Jugendliche vernünftiger als Politiker

Studie ergibt: Heranwachsende Brandenburger sehen Lockerung der Corona-Maßnahmen skeptisch

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Jeweils etwa zwei Drittel der Jugendlichen in Brandenburg kennen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und halten sie für sinnvoll, fallen nicht auf absurde Verschwörungstheorien herein, wollen sich gegen das Coronavirus impfen lassen. Ebenfalls zwei Drittel sind der Ansicht, dass die Lockerungen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 zu früh kamen. Sie wollten keineswegs eine schnelle Öffnung der Kinos und Diskotheken, um wieder Party zu machen.

»Diese weise Voraussicht hätte man den Politikern gewünscht«, bemerkt Professor Dietmar Sturzbecher am Mittwoch. Er stellt eine Corona-Jugendstudie seines Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung vor. Im Zeitraum vom 24. September bis 10. Dezember 2020 füllten 17.156 junge Brandenburger, meist im Alter zwischen zwölf und 22 Jahren, einen Fragebogen aus. Das waren immerhin 9,7 Prozent aller Jugendlichen, die im Bundesland leben. Mitmachen durfte jeder. Die Ergebnisse überraschen, stimmen sie doch in vielen Fragen so gar nicht mit den Vorurteilen und Erwartungen überein.

So gaben 80,6 Prozent der Befragten an, noch nie von ihren Eltern geschlagen worden zu sein. Seit 1991 untersucht das Institut die Lage der Jugendlichen. So hoch lag der genannte Wert zuvor noch nie. Sturzbecher sieht einen Mentalitätswechsel. Die Eltern von heute betrachten Gewalt nicht mehr als Mittel der Erziehung. Kinder zu schlagen, ist ihnen in der Bundesrepublik seit 20 Jahren verboten. In der DDR hatte es diese gesetzliche Regel bereits früher gegeben. Trotzdem kommt es noch vor.

Anders als gedacht hat aber die Gewalt in Familien im ersten Lockdown nicht zugenommen, insgesamt hat sich das Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern sogar verbessert - wenn der Corona-Studie zu glauben ist. Von den Heranwachsenden, die noch geschlagen werden, gab nur ein Prozent an, es sei während des Lockdowns schlimmer geworden. Neun Prozent sagten, es wurde in dieser Zeit besser. Richtig böse wurde es allerdings für die kleine Gruppe der Jugendlichen, die häufig von ihren Eltern verprügelt werden, also jede Woche. Die müssen ausfindig gemacht, denen muss dringend geholfen werden, sagt Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).

Professor Sturzbecher erläutert, dass 93 Prozent der Fragebögen vor der zweiten Welle der Pandemie, vor dem Beginn des »Lockdown light« am 2. November, ausgefüllt worden sind. Dies sei bei allen Ergebnissen zu berücksichtigen.

90,4 Prozent der Befragten sind optimistisch gewesen, dass sie einen Ausbildungsplatz und eine Arbeitsstelle finden. Das ist der höchste Wert seit 1993 und ziemlich ermutigend. Denn Jugendforscher wissen, dass Pessimismus in dieser Frage unmittelbar damit zusammenhängt, wie sich Schüler um gute Zensuren bemühen. Wenn sie sich sowieso keine Chancen für ihre Zukunft ausrechnen, dann lernen sie in aller Regel weniger fleißig, weil sie denken, es habe ja sowieso keinen Zweck. Immerhin 56 Prozent waren mit dem Distanzunterricht im Frühjahr zufrieden. Technische Probleme hatten dabei nur 30 Prozent. Schließlich lassen sich die wenigsten jungen Leute in technischen Dingen etwas vormachen. Sie müssen sich nichts erklären lassen, sondern erklären im Gegenteil ihren Großeltern, wie mit digitalen Geräten umzugehen sei, sagt Sturzbecher. Erklärungsbedarf hinsichtlich der Technik hatten beim Distanzunterricht eher die Lehrer als die Schüler. Die Befragten haben in den Fragebögen übrigens mehr als 11.000 Vorschläge gemacht, wie Lernrückstände aus dem Lockdown aufgeholt werden könnten.

»Wir werden aus dieser Studie Schlussfolgerungen ziehen. Wir werden sie gründlich auswerten«, verspricht Bildungsministerin Ernst. Sie nennt die Corona-Beschränkungen einen »brutalen Eingriff in jugendliches Leben«. Allerdings zeigt die Untersuchung, dass die Jugendlichen eigentlich nur unter einer einzigen Maßnahme leiden - der Kontaktbeschränkung, die sie daran hindert, Freunde zu treffen. 32,2 Prozent bezeichneten das Kontaktverbot als stark belastend, weitere 19,5 Prozent als sogar sehr stark belastend. Dass sie Masken tragen mussten, dass Geschäfte geschlossen wurden, dass sie immer Abstand halten mussten, wurmte sie viel weniger. Das empfanden weniger als 40 Prozent als belastend, beim Abstandsgebot weniger als 20 Prozent. Aber unter denjenigen, die Maßnahmen als belastend empfanden, herrschte auch Einsicht in die Notwendigkeit. Denn jeweils rund 80 Prozent aller Befragten akzeptierten das Abstandsgebot und Maßnahmen wie Maskenpflicht oder Veranstaltungsverbote, etwa 60 Prozent auch die Kontaktbeschränkungen.

Sturzbecher findet, es sei angebracht, die Jugendlichen zu loben. Sie seien »keineswegs unreifer oder verantwortungsloser als der Rest der Gesellschaft«. Eine Revolte wie in den Niederlanden bezeichnete der Professor dennoch als »in Deutschland nicht völlig ausgeschlossen«. Zwar sind nur sechs Prozent der Jugendlichen zu den hartnäckigen Anhängern von Ansichten zu zählen, das Coronavirus existiere überhaupt nicht und die Politik kontrolliere in dieser Frage die Berichterstattung der Medien. Doch unter diesen sechs Prozent ist die Gewaltbereitschaft sechsmal höher ausgeprägt als unter den Jugendlichen insgesamt. Ein Fünftel der jugendlichen Querdenker ist schon mit Gewalttaten aufgefallen und schließt die Anwendung von Gewalt auch für die Zukunft nicht aus. Das Dumme dabei: Diese Jugendlichen halten sich selbst für außergewöhnlich gut informiert, obwohl sie nicht mehr Zeit darauf verwenden, sich zu informieren, als andere Jugendliche. Sie halten sich auch für überdurchschnittlich politisch kompetent, obwohl sie sich kaum politisch engagieren. Zu einem der vielleicht überraschendsten Befunde der Studie gehört, dass die Jugendlichen die Meldungen im Rundfunk und in den Zeitungen als besonders vertrauenswürdig einschätzen. Den Dingen, die in sozialen Medien verbreitet werden, stehen sie überwiegend misstrauisch gegenüber, sind dort aber dennoch viel unterwegs.

»Ich bin dankbar, dass es diese Studie gibt«, sagt die Landtagsabgeordnete Kathrin Dannenberg (Linke). Sie bedauert dabei allerdings, dass Erkenntnisse aus dem zweiten, sehr langen und noch anhaltenden Lockdown nicht eingeflossen sind. »Wie fühlen sich Schüler nach dem zweiten Lockdown?« Das würde die Politikerin gern wissen. »Da muss man vermuten, dass sich Dinge verfestigt haben«, sagt sie. Die Studie sei schließlich in einer Phase der Hoffnung und der Zuversicht entstanden, verweist Dannenberg auf die Ausführungen von Professor Sturzbecher. Die Abgeordnete möchte sich die Ergebnisse jetzt gleichwohl im Detail anschauen, um herauszufinden, wo unbedingt etwas getan werden müsse. Anhaltspunkte hat sie am Mittwoch bereits gehört: Da gibt es die vielleicht kleine, aber trotzdem nicht zu vernachlässigende Gruppe der Jugendlichen, die benachteiligt sind und denen geholfen werden muss. Und vielleicht ist diese Gruppe zuletzt auch größer geworden.

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