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Would you buy me a Mercedes Benz?

Darrel J. McLeod kämpft sich durch kaputte Familienverhältnisse in British Columbia

Ich schwebe im Fegefeuer - diesem Niemandsland zwischen Schlaf und Wachsein - als ich ihre Stimme höre: »Darrel! Ich muss mit dir reden!Komm sofort runter. Biiiitte!«

Ein Uhr morgens an einem Montag, am nächsten Tag Schule. Alle Platten sind durchgespielt und meine Mutter Bertha Dora hat das Transistorradio in der Küche eingeschaltet. Meine Nasenflügel zucken vom Rauch einer frisch angezündeten Zigarette und der Geruch von abgestandenen Bier hängt in der Luft. Toll! Heute finden die staatlichen Prüfungen statt.

Ich erhasche einige Nachrichtenfetzen: Janis Joplin an Heroin-Überdosis gestorben. Der treibende Rhythmus der Bassgitarre steht im Kontrast zu Janis' schriller und rauchiger Stimme, mit der sie den Geliebten beschwört, ihr ein weiteres Stück ihres Herzens herauszureißen. »Komm schon, dreh die Schallplatten um, mein Sohn!«, schreit Mutter.»Ich liebe die Stimme dieser Frau, aber die sagen, dass sie gestorben ist.« Ich weiß, was als nächstes passiert, wenn ich nicht gehorche. Sie wird mit dem Besenstil auf die unterste der zwölf Treppenstufen schlagen, die zu unseren Schlafzimmern führt, und meinen kleineren Brüdern und Schwestern eine weitere schlaflose Nacht bescheren. Trotzdem warte ich noch ein paar Minuten und hoffe, dass sie ohnmächtig oder irgendwie abgelenkt wird, während ich darum bete, dass die Kinder einfach weiterschlafen. Sie hassen es, mir am Morgen zuhören zu müssen,. wenn ich sie antreibe, sich für die Schule fertig zu machen: Gaylene und Holly, kämmt euch die Haare. Travis, putz dir die Zähne und zieh deine guten Sachen an. Du kannst nicht in diesen verbeulten Jeans und alten Turnschuhe in die Schule gehen. Gaylene,setz den Frühstücksbrei auf, und vergiss diesmal nicht, ihn umzurühren. Wenn die Kinder übermüdet sind. ist es noch schlimmer. Dann fängt die Quälerei an. Oh mein Gott, oh mein Gott - ich habe mich geirrt, als ich meine Mutter dazu überredete,meine Geschwister aus der Pflegefamilie zu holen. Sie waren dort besser aufgehoben - bei den Milots. Drei Jahre sind wir getrennt gewesen: Von 1967 bis 1970. Aber jetzt ist es zu spät - wir können sie nicht mehr zurückschicken. Sie haben ohnehin schon zu viel miterlebt. Gaylene und Holly haben in den ersten zwei Wochen jede Nacht geweint - aus Furcht vor der Trunkenheit und den lauten Stimmen der feiernden Fremden in unserem Haus. Sie wissen nicht, dass ich es war, der Mutter dazu überredet hat sie zurückzuholen.Dass ich es war, der Mutter immer wieder gepiesackt und genervt hat, mich zu einem Besuch mitzunehmen und schließlich vor Gericht zu ziehen,. damit meine Geschwister wieder mit uns hier in Athabasca leben können.Nun, es hat funktioniert und jetzt leben wir alle in dieser Hütte hinter der Billardhalle.

»Darrel! Komm her. Bitte, mein Sohn. Ich muss mit dir reden.« Verdammt, sie gibt einfach nicht auf. Ihre Stimme, die normalerweise ein trällernder Alt ist, quietscht, wenn sie versucht, lauter zu werden. Sie erinnert mich dann an Tituba aus Arthur Millers Stück »Hexenjagd«, das wir letztens in unserem Theaterkurs der neunten Klasse durchgenommen hatten. Ja ... das hier ist wirklich wie ein Theaterstück - stell es dir wie ein Stück vor - ein endloses Drama, bei dem sich die Szenen in unserem Wohnzimmer oder unserer Küche abspielen,. jedes Wochenende mit neuen Darstellern. Letztes Wochenende war es Eddie Mullins - Mutter nannte ihn Vater - und flüchtete sich dann in eine lange Erklärung, als sie den verwirrten Ausdruck in unseren Gesichtern sah. Die Requisiten ändern sich in jeder Szene, ebenso wie die Kostüme. Wie zum Beispiel die Wildlederjacke, die ich so liebe.Es gibt aberwitzige Geschichten und Intrigen - so wie letzte Nacht um acht Uhr, als Onkel Andy auf allen Vieren herumkroch und sich einbildete, er sei ein Astronaut, der nach einer erfolgreichen Apollo-Mission auf dem Mond herumkriecht. Das Stück hat sogar richtige Spezialeffekte: überwältigende neue Gerüche, blauer Dunst, die Finsternis bei einem Stromausfall, gelegentliche Blitze eines Unwetters, und schreiende Katzen in der Nähe.

Der Zigarettenrauch meiner Mutter zieht mir ins Gesicht. Ihre heisere Stimme krächzt im Gleichklang mit der von Janis Joplin und fleht voller Inbrunst, dass der liebe Herrgott ihr einen Mercedes Benz kauft.Ich bezweifle allerdings,dass meine Mutter je einen Mercedes oder einen Porsche gesehen hat - jedenfalls ich nicht. Irgendwie spielt das keine Rolle. Sie liebt dieses Lied und versucht Janis zu übertreffen.Mutters Krächzen ist fast genauso dramatisch, aber sie bekommt die Lautstärke nicht hin. Vielleicht schaltet sie jetzt das Radio aus, holt die Gitarre raus und versucht, es selbst zu singen?

Ich niese, ziehe die Decke weg, rolle mich aus dem Bett und ziehe meine schlapprige Unterhose hoch. Dann schnappe ich mir ein T-Shirt eine Hose und ein Paar Socken, um mich gegen die Kälte des Bodens zu schützen. Ich sehe mein rundes Gesicht eines Dreizehnjährigen im zerkratzen Spiegel im Flur - mit dichtem schwarzem Haar,das wirr in alle Richtungen steht, und mit leicht lilafarbenen Tränensäcken unter den Augen. Ich spucke in die Hände, glätte mein Haar und reibe mir die Augen mit den Fäusten. Wohin werden uns ihre Geschichten und Lieder heute Nacht entführen - und wie viele Stunden werden vergehen, ehe ich wieder ins Bett kann? Ich trample die Treppe nach unten, schalte das Radio aus und drehe die Schallplatte um. Johnny Horton erklingt zuerst. »Whispering Pines«. Oh Mann, das wird sie wieder zum Weinen bringen,. aber ich traue mich nicht die Platte zu wechseln. Ich setze mich auf den Küchenstuhl gegenüber von ihr. Mutter zündet sich gerade eine weitere selbstgedrehte Rothmans an und legt sie in den gläsernen Aschenbecher. Der leuchtend helle Funken verbrennt langsam den Tabak und verwandelt ihn in lange graue Asche, die zusammenhält, bis sie die Zigarette hochnimmt. Dann beginnt sie. »Dieser Priester, Vater Jal,. kam ein paar Monate nach dem Tod eures Vaters zu uns, das war kurz, nachdem du geboren wurdest. Es war ein Samstagabend und ihr Kinder habt schon alle geschlafen. Wir lebten damals bei deinem Urgroßvater Mosom Powder in seiner Jagdhütte in der Nähe von Spurfield. Wir hätten auch nirgendwo anders hingehen können. Damals gab es noch keine Witwenrente oder so was. Eines Nachmittags klopfte jemand an die Tür, ich öffnete sie und dieser Pfarrer stand dort. Er war noch Spurfield gekommen, um am nächsten Tag die Messe zu feiern, und er sagte, dass er nachsehen wollte, ob es uns gut ginge. Ich war so beeindruckt, dass er extra kam, um uns zu trösten und für mich und für dich - das neugeborene Baby - zu beten. Also bat ich ihn herein. Er lächelte und fragte, wie es uns ginge, aber ehe ich antworten konnte, kam er näher. Ich dachte, dass er nun beten würde, dass er seine Hände auf deine Stirn oder meine auflegen würde. Stattdessen sah er mich nur mit diesem merkwürdigen Blick an und drehte sich zu mir - und dir den Rücken zu. Ich dachte, er würde die Arme erheben, um das Zeichen des Kreuzes zu machen, um uns und die Hütte zu segnen.. aber stattdessen öffnete er seine Hand und streichelte meine Brust. Mit der anderen fing er an, mich zu befummeln.«

Jesus! Ich hatte bei Vater Jal Religionsunterricht gehabt! Ich musste nach Luft ringen, als ich mir vorstellte,wie dieser gedrungene Pfarrer, der schon eine Glatze bekam, sie mit seinen pummeligen Fingern berührte. Ich beiße die Zähne zusammen. Ich atme tief durch, um mich wieder zu beruhigen - aus Angst, von Gefühlen überwältigt zu werden. Mein Blick kreuzt sich kurz mit dem meiner Mutter, aber keiner von uns kann diese Intensität dessen, was wir da sehen, aushalten. Ich frage mich, ob die anderen Pfarrer, die ich gekannt habe,das Gleiche getan hätten - ich bewundere ohnehin nur einen von ihnen:Vater Fomier. Nachdem ich diese Geschichte gehört habe,verstehe ich, warum Mutter so geweint hat, als ich ihr sagte,dass ich Priester werden möchte, wenn ich erwachsen bin. Wir schweigen eine Weile und starren auf den Küchenboden.

In dieser Nacht erzählt sie mir wieder die Geschichte, wie sie die Internatsschule der katholischen Kirche in Grouard besucht hat. Dass sie ihrer Mutter weggenommen wurde, als sie erst sechs Jahre alt war, und dass sie mit neununddreißig anderen kleinen Mädchen in einem Schlafsaal schlafen musste.Sie erzählt, wie sie und ihre Schwestern gezwungen wurden, Englisch zu lernen. Dann berichtet sie, wie ihre Schwestern Margaret und Agnes, zusammen mit Tante Helen und einigen anderen Tanten, die damals Teenager waren, aus der Schule flüchteten. Merle Haggard trällert gerade die letzte Zeile von »The Fightin'Side of Me.« Die nächste Schallplatte fällt vom Stapel. Die Nadel setzt von allein auf und ein Kratzen ist zu hören.Elvis’ Stimme erklingt mit »There Goes My Everything«. Oh nein, Mutter singt dieses Lied fast immer, wenn sie die Gitarre herausholt. Bestimmt fängt sie wieder damit an, wie sehr das Lied sie daran erinnert, wie mein Daddy gestorben ist oder meine Schwester Debbie schon mit fünfzehn geheiratet hat.

Meine Mutter hat bei ihren Geschichten ein anderes Erzählmuster als die Geschichten, die ich in der Schule höre. Die Zeitlinien verlaufen nie linear, sondern wie in Spiralen. Sie beginnen mit einem bestimmten Element einer Geschichte, gehen über zu einem anderen Teil und springen wieder zu einer ganz anderen Episode. Sie geht jedes Thema mehrmals durch und liefert mit jeder Wiederholung ein wenig mehr Informationen. Anfangs ist es mir schwergefallen, ihr zu folgen, aber ich habe gelernt, dass sie, wenn ich mich einfach zurücklehne und zuhöre, ohne sie zu unterbrechen, sie jede Einzelheit abdeckt und jede Geschichte zu Ende erzählt.

»Tante Margaret und ich sind mit Fallenstellen groß geworden. Jeden Sommer zogen wir in die Wildnis und campten in großen Zelten, um näher bei den Tieren und Vögeln zu sein. Abends saßen wir um das Feuer, Tante Margaret saß mir gegenüber, und wir schnitten Elchfleisch in Streifen, um daraus kakiwak - Trockenfleisch- - zu machen. Ein anderes Mal gerbten wir Elch­ oder Biberfelle.Ich saß dabei immer neben meiner Mutter, deiner Cucuum Adele. Oh, sie regte sich immer auf, wenn ich mal auf die Toilette musste. Das war richtig umständlich. Sie musste mit mir in den Wald gehen, bis wir einen umgestürzten Baumstamm fanden, auf dem ich sitzen und meine Hintern darüber hängen konnte.«

Ich muss innerlich grinsen, wenn ich mir meine starke Mutter mit ihren Männerhänden als zierliches kleines Mädchen vorstelle. Die Einzelheiten in ihren Geschichten und die Intensität ihres Blicks, mit dem sie erzählt, fesseln meine Aufmerksamkeit, aber die Art und Weise, wie sie spricht, als ob das alles erst gestern oder vorgestern passiert wäre, verstört mich. Wir wissen beide,dass all dies schon vor Jahren geschehen ist und dass es ein Teil unserer Familiengeschichte ist, die bald vergessen sein wird.

Darrel McLeod:
Mamaskatch. Entwicklungsroman über einen Cree-Jungen
Aus dem Englischen von Kerstin Groeper und Monika Seiller
Traum Fänger Verlag
300 S., geb., 18,90 €

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