die Frage, wie er die Gesamtlage bei Tönnies einschätzt, sagt er, die Verbesserungen seien das Ergebnis von »politischem Druck«, den es von der Bundespolitik bis zur Kommune gegeben habe. Tönnies sei nicht »vom Saulus zum Paulus« geworden.

Druck war es auch, der den Corona-Schutz in den Fleischfabriken verbessert hat, ist sich Sepsi sicher. Mittlerweile müssen die Beschäftigten in der Fleischindustrie in Nordrhein-Westfalen mehrmals wöchentlich getestet werden. Manche Unternehmen testeten sogar täglich. »Außerdem haben viele Firmen Hygienekonzepte entwickelt, beispielsweise Plexiglasscheiben eingebaut und Abstände erhöht. Meistens dürfen Menschen nur in festen Teams zusammenarbeiten und dürfen nicht die Abteilung wechseln«, so Sepsi. Seine Bilanz: »Ich denke, dass die Unternehmen selbst mittlerweile einfach Angst vor neuen Ausbrüchen haben.«

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