Linksliberale Transverteidigung

JEJA NERVT: Was es zum Abbau von Ignoranz transfeindlicher »Feminist*innen« braucht, sind Argumente - nicht das Beharren darauf, dass etwas diskriminierend sei

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Transgeschlechtliche Menschen gegen Ungerechtigkeiten oder »feministisch« begründeten Hass zu verteidigen, ist in linksliberalen Kreisen en vogue. Schließlich lässt sich durch die Verteidigung der Rechte von Transpersonen auch die eigene Liberalität unterstreichen. Umgekehrt halten sich transgeschlechtliche Menschen in linksliberalen Blasen auf, auch, weil sie hier weniger Anfeindungen ausgesetzt sind. Doch wenn die Interessen von Trans nur in einer Sprache der Vielfalt ausformuliert werden, entsteht ein hohler Diskurs, der leicht anzugreifen ist. Darunter leiden wiederum transgeschlechtliche Menschen. In der Auseinandersetzung mit verbal aufgerüsteten Transhasser*innen gehen sie mit ihrem Vokabular von Anti-Diskriminierung und Diversity oft gnadenlos unter.

Im »nd« wurde zum Beispiel jüngst Roman Aaron Klarfeld vom Verein »TransInterQueer« aus Berlin interviewt. Zur Ausbreitung von Transfeindlichkeit unter Feminist*innen gefragt, antwortete Klarfeld, das Phänomen gäbe es »nicht mehr oder weniger als unter Menschen, die nicht feministisch eingestellt oder aktiv sind«. Doch der Gestus, Menschen möglichst wenige Eigenschaften zu- oder absprechen zu wollen, um sie nicht zu »diskriminieren«, führt auch in diesem Fall zu weniger und nicht zu mehr Erkenntnis. Natürlich sind Feminist*innen eher Verbündete von transgeschlechtlichen Menschen. Sie teilen am stärksten die Ansicht, dass die Form von Genitalien nicht bestimmen sollte, wer ein Mensch zu sein hat oder wie er sein Leben führen müsse. Dass sich viele darum auch für Transrechte einsetzen, ist nur folgerichtig.

Es ist eine strategische Schläue, solche »diskriminierenden« Vorannahmen darüber zu treffen, mit wem Bündnisse eher denkbar sind und von wem man sich lieber fernhält. Diese Schläue wird sich jedoch, meiner Beobachtung nach, in bestimmten Teilen der transgeschlechtlichen Öffentlichkeit systematisch abtrainiert. Stattdessen werden mantraartig einander überschneidende Diskriminierungsformen durchdekliniert und aus den sich daraus ergebenden hierarchischen Zuordnungen Forderungen abgeleitet, wer auf wen in welchem Ausmaß Rücksicht zu nehmen habe. So nachvollziehbar das alles insbesondere vor dem Hintergrund der täglichen Ausgrenzungen, der Gewalt und psychischen Verheerung ist, unter denen transgeschlechtliche Menschen, ich auch, leiden: hier findet keine Aufklärung statt. Es lassen sich auch kaum Milieus erweitern, in denen sich Trans einfach aufhalten können, ohne ständig behelligt und belästigt zu werden. Was es zum Abbau von Transfeindlichkeit und Ignoranz braucht, sind Argumente, die Erkenntnis herstellen - nicht das bloße Beharren darauf, dass etwas diskriminierend sei.

Diese Form der Gegenöffentlichkeit, die wir gegenwärtig beobachten können, geht auch auf eine Idee aus der Sprachphilosophie zurück, die im Werk Judith Butlers angelegt ist. Die Theorie performativer Sprechakte besagt, dass wir beim Sprechen nicht nur dasjenige beschreiben, worüber wir sprechen. Vielmehr bringe die Art, wie wir über Gegenstände sprechen, und zwar wieder und wieder, diese Gegenstände immer erst hervor - zum Beispiel Männer und Frauen. Wir konstruieren also die Realität so, wie wir über sie sprechen. Daraus haben sich jedoch auch problematische Strategien des Feminismus und der Bewegung für die Rechte von Trans entwickelt. Die Analyse, die Kritik wurden teilweise durch die Hoffnung abgelöst, die Wirklichkeit zu verändern, wenn man bestimmte Äußerungen mit den besten Absichten einfach immer und immer wiederhole.

Transexkludierende »Feministinnen« haben sich das zunutze gemacht. Als sektiererischer Onlinekult ziehen sie seit Jahren durch die sozialen Netze und schleudern mit wortgewaltigen Verletzungen um sich. Statt als Antwort das hundertste Mal das einstudierte Glaubensbekenntnis um die eigene Existenzberechtigung herunterzubeten, sollten wir anfangen, diese Arschlöcher inhaltlich ernst zu nehmen - denn dann bleibt von dem pseudointellektuell aufgemotzten Getöse nur heiße Luft übrig.

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