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Den Flugzeugen zuschauen

Melancholie ist eine Macht: Neue Alben von Die Regierung und Don Marco & die kleine Freiheit

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 4 Min.

Tilman Rossmy wird dieses Jahr 62 und er hat »einfach genug von diesem Erwachsenen-Gelaber«, schreibt er zur neuen Platte seiner alten Band Die Regierung. Die heißt einfach nur »Da« und ist wieder sehr gut. Diese Band hat es mit den lakonischen Titeln: Die Alben vorher hießen: »Was«, »Raus« und »Unten«. Doch »Unten« erschien 1994 und »Raus« 2017. Dazwischen liegt das größtenteils langweilige Solowerk von Tilman Rossmy, dem Mann mit der tollen Stimme und dem nuscheligen Gesang, der immer amerikanisch klingt, auch wenn er deutsch singt. Cool und weich zugleich. Aber ohne die Regierung kann diese Stimme nicht regieren, Kunststück. Der Sound dieser Band ist geprägt von einer Art Understatement-Paranoia, einem untergründigen Brodeln im Gehäuse schlichter Rockmusik.

Auf »Da« wird dieses Brodeln etwas offensichtlicher, die Musik ist psychedelischer, und Rossmy singt etwas weicher als sonst. Außerdem neu: ein okayes Reggaestück und ein schön dahinfließender Dub, in dem Rossmy über den Tod sinniert, ohne religiös werden zu müssen: »Und wir freuen uns nicht auf Morgen, weil Morgen niemals kommt.«

Auf seine hemdsärmelige Art diskutiert Rossmy wieder mal die großen Fragen. Die sind im »Erwachsenen-Gelaber« selten Thema, denn da geht es in der Regel um Gesprächsopportunismus und Oberflächlichkeit. Um Urlaubsreisen, Fußball, Einbauküchen und anderen Krempel. Bitte nicht mit Rossmy, der bestimmt schon 45 Jahre wissen will, was er eigentlich von sich halten soll, als würde seine Pubertät niemals enden können: »Wo ist dieses Herz / von dem die Dichter und Meister reden / ich hab es überall gesucht / ich konnte es einfach nicht finden / alles was ich fand / war nur ein Kommen und Gehen / und der Witz ist / ich werde es niemals finden / ich bin es«, singt er gleich zu Beginn der neuen Platte. Und im drittletzten Lied springt er dann endlich in die »tiefe tiefe tiefe Liebe«, die man sich, glaube ich, als Paarbeziehung vorstellen soll.

Auf jeden Fall nicht als die Feel-Good-Countrymusik, die er 20 Jahre lang ohne die Regierung gemacht hat. Wenn schon Country, dann bitteschön Feel-Bad-Country. Bluesverwandt und runtergedimmt. Das weiß auch Markus Naegele, der im Hauptberuf als Verlagsleiter von Heyne Hardcore, einer Unterabteilung von Penguin-Random House, Musikbücher und Krimis rausbringt. Er ist vielleicht fünf Jahre jünger als Rossmy, der als Informatiker arbeitet, um Geld zu verdienen. Naegele sang bislang auf Englisch in einer Münchner Spätest-Grunge-Band, die so wirkte wie sie hieß: Fuck Yeah. Jetzt nennt er sich Don Marco & die kleine Freiheit und präsentiert auf seinem Solo-Debüt »Gehst du mit mir unter« deutsche Texte, die so destruktiv und depressiv gegen das Funktionieren gerichtet sind, dass es eine Wonne ist: »Geht ihr mal schön aus, / lasst mich bloß in Ruh’, / ich knüpf mich schon nicht auf, / schau den Flugzeugen zu, / ich hab’ genug, / schau den Flugzeugen zu«. Das Lied heißt »Der Antrieb ist hin« und gehört zu drei, vier großen Feel-Bad-Country-Songs, die es hier zu bestaunen gibt. Melancholie ist eine Macht.

Unterstützt wird Naegele von den besseren Münchner Rockmusikern. Es ist ja so: Wer sich als ernsthafter Künstler weder für Electro noch Hip-Hop interessiert, steht auf Bluesmusik, schön langsam gezapft wie ein Sieben-Minuten-Pils. Mit Cowboyhut und roter Glitzerjacke sieht Naegele dabei noch langhaariger und vollbärtiger aus als der »Dude« in »Big Lebwowski«, aber genau genommen ähnelt er seinem Vorbild, dem US-Singer-Songwriter Leon Russel. Auf dem Cover seines Albums guckt Naegele mit einer großen Porzellan-Katze aus einem Ford Pick-up-Oldtimer raus, fast genauso wie Leon Russel auf dem Album »Americana« von 1978.

Heutzutage ist das ja ein eigenes Genre, auf das Naegele steht wie auf Außenseiter und existenzialistische Sänger. Über sie schrieb er früher in dem Fanzine »Superstar«, im Verlag hat er teilweise ihre Biografien rausgebracht. Seinen schon verstorbenen Helden setzt er nun mit dem Lied »Leon Russel« ein weiteres Denkmal. Auf lässige, kalauernde Weise, damit man die Tränen auf Cowboy-Art runterschlucken kann: »Das ist ein Song für Leon Russel, / er half mir aus dem Schlamassel. / Hast du ein Herz für Nikki Sudden? / Er war zu traurig für die Massen (…) Nie vergesse ich Joe Strummer, / als er starb, wars ein Drama (…)/ Sharon Jones war eine Große / Soulsängerin ohne Pose / Good-bye Townes Van Zandt / für ihn geb ich mein letztes Hemd.«

Gute Stimme, gute Stimmung: sarkastisch und doch emphatisch: »Wir brechen auf / wir brechen ein / nichts hält für immer / ich bin dabei.« Rossmy schreibt, das Album »Da« drehe sich »um Meditation, jeder für sich, alle zusammen, im Schneidersitz, auf der Tanzfläche«. Gilt auch für Naegele. Er hat ebenfalls genug vom »Erwachsenen-Gelaber«. Vermutlich will er auch wie Rossmy »hinein in die tiefe tiefe tiefe Liebe«. Vielleicht ist er auch schon drin.

Die Regierung: »Da« (Staatsakt/H'Art) Don Marco & die kleine Freiheit: »Gehst du mit mir unter« (Off Label/ Broken Silence)

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