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Kein Fernseh-Indianer sein

Warren Perkins lässt die E-Gitarren in der Reservation krachen

James’ Bewährungshelfer, Mr. Wesson - wie die Waffenhersteller Smith and Wesson - lebte und arbeitete in Flagstaff, von wo aus er seine regelmäßigen Runden ins Reservat machte. Die kurzen Beamtenhaare standen von seinem kantigen Kopf ab und sein Handschlag wirkte, als wollte er einen Wettbewerb gewinnen, bei dem der zum Sieger gekürt wurde, der dem anderen zuerst die Hand brach. Kurz nach dem Pinyon-Ausflug hatte James einen Termin mit ihm in der Reservatsverwaltung. Zuerst der Handschlag. Dann verlangte Wesson den Pisse-Test. »Geht glaub ich nicht«, sagte James. »Na, pressen Sie ein paar Tropfen raus. Viel brauchen wir nicht.« Was das Ganze beinahe unmöglich machte, war die Tatsache, dass Wesson darauf bestand, zum Urinal mitzukommen und zuzusehen. »Vorschrift.«

»Die Vorschrift kann mich mal, ich kann nicht pissen, wenn Sie mir auf den Schwanz glotzen.« Er drehte James den Rücken zu und James schaffte es, den Becher zum Teil zu füllen. Er gab ihn ihm mit einem zornigen Blick zurück. »Herrgott!« Sie gingen zum Büro zurück und Wesson sagte: »Wird hoffentlich sauber sein.«

»Wird es.«

»Wie man hört, sind Ihre Kumpels ziemliche Kiffer.«

»Austin erzählt Ihnen jede Menge Scheiß.«

»Sie sollten Pastor Austin eigentlich dankbar sein.«

»Ich bin ihm für den Proberaum dankbar, aber das gibt ihm nicht das Recht, sich in unsere Musik einzumischen oder uns nachzuspionieren.«

»James, meine Aufgabe liegt darin, dass Sie sich an die Bewährungsauflagen halten.«

»Okay, okay, machen Sie ruhig Ihren Job. Reißen Sie sich den Arsch auf. Sie werden nichts finden.«

James fiel es nicht schwer, clean und nüchtern zu bleiben, aber dass die Urinprobe positiv ausfallen könnte, machte ihn dennoch nervös. Was, wenn das bisschen Passivrauchen von Nolans Qualm in der Pisse auftauchte? Er verbrachte schließlich ziemlich viel Zeit mit Nolan und der verbrachte ziemlich viel Zeit damit, zugekifft zu sein. Putrefaction sollte bald auftreten, ein Halloween-Konzert in Gallup. Es herrschte also Probendruck. Sie konnten nur die Hälfte ihrer eigenen Lieder einigermaßen spielen, aber es blieb nie genug Zeit, richtig daran zu arbeiten. Fast jede der geplanten Proben scheiterte daran, dass das eine oder andere Bandmitglied einen Grund fand, nicht aufzutauchen oder sich nicht an die aufgestellten Regeln zu halten. Zendricks Problem war seine große Familie, die ihn immer wieder in irgendein Chaos hineinzog. Nolan dealte nach wie vor, und üben konnte er nicht, ohne zugekifft zu sein. Allesamt Fuck-ups, keine Disziplin. James rief in der darauffolgenden Woche Wesson an, nur um sicher zu gehen. »Jaja, sauber«, sagte Wesson. »Wieso haben Sie sich denn Sorgen gemacht?«

»Wollte es nur aus Ihrem Mund hören.«

Für den Rest des Monats schaffte es die Band fast jeden Abend, sich wenigstens für ein paar Stunden zu treffen. Langsam ging es auch mit den Liedern aufwärts. Alles Originale. Keine Scheiß-Covers. Neben Angie war die Band das Beste, was ihm je passiert war. James tat alles dafür, dass die anderen Bandmitglieder keinen Scheiß bauten. Wie sehr er sich auch bemühte, sich zusammenzureißen und keine Dummheiten zu machen - Metal würde er niemals dafür opfern. Angie schlug vor, Schminke für den Auftritt zu besorgen. James musste unwillkürlich an KISS oder eine andere glam band denken. »Aber es ist schließlich Halloween«, sagte Angie. »Glaubst du nicht, dass sich die anderen verkleiden?« Da niemand wusste, ob sie sich im Theater schminken konnten, half Angie ihnen, die schwarze und weiße Schminke vor der Fahrt nach Gallup aufzutragen. James war erstaunt darüber, wie sehr ihm sein eigenes Gesicht als mörderischer Zombie gefiel und er bat Angie, das Ganze durch die Schwärze unter seinen Augen zu betonen. Angie selber trug eine Perücke und klebte sich lange schwarze Fingernägel auf, aber sie war die einzige im Bus, die nicht geschminkt war.

Sie saßen in dem Bus, den sie von Leons Vater geliehen hatten. Leon war als Dracula verkleidet. Weißes Gesicht. Umhang mit hohem Kragen. Das beschissene Blaulicht und die Sirene tauchten auf, als sie gerade die Grenze nach New Mexico in der Nähe der Nazarene Elementary School überquerten. Ein paar Kids auf dem Schulhof hörten mitten im Spielen auf und glotzten. »Seid ihr nicht ein bisschen zu alt für so was?«, sagte der Bulle. Es handelte sich um einen New-Mexico-Highway-Bullen, einen Indianer. »Wir treten in Gallup auf«, klärte ihn Leon auf und versuchte dabei ganz normal zu klingen. James war froh, dass er nicht den transsilvanischen Akzent auspackte, den er vorhin geübt hatte.

»Wer tritt auf?«, fragte der Bulle. »Autopapiere bitte.«

»Wir. Wir treten auf. Putrefaction.«

»Ihr rechtes Bremslicht ist kaputt.«

»Ist doch halb so schlimm, oder?«

»Schlimm genug für eine Verwarnung. In zwei Wochen muss das repariert sein. Was ist denn Putrefaction, eine von diesen Gangster-Rap-Bands?«

»Nee, Death Metal. Nur echte Musik.«

»Vielleicht soll ich eure Namen alle überprüfen lassen.«

»Wirklich nicht nötig, Herr Kommissar. Doch nicht wegen einem Bremslicht.«

»Das lass mal mich entscheiden.«

Also saßen sie eine gute Stunde im Wagen herum, während er sämtliche Namen der Autoinsassen in den Computer tippte. Angie hatte keinen Ausweis bei sich, aber das ließ er durchgehen. Sie war schließlich eine Frau. Ohne Kostüm. Keiner war vorbestraft, allerdings nur, weil Zendrick dem Polizisten den Ausweis seines Bruders gab und deswegen nicht in der Datenbank auftauchte.

Die Straße war kalt und fast ganz dunkel, als sie endlich das renovierte Kino im Stadtzentrum betraten. Die Bühne war etwas schmal und der Beleuchtungstyp hatte keine Ahnung, aber der Sound war laut und deutlich und es gab jede Menge Platz, weil nicht viel Publikum da war. Es war eine Show für alle Altersgruppen, also gab es keinen Alkohol, und die meisten Leute, die er zwischen den Sets herumlaufen sah, waren Kids mit T-Shirts von Bands aus den Achtzigern. Black Sabbath. AC/DC. Iron Maiden. Destruction. Kids des 21. Jahrhunderts, die jüngere Generation, und die hielten immer noch an diesen alten Bands fest, waren irgendwie in den Achtzigern steckengeblieben. Einige von ihnen lächelten sogar. »Wo stecken denn alle? Ich meine, wo sind die Leute in unserem Alter?«

»’Amá Da’alzhishídi daats’í«, sagte Angie selbstironisch. Das war der Name einer der Bars in Gallup, die ein zweisprachiges Schild über dem Eingang hängen hatte. The Roundup. Auf Navajo ’Amá Da’alzhish, was Tanzende Mütter bedeutet, benannt nach den Frauen, die mit ihren Cowboystiefeln stampften und in engen Jeans mit ihren Ärschen wackelten, während ihre Kinder zu Hause saßen.

Als die Band zwei Songs des Sets gespielt hatte, fingen sie an, sich wohl zu fühlen. Gerade als sie die Anfangsakkorde zu »See You in Hell« spielen wollten, fing einer im Publikum an, irgendwas zu brüllen. Durch die Scheinwerfer geblendet, konnte ihn niemand auf der Bühne besonders gut sehen und anfangs war er auch nicht deutlich zu verstehen. Dann hörte James, wie er Zendricks Namen brüllte. »Du Schlappschwanz! Du Schwanzlutscher!« James guckte Zendrick an. »Kennst du den?«, fragte James. Zendrick machte Anstalten, die Gitarre wegzulegen. »Lass es gut sein«, sagte James. »Das ist doch nur irgendein Arschloch.«

»Stimmt«, sagte Zendrick. »Es gibt zwischen ihm und meinem Vetter böses Blut. Was er über mich sagt, kümmert mich ’nen Dreck, aber jemand sollte ihm beibringen, vor all diesen Leuten seine Scheißfresse zu halten.« James sah erleichtert, dass zwei Türsteher den Unruhestifter inzwischen an den Armen gepackt hatten. An diesem Abend klang die Band richtig gut. Selbst Zendrick, dem sein Adrenalin mehr Kraft und Präzision beim Spielen verlieh. Jeder in der Band spürte es, das war deutlich. Sie steckten sich gegenseitig mit ihrer Energie an. Aber keiner im Publikum merkte das, keiner scherte sich darum. Eins von den Kids fragte nach einem Metallica-Song. James sagte nur: »Nichts Gecovertes, Mann.«

Ab Anfang November war die Touristensaison so gut wie tot. Trotzdem fing man zum Glück bei Hubbell’s erst Mitte Dezember an, Leute zu entlassen. Also gab James immer dann eine Führung, wenn die Gruppe groß genug war. Meistens brachte die Sonne draußen keine Wärme mit sich, nicht einmal um die Mittagszeit. An einem Nachmittag lag James bei Angie auf der Couch in dem langen Rechteck, das die tiefstehende Sonne in den Raum zeichnete. Durch die Fenster wärmte die Sonne immer noch. James hatte ein Bier getrunken, und das hatte ihn schläfrig gemacht. Er war sich nicht sicher, ob er nachdachte oder träumte. Winona kam zu ihm herüber, legte ihre klebrige Hand auf sein Gesicht und lachte. Als er die Augen öffnete und sie anblinzelte, lachte sie ein zweites Mal, kehrte ihm den Rücken zu, machte zwei Schritte und drehte sich wieder grinsend um. Er blinzelte sie nochmal an und sie lachte. Sie wollte wieder sein Gesicht betatschen, aber er setzte sich auf. »Angie, hol dein verflixtes Kind. Ich muss kacken.«

Das Bad, mehr als jedes andere Zimmer, gehörte offensichtlich Angie: kleine rosafarbene muschelförmige Seifen in kleinen geblümten Emailleschälchen, Handtücher mit Spitzenbordüren, ein pastellblauer Papierkorb mit gelben Margeriten. James saß auf dem Klo und schaute sich nach etwas zum Lesen um. In diesen Momenten fiel ihm immer am deutlichsten auf, wie wenig in Navajo-Haushalten gelesen und geschrieben wurde. Ein kleines Pappschächtelchen lag auf den gebrauchten Taschentüchern im Mülleimer. Er nahm es in die Hand und hielt es zuerst für eine Tampon-Schachtel. Toll - erst mal keinen Sex. Aber die Aufschrift lautete: »Eindeutiges Ergebnis. Schwangerschaftstest.«

»Was zum Teufel!«, schrie er. Er wühlte nach dem Teststreifen, fand ihn aber nicht. Er wusch sich die Hände, nahm die Schachtel mit ins Wohnzimmer und hielt es Angie unter die Nase. »Was ist das?«

Die Pferde gingen nebeneinander her. »Ich kann mich an die Zeit erinnern, als hier noch Leute wohnten«, sagte Max. »Wir kamen immer vorbeigeritten und die ganzen kleinen Kids reihten sich vor den Häusern auf und winkten uns zu. Oder liefen ins Haus, um sich zu verstecken. Die meisten von denen, die sehr weit draußen wohnten, versteckten sich.«

In der Ferne sah James den dunklen Punkt am Horizont, der auf Englisch Pilot Rock genannt wurde, ein Stück schwarzer Basalt mitten in dem weiten lehmigen Ödland. Die Pferde schienen die Last der Entfernung und der Sonne und der Dürre zu spüren und schleppten sich mit hängenden Köpfen weiter. Max fiel zurück, um neben James reiten zu können. »So, gefällt’s dir, wieder hier draußen zu sein?«

»Im Reservat? Klar.«

»Meinst du? Kommt mir heruntergekommen vor. Genug, was du hier anpacken könntest, vor allem wenn du sowieso keinen Job hast.«

Er hätte Max erwidern sollen: »Und wieso hast du’s in all diesen Jahren nicht selber angepackt?« Stattdessen sagte er: »Ja, es gibt genug zu tun. Fällt alles auseinander. Vielleicht sollte ich einfach ein bisschen hier draußen bleiben.«

»Ich könnte ein bisschen Dachpappe besorgen und du könntest am Haus von meiner Mutter mit den Dächern anfangen. Haste sonst was vor?«

»Weiß ich nicht. Guck mich halt um. Bis jetzt sieht es alles eher nach nix aus.«

»Könnte dir vielleicht ’nen Job bei der Raffinerie besorgen.«

»Danke, nee. Keine Lust in Flammen aufzugehen.«

Ein Jahr zuvor hatte es in dem Werk eine Explosion gegeben, fünf Menschen waren ums Leben gekommen. Die Zeitungen und Radiosender hatten solange ständig darüber berichtet, bis der letzte der verletzten Mitarbeiter gestorben war.

Es hatte keinen Zweck, Max von seinen eigentlich ungenauen Musikplänen zu berichten, zumal Max kein Instrument spielte und

außerdem am liebsten banalste Country & Western-Musik hörte.

Und mit ihm darüber zu prechen, dass er mit Terri Schluss gemacht hatte und es in dieser Ecke hier einfach zu wenig Frauen gab, hatte auch keinen Sinn. Von Max würde er sich sowieso nicht beraten lassen; der hatte immerhin drei Kinder von zwei Ehefrauen. Alle redeten sie nicht mehr mit ihm.

Zu James’ Zeit hatte es immer weniger Cowboytypen gegeben, und Null-Bock-Typen und Heavy-Metal-Fans waren häufiger geworden. Und die Musik wurde besser.

Warren Perkins:
Navajo Live. Ein Heavy-Metal-Leben im Reservat
Aus dem Englischen von Marilya Veteto Reese und Klara Schroth
Verlag Schiler & Mücke
304 S., geb., 14,00 €

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