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War damals wirklich alles gut?

Vater wird Frau: Bei der »Queerfilmnacht« zeigt das dänische Familiendrama »Eine total normale Familie« das Hadern der Angehörigen

  • Von Anna Gyapjas
  • Lesedauer: 4 Min.
Mikkel Boe Følsgaard spielt die Transfrau Agnete und vermittelt das wankende Selbstbewusstsein im neuen Körper überzeugend.
Mikkel Boe Følsgaard spielt die Transfrau Agnete und vermittelt das wankende Selbstbewusstsein im neuen Körper überzeugend.

Sommer im Garten, zwei Mädchen hüpfen durch das Wasser aus dem Gartenschlauch, den ihre Mutter in ihre Richtung hält. Vorweihnachtszeit in der Küche, besagte Mädchen drängen sich am Tresen, wo sie geschäftig Sterne aus dem Plätzchenteig stechen. Alltag im Eigenheim, zwei mit Federboa und Tüllrock ausstaffierte Töchter präsentieren sich übermütig auf dem Treppenabsatz.

Solche Bilder eines Familienlebens, die den Film »Eine total normale Familie« durchsetzen, könnten dem Publikum bekannt vorkommen, von den Heimvideos der eigenen Eltern. Den eigenen Alltag abzubilden, adelt die persönliche Erfahrung, das war damals bei Vaters Handkamera nicht anders als heute beim Smartphone im Selfie-Modus. Entsprechend sentimental gestaltet sich die Erinnerung, wenn man die verwackelten, körnigen Aufnahmen aus längst vergangenen Zeiten herauskramt. Aber war damals wirklich alles gut?

Malou Reymann wählt in ihrem Spielfilmdebüt solche Aufnahmen, um die Gegenwart zu kontrastieren und zu kontextualisieren. Dort gerät gerade die Welt aus den Fugen für die 11-jährige Emma (Kaya Toft Loholt), die jüngere Tochter auf dem Treppenabsatz, die selbstbewusst »Königin!« rief, als Vater Thomas nach ihrer Verkleidung fragte. Der ist neuerdings nämlich eine Frau und heißt Agnete (Mikkel Boe Følsgaard). Am liebsten würde Emma die Augen vor dieser Veränderung verschließen. Also wickelt sie sich kurzerhand einen Schal um den Kopf, als es für die einst heteronormativ strukturierte Familie zur Beratungssitzung geht. Denn Papa hat angekündigt, nicht in den Klamotten zu kommen, in denen Emma Papa kennt.

Welche Not, welche emotionale Aufruhr und welche Ausgrenzung die Selbsterfahrung als Mensch im falschen Körper mit sich bringt, haben zahlreiche Filme von »Boys Don’t Cry« bis »The Danish Girl« eindrucksvoll vermittelt. Regisseurin Reymann nimmt nun die feinen Unterschiede in den Blick, die eine Geschlechtsanpassung im Alltag der Nächsten ausmacht. Dass Regie und Cast den inneren Konflikt von Tochter Emma subtil und fern jedes Teenie-Klischees ausgestalten, macht die Geschichte nachvollziehbar und lädt zur Reflexion ein. Wie würde ich mich fühlen, wenn mein Vater Agnete unsere gemeinsame Leidenschaft Fußball leugnete, um mit einer Fremden Ladies Night (Frauenabend) zu feiern? Würde ich mich enttäuscht, aber zum aktuellen Gefühl stehend, zurückziehen?

Spoiler: Emma kommt nach besagter Szene wieder - und das nicht, weil es Agnetes Geburtstag ist, sondern weil sie den Wunsch des Vaters akzeptieren lernen möchte. Der urteilsfreie, differenzierte Blick auf Emmas Anpassungsschwierigkeiten kommt dabei nicht von ungefähr.

Die dänische Regisseurin fiktionalisiert mit »Eine total normale Familie« ihre eigene Familiengeschichte. Während der Vorbereitung dienten die Tagebücher von Reymanns Vater als Inspirationsquelle. Kaya Toft Loholt, die Darstellerin der Emma, wiederum ist bestens vertraut mit dem Gefühl, jemanden zu lieben, den die Gesellschaft als anders markiert: Ihr Vater ist taub. Dass Reymann die Transfrau Agnete mit dem Cis-Mann Mikkel Boe Følsgaard besetzte, begründet die Regisseurin damit, dass es zum einen schwierig sei, jemanden just in diesem Stadium der Geschlechtsanpassung zu finden, geschweige denn, ihr gleichzeitig die Konfrontation mit der Kamera aufzubürden. Mikkel Boe Følsgaard indes - der auf der Berlinale 2012 für den Film »Die Königin und der Leibarzt« als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde - vermittelt das wankende Selbstbewusstsein im neuen Körper überzeugend. In einer Szene stolziert Agnete beneidenswert locker oben ohne ins Meer. An anderer Stelle ist ihr Unbehangen noch greifbar. Rasches Schlucken, gesenkte Augenlider, als Agnete beim Bowling mit den Kindern eine Schuhgröße ordern muss, die sie als unweiblich empfindet: 44.

Vereinzelt verfängt sich die Erzählung zwar in Emmas Perspektive. So wird zum Beispiel die in der Therapiesitzung aufgeworfene Idee der Mutter, eine Art Abschiedszeremonie für Thomas’ Identität zu arrangieren, nicht verfolgt, sodass sich durchaus die Frage aufdrängt, ob nicht genau solch ein performativer Akt auch der jungen Tochter geholfen hätte, abzuschließen und die neue Realität willkommen zu heißen. Ebenso frappierend ist die Lösung der Familienkrise, die das Drehbuch vorschlägt. Aber damit vielleicht auch ein guter Punkt, darüber ins Gespräch zu kommen, wie sich elterliche Anwesenheit gestalten lässt - oder lassen sollte.

Im Original trägt »Eine total normale Familie« das Attribut »perfectly normal« im Titel und verweist damit noch deutlicher darauf, dass zwischen »vollkommen normalem« Ideal und Realität meist Welten liegen - und damit der Geltungsanspruch von althergebrachten Familienentwürfen eigentlich auf ziemlich wackligen Füßen steht. Emma lernt im Laufe des Films, dass es im Leben wie im Fußball nicht ums Gewinnen geht, sondern um Teamgeist. Ihr Lernprozess ist weder leicht, noch fair, noch spaßig. Doch am Ende ergibt sich auch daraus hervorragendes Homevideo-Material. Und diesmal muss man sich tatsächlich nicht mehr fragen, ob wirklich alles so schön ist, wie es scheint.

»Eine total normale Familie«: Dänemark 2020. Regie und Drehbuch: Malou Reymann. Mit: Kaya Toft Loholt, Mikkel Boe Følsgaard, Rigmor Ranthe, Neel Rønholt, 93 Minuten.

Der Film ist Teil der »Queerfilmnacht« und kann bis Ende Februar für 9,90 € unter queerfilmnacht.de gestreamt werden.

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