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Früher war mehr Dialog

Sonntagmorgen

Die Autoren dieses Formats mögen szenische Einstiege und Dialoge. Aber seien wir ehrlich, wie viel Dialog gibt es im Moment noch? Ich habe es mal einen Tag für Sie ausprobiert:

Ich sitze am Fenster, das kühle Winterlicht scheint auf mein Gesicht, mein Rücken ist gekrümmt, meine Augen auf den Bildschirm des Laptops gerichtet. Es klingelt. Ich stehe auf, laufe zur Tür und spreche in die Gegensprechanlage: »Hallo?« - »Paket.« Schnell schlüpfe ich in meine Winterstiefel, ziehe eine Jacke über und laufe die Stufen aus dem vierten Stock dem Boten entgegen. Als wir uns treffen, sagt er: »Paket?« Ich nicke. Er tippt auf seinem Gerät herum, erklärt scheinbar seinem neuen Kollegen, was er tut (in einer Sprache, die ich nicht spreche). Nach einer Zeit blickt er hoch: »Können Sie noch ein Paket für den Nachbarn annehmen?« Ich nicke. Er reicht mir ein, zwei, drei Pakete. »Danke«, sagen wir beide. Ich balanciere die Pakete die Treppen hinauf.

Wieder in der Wohnung, gaukelt mir das Winterlicht vor, ich würde die jüngst gekaufte, teure Tageslichtlampe doch nicht brauchen. Nach Feierabend packe ich sie ein, lege den Retourenschein obendrauf, als Rücksendegrund angekreuzt habe ich: »zu groß« - obwohl das offensichtlich nur für Kleidung vorgesehen ist. Ich laufe die Treppen hinunter und zum Späti. Dort angekommen halte ich - etwas umständlich - einem Mann die Tür auf, der sich gerade beim Späti-Verkäufer eine Zigarette angezündet hat. Er nickt mir zu, lächelt. Ich sage in den Raum hinein: »Ich möchte dieses Paket zurückschicken.« Der Verkäufer scannt mein Paket, sagt: »Einfach dahin stellen.« Ich frage: »Kann ich eine Quittung haben?« Er sagt: »Was?« - und reicht mir die Quittung. Ich sage: »Danke.« Und gehe.

Auf dem Rückweg mache ich einen Schlenker über den Platz. Ich komme an einer Gruppe vorbei, vier Menschen unterhalten sich. Ich verspüre einen sehr starken innerlichen Drang, mich dazuzustellen. Ich schaue sie sehnsuchtsvoll an und fürchte, es könnte so wirken, als würde ich sie verurteilen. Schnell schaue ich wieder weg, schlendere nach Hause.

Ich öffne die Tür zu meinem Haus. Vor der zweiten Tür sehe ich durchs Milchglasfenster eine Silhouette, es kommt mir jemand entgegen. Die Tür öffnet sich. Mein Nachbar rülpst. Er sagt: »Sorry.« Ich sage: »Hi.« Ich laufe die Treppen hinauf in den vierten Stock und schließe die Tür.

Machen Sie sich keine Sorgen. Manchmal führe ich auch längere Dialoge. Aber die sind dann meistens übers Handy.

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