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  • »Mädchen, Frauen etc.«

So ein Theater!

Bernardine Evaristo stemmt sich mit ihrem preisgekrönten Roman »Mädchen, Frauen etc.« gegen falsche Erwartungen und verzerrende Sichtweisen in Fragen von Gender, Rassismus und Diversität

  • Von Ingo Petz
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Autorin als sie selbst ohne großes PR-Chichi
Die Autorin als sie selbst ohne großes PR-Chichi

Früher hat Amma Stücke für die Off-Szene inszeniert, krawallig, feministisch, sie »schleuderte als Rebellin Handgranaten auf das Establishment, das sie ausschloss«. Nun steht sie vor der Premiere ihres ersten Stückes am National Theatre. Sie ist also im Kulturestablishment Großbritanniens angekommen. Nicht weil sie sich großartig verändert hätte, sondern weil sich die Welt verändert hat, und der »Mainstream zu schlucken begann, was mal radikal war«. Nun lechzt er auch nach radikalfeministischen Stücken, in denen lesbische Amazonen aus dem Benin gegen ihre Kolonialherren aufbegehren und sie niedermetzeln. Wokeness macht es möglich. Dieser Bewusstseinszustand, der wie ein Peilsender auslotet, wo es um Rassismus, Sexismus oder soziale Ungerechtigkeit gehen könnte; wach sein heißt das Zauberwort für den Zugang zur Welt der Erleuchteten, an der selbstverständlich auch der eher biedere Theatergeher mal ein wenig schnuppern will. Wer will sich schon sagen lassen, auf der Empathieebene eines Neandertalers, äh, beziehungsweise einer Neandertalerin hängengeblieben zu sein?

Gender, Diversität und Rassifizierung sind die Lebensthemen der britischen Schriftstellerin Bernardine Evaristo, Tochter einer englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters. Für ihren preisgekrönten Roman »Mädchen, Frauen etc.« hat sich die 60-Jährige das Theater und die Premiere als kunstgriffigen Rahmen für das gewählt, was sie in ihrer knallbunten und trotz des schwierigen Themas äußerst unterhaltsamen Erzählung an Tiefsinn literarisch herausschälen will. Zwischen dieser Rahmenhandlung bereitet sie die Bühne für zwölf Frauen und deren Geschichten. Sie alle sind Schwarz oder Menschen of colour. Manche sogar passing, also fast weiß, aber eben nur fast. Dazu sind sie lesbisch, queer, hetero oder trans. Sie alle haben Wurzeln in Afrika oder in der Karibik. Sie sind alles andere als typische Opferfiguren einer kitschigen Seifenoper, die mit Moralinsäure um sich sprüht. Denn Evaristo hat ihren Figuren eine ordentliche Portion Aufmüpfigkeit und Aufsässigkeit mitgegeben. Es sind Frauen, die zwar alle unter Rassismus leiden, die sich aber mit Verve und Kraft dagegen stemmen, auf ein schlichtes Leidensprogramm reduziert zu werden. So liegt es auch an Evaristos freejazzigem und poetischem Stil, dass der Leser mit Genuss und Leichtigkeit durch all die eckigen, rauen und lebensprallen Biografien wie durch ein Kaleidoskop schlingert. Dazu sind die Geschichten der auftretenden Frauen häufig mit- und ineinander verwebt, so dass sich der Eindruck eines Gesamtbildes beziehungsweise - um im Bild des Theaters zu bleiben - eines quirligen Bühnengeschehens verstärkt.

Hierin liegt die Gesamtidee des Buches, das keinen eigentlichen Plot hat: Evaristo wirft Fragen auf. Wie schauen wir auf diese Geschichten von Diskriminierung und Rassismus? Ist diese Zurschaustellung ein geeignetes Mittel, um Rassismus zu thematisieren und letztlich adäquate Lösungen zu erdenken? Führt dies nicht auch dazu, dass sich beim Betrachter Repräsentationsstereotype und damit Realitätsverzerrungen deutlich verstärken? An einer Stelle des Buches taucht beispielsweise ein Professor auf, der ständig Redebeiträge zum Thema Rassismus liefern soll, nur weil er eben ein »Schwarzer Intellektueller« ist, als der er aber nicht gelten will, weil es für ihn eine rassistische Reduktion bedeutet.

Evaristo verhindert zu eindimensional gestrickte Antworten auf diese komplexen Fragen dadurch, dass sie nicht lediglich die Geschichten ihrer zwölf Heldinnen erzählt, sondern versucht, deren Psyche freizulegen, also an ihr Urinnerstes zu kommen, was sich schlecht in irgendwelche abgeschmackten Wahrheitsschablonen stampfen lässt. So ist dieses Buch - wenn es auch ganz selten an zu holzschnittartigen Charakterbeschreibungen oder zu akademischen Theorieausflügen krankt - ein im wahrsten Sinne grenzüberschreitendes, fluides und hochintelligentes Diversitätsereignis geworden, was trotz des gewaltigen Überbaus einfach Spaß macht und die sprühenden Einfälle der verschiedensten Lebensformen und -wege feiert.

Evaristo hat für ihren achten Roman die renommierteste englische Literaturauszeichnung erhalten: den Man Booker Prize. Man mag es nicht glauben: aber als erste Schwarze Autorin überhaupt. Und hierhin versteht sie ihren literarischen Auftrag. In einem Interview mit der »Abendzeitung« sagte sie: »Wir brauchen dringend eine größere Vielfalt von Stimmen und Perspektiven. In Großbritannien sind die meisten Werke von einheimischen Schwarzen Schriftstellerinnen viel zu lange vergessen worden. Mein wichtigstes Ziel ist es deswegen, die verborgenen Erzählungen und Aspekte der afrikanischen Diaspora zu erkunden - das ist eigentlich ein ganz einfacher Ansatz.«

Bernardine Evaristo: »Mädchen, Frauen etc.«. Aus d. Engl. von. Tanja Handels, Klett-Cotta, 512 S., geb., 25 €.

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