Alte Turnschuhe in neuem Glanz

Lose Sohle oder Loch im Schuh - das Start-up Sneaker Rescue gibt sein Bestes.

  • Von Anna-Lena Schlitt
  • Lesedauer: 7 Min.
Hagen Matuszak (links) mit zwei weiteren Sneaker-Rettern in ihrer Neuköllner Werkstatt
Hagen Matuszak (links) mit zwei weiteren Sneaker-Rettern in ihrer Neuköllner Werkstatt

LPAA2183 steht auf der Sohle eines ziemlich ramponierten schwarzen Turnschuhs. Das Kürzel verrät, welche Reparatur den Schuh in Hagen Matuszaks Werkstatt erwartet: L steht für Lining und meint das Innenfutter im Fersenbereich. »Das reparieren wir häufig«, erklärt Matuszak. Vor drei Jahren hat der 24-jährige Berliner Sneaker Rescue gegründet - einen Reparaturservice für Sneaker.

»Wir haben in den letzten drei Jahren über 10 000 Paar repariert«, erzählt der gelernte Orthopädieschuhmacher stolz. Dabei sei ihm aufgefallen, dass alle Schuhe an den gleichen drei Stellen kaputt gehen: Die Sohle löst sich ab, im Ballenbereich entstehen Löcher oder das Innenfutter an der Ferse scheuert durch. So auch im Fall von LPAA2183. Im schwarzen Netzstoff klaffen zwei große Löcher. »Bei Textilfutter passiert das leichter«, erklärt Mitarbeiterin Luise Gebert.

»Luise macht super Linings«, sagt Matuszak und nickt in Richtung der jungen Frau, die umgeben von lädierten Sneakers in der Werkstatt sitzt. Sie lächelt schüchtern unter ihrem Beanie. Im September hat sie bei Sneaker Rescue angefangen - direkt nach ihrer Ausbildung zur Schuhmacherin. »Ich hatte Lust auf Handwerk«, sagt sie. Dass sie in Matuszaks Start-up mit jungen Leuten zusammenarbeiten kann, ist für sie ein weiterer Pluspunkt.

Bevor LPAA2183 neue Linings bekommt, muss erst einmal das Loch an der Ferse aufgepolstert werden: Gebert schneidet das Polstermaterial passgenau zu. Damit später nichts scheuert, werden die Ränder abgeschliffen. Die alte Schleifmaschine ist mit Staub überzogen. Warum, zeigt sich, als Gebert den Oldtimer anwirft. Während sich die Schuhmacherin von den groben zu den feinen Schleifbändern arbeitet, rieseln unzählige kleine Partikel zu Boden. Der Motor der Schleifmaschine dröhnt. Matuszak hat sie gebraucht gekauft.

Auch die Reparatur-Nähmaschine ist schon älter - funktioniert aber noch einwandfrei. »Die neuen haben einen Motor«, lacht Gebert während sie an der Handkurbel dreht. Jetzt bekommen die Turnschuhe ein neues Futter. Mit einem leisen Quietschen senkt sich die Nadel in den Stoff. Damit die neue Naht später nicht auffällt, muss Gebert die alten Stiche treffen. »Das kann ich mit dem Handrad besser kontrollieren.«

Die Nähmaschine stammt aus der Werkstatt von Matuszaks Vater. Der ist auch Orthopädieschuhmacher, genau wie Matuszak es gelernt hat. »Ich bin da halt so reingerutscht«, der 24-Jährige grinst. Nach der Schule beginnt er seine Ausbildung, danach geht es in die Schweiz: Erst mal Geld verdienen, sagt er. »Ich wusste immer, dass ich was Eigenes will«. Nur wusste er nicht, was. Als er eines Tages eingestaubt an der Schleifmaschine steht, kommt ihm die Idee: eine eigene Sneaker-Werkstatt!

2018 wagt Matuszak dann den Schritt in die Selbstständigkeit: Er gründet Sneaker Rescue. Die ersten Schuhe repariert er noch in seinem Berliner WG-Zimmer. Doch die Nachfrage ist groß, mehr Platz muss her. Erst bezieht der junge Schuhmacher eine Gemeinschaftswerkstatt im Bezirk Pankow, ein Jahr später dann die eigene Werkstatt in Neukölln.

Reparieren ist billiger

Über der Tür des Backsteinbaus, unweit der Britzer Straße, leuchtet eine Neon-Reklame - natürlich in Form eines Sneakers. Darunter geht es zwei Stufen hinab in die Werkstatt. Gearbeitet wird zu lauter Musik. Ab und zu macht jemand Kaffee. Die Stimmung ist entspannt, gerade gibt es nicht so viel zu tun wie sonst.

»Normalerweise ist das randvoll«, sagt Matuszak und deutet auf ein metallenes Hängeregal direkt neben der Tür. Heute stehen dort nur sechs Pakete. Der Grund dafür: Die Coronakrise. Lange hatte die Krise keine Auswirkungen auf das Startup. Während viele Betriebe schließen, kann bei Sneaker Rescue weiter gearbeitet werden - mit einer zweiwöchigen Ausnahme im ersten Lockdown. Abstand halten ist hier kein Problem, schließlich kommen die Schuhe coronakonform per Post.

Doch langsam machen sich die Folgen des Lockdowns auch in der Sneaker-Werkstatt bemerkbar. Die Anfragen gehen zurück - aus finanziellen Gründen, glaubt Matuszak: »Je länger das dauert, desto malträtierter sind ja auch die Leute - vom ganzen Kurzarbeitergeld und so weiter«. Doch der junge Schuhmacher ist zuversichtlich, dass sich die Regale bald wieder füllen werden - reparieren sei letzten Endes immer noch billiger als ein neues Paar zu kaufen.

Die Päckchen kommen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber auch aus Portugal gab es schon Anfragen. Und aus Hawaii. Den Auftrag habe er nicht angenommen, sagt Matuszak. »Wäre ja bescheuert, einmal um die Welt nur für ein Paar neue Sohlen.« Dass die Schuhe per Post kommen, findet der junge Schumacher ohnehin nicht optimal. Deshalb gibt es zumindest für Berliner*innen bald eine umweltfreundliche Alternative. Für einen kleinen Aufpreis werden die kaputten Treter direkt vor der Haustür abgeholt - mit dem Lastenrad.

Mit seinem Start-up will Matuszak ein Zeichen für Nachhaltigkeit setzen: »Wir müssen aufhören, mit Schuhen so viel Müll zu machen.« 10 000 Tonnen werden dem Berliner zufolge allein in Deutschland jedes Jahr weggeworfen. Mit Sneaker Rescue will er die Lebensdauer der Schuhe verlängern. »Meiner Meinung nach ist das nachhaltigste Kleidungsstück das, was man am längsten trägt - was man reparieren kann«, sagt er bestimmt.

»Der braucht noch Patches!« Gebert deutet auf die beiden Löcher im Ballenbereich von LPAA2183 - und klärt damit auch die Bedeutung von PAA: Die offenen Stellen werden mit passenden Flicken unterfüttert und wieder verschlossen. »Das wird eine Bastelarbeit«, murmelt die junge Schuhmacherin, während sie den linken Schuh von allen Seiten betrachtet.

Vor ihr auf dem Tisch liegen schon zwei Patches bereit. Gebert bestreicht sie mit Lederkleber. Es riecht nach Lösungsmitteln. Dann heißt es warten, denn der Kleber muss einziehen. »Das stinkt ganz schön«, lacht Gebert. Bevor sie den Flicken von innen unter das Loch presst, streicht sie noch eine extra Schicht Kleber auf das Leder: Doppelt hält besser.

Jetzt muss nur noch der Riss an der Oberfläche geflickt werden. »Normale Schuhmacher würden da jetzt einfach mit der Maschine drüber nähen«, sagt Gebert. Sie selbst näht den Riss von Hand zusammen - durch den Matratzenstich fällt die Naht kaum auf. »Den muss man tragen, dann sieht man es nicht mehr.« Die Schuhmacherin klingt zufrieden. LPAA2183 ist fertig - bereits der 83. Schuh für 2021.

Die Schuhmacher*innen von Sneaker Recue kriegen so gut wie jeden Turnschuh wieder hin - »außer so richtige Totalschäden«, lacht Matuszak. Nicht mehr zu retten sind zum Beispiel Schuhe, bei denen sich die Weichmacher aus dem Boden lösen. Zur Illustration fischt er ein Paar aus einem Schuhkarton. Die Sohle ist porös - und bröckelt an einigen Stellen. »Da können wir nichts mehr machen«, sagt Matuszak, »zumindest nicht ohne Spenderpaar«. Schicken die Kund*innen ein zweites Paar mit, lässt sich der Boden im besten Fall austauschen.

Schuhe mit Geschichte

Am liebsten würde Matuszak mit Originalmaterial arbeiten - der Kundschaft zuliebe. »Meistens wollen die Leute die Sneaker so original wie möglich«, erklärt er. Doch die großen Unternehmen lehnen seine Kooperationsanfragen ab. »Die scheißen da natürlich drauf. Die wollen, dass keiner mit Originalmaterial repariert.« Matuszak klingt verärgert. Derzeit muss er noch auf optisch ähnliches Material ausweichen. Doch nicht für alle Sohlen gibt es einen entsprechenden Ersatz. Und seine Kundschaft ist anspruchsvoll, nicht alle sind mit einer No-Name-Sohle zufrieden.

Zu seiner Kundschaft gehören drei Gruppen: »Die Sneakerheads, die ihre 8000 Euro Botten haben, die Nachhaltigen, und dann gibt’s noch die, die eine Verbindung zu dem Schuh haben - Weltreise, Lieblingsschuh vom toten Vater oder so«, fasst Matuszak zusammen. Geschichten von Weltreisen und toten Vätern liest er öfter. In den Kartons neben den Schuhen liegen kleine Briefe - manche handgeschrieben, andere getippt. Viele Menschen haben eine besondere Beziehung zu ihren Schuhen, findet Matuszak. »Das finde ich schon krass.«

Gerade tüftelt der junge Schuhmacher an einem eigenen Sneaker, der nicht so schnell kaputtgeht. »Wir wollen, dass man diese Schuhe zehn Jahre trägt«, sagt Matuszak. Deshalb bekommen die Sneaker an den Sollbruchstellen spezielle Verstärkungen. Und einmal im Jahr geht’s zum TÜV bei Sneaker Rescue - so zumindest die Idee. Die erste Reparatur ist im Preis inklusive. »Im Frühling wollen wir ausliefern können«, sagt Matuszak. Er grinst vorfreudig. Das Design steht, die Prototypen werden gerade angefertigt - jetzt fehlt noch das Drumherum: »Verpackung, Karton, ein bisschen Werbung - und dann geht’s ab.«

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