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Erst den Lorbeer, dann eine Abfuhr

Weil ein sächsischer Fördertopf nicht reicht, stehen bewährte Integrationsprojekte wie »Thespis« in Bautzen ohne Geld da

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch einem Projekt des deutsch-sorbischen Volkstheaters ind Bautzen könnte bald das Geld ausgehen.
Auch einem Projekt des deutsch-sorbischen Volkstheaters ind Bautzen könnte bald das Geld ausgehen.

Im November gab es den Lorbeer: Das Theaterprojekt »Thespis« aus Bautzen wurde mit dem sächsischen Integrationspreis geehrt. Die Initiative des deutsch-sorbischen Volkstheaters habe mit einem »sehr kreativen Ansatz« in der ostsächsischen Stadt »Brücken zwischen Bekannten und Unbekannten« gebaut, lobte die Jury, der neben dem Ausländerbeauftragten auch Petra Köpping (SPD), die Chefin des Sozialministeriums, angehört.

Im Dezember war es mit der Freude vorbei. Ein Förderantrag auf Mittel aus dem Topf für »Integrative Maßnahmen« von Köppings Ministerium für »Thespis« wurde abgelehnt. Derzeit hält nur eine Finanzspritze der Bundeszentrale für politische Bildung das Projekt über Wasser, sagt Lutz Hillmann, der Intendant des Theaters: »Wir halten die Luft an.« Wenn bis April keine Lösung gefunden sei, müssen Mitarbeiter und Räume gekündigt und das Projekt abgewickelt werden.

Thespis ist eines von vielen Projekten, die in Sachsen das Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern gestalten und die Integration letzterer befördern wollen – im konkreten Fall mit einem für Sachsen eher ungewöhnlichen Ansatz: Theaterspiel. Es habe eine »sehr sozialisierende Wirkung«, sagt Hillmann. Die Beteiligten würden im gemeinsamen Spiel »Empathie für ihr Gegenüber und für Themen entwickeln«.

Das ist überall im Land wichtig, in Bautzen aber noch etwas mehr. Die Stadt sorgte mehrfach mit schlimmen Vorfällen für Aufsehen: der Brand des Hotels Husarenhof, das Flüchtlinge beherbergen sollte, die Hatz auf Migranten auf dem Kornmarkt. Für besseres Miteinander in der Stadt zu sorgen, ist erklärter politischer Wille. Thespis, das sich als »sozio-theatrales Zentrum« bezeichnet, trug in drei Jahren, in denen es vom Land gefördert wurde, dazu bei. Es gab Inszenierungen einer Bürgerbühne mit Menschen verschiedener Herkunft, Schulprojekte, Theaterfestivals. Die Jury des Integrationspreises erwähnte die Inszenierung »Frauenpower und Stimmgewalt« mit Frauen aus 20 Ländern. »Wir waren erfolgreich«, sagt Hillmann.

Dennoch versagte der Freistaat eine weitere Förderung – womit »Thespis« aber nicht allein ist. Auch andere renommierte Träger wie »Bon Courage« in Borna oder das »Haus der Kulturen« in Chemnitz erhalten kein Geld mehr. Die Integrationsarbeit in Sachsen, sagt Jule Nagel, zuständige Fachpolitikerin in der Linksfraktion, sei »schlimm unterfinanziert«.

Auf den ersten Blick stimmt das nicht: Der Topf für »integrative Maßnahmen« im noch nicht beschlossenen Doppeletat für 2021/22 fiele mit 11,5 Millionen Euro genau so groß aus wie in den Vorjahren. Allerdings ist ein erheblicher Teil des Geldes für bereits bewilligte mehrjährige Projekte reserviert, außerdem für Fixposten wie psychosoziale Beratung. Faktisch stehen weniger als fünf Millionen Euro für neue Projekte zur Verfügung. Dem stehen Anträge im Volumen von 20,8 Millionen Euro gegenüber, anderthalbmal so viel wie 2019. Als Folge wurden neben dem Antrag von »Thespis« auch 74 weitere abgelehnt. Bewilligt wurden 46 für bereits laufende Projekte und 37 Erstanträge. Die seien zudem regional sehr ungleich verteilt, kritisiert Nagel. Allein etwa die Hälfte komme aus Dresden und Leipzig.
Nagel plädiert angesichts der zahlreichen Ablehnungen dafür, die Förderrichtlinie neu zu strukturieren. So solle die psychosoziale Beratung aus einem anderen Topf finanziert werden. Auch müsse bei etablierten Projekten »der Schritt zur institutionellen Förderung« gegangen werden. Dass diese sich wegen der Fördermodalitäten »alle drei Jahre neu erfinden« müssten, sei ärgerlich. Bautzens Intendant Hillmann spricht von »Förderantragsdichtung«, die viel Kraft binde.

Auch aus der Koalition wird gefordert, den Topf für Integrationsprojekte aufzustocken: »Er ist sicher zu klein«, sagt Petra Čagali Sejdi (Grüne). In Verhandlungen mit CDU und SPD hofft sie auf Nachbesserungen. Allerdings ist der Etat, unter anderem wegen der Kosten für die Bewältigung der Corona-Pandemie, schon jetzt im Ungleichgewicht. Am Bautzener Theater hofft man indes auf Bewilligung eines weiteren Förderantrags für Thespis, gestellt in Absprache mit dem Ministerium. Käme sie, wäre die Finanzierung von Mai bis Dezember gesichert. Unter dem Titel »Thespis on Tour« wolle man das Anliegen in die Region tragen, sagt Hillmann. Für 2022 heißt es dann erneut: Antrag stellen und hoffen.

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