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Das Gift des Kritikers

Vor 200 Jahren starb John Keats, der große englische Dichter der Romantik, in Rom

Für die Freunde war alles klar. So fragte George Gordon Byron, ebenso rhetorisch wie öffentlich, in einem eigens zum Tod des Dichtergefährten verfassten Gedicht: »Who killed John Keats? / ›I‹, says the Quarterly, / ›So savage and Tartarly / ’Twas one of my feats.‹« Versuchen wir mal eine Übersetzung: Wie starb John Keats? / »Durch mich«, sprach das Schmierenblatt, / »Barbarisch wie tatarisch, / Es war meine Tat.«

Byron war aufgebracht, als er 1821 die Nachricht von Keats’ Tod erhielt. Die Schuld konnte nur einer tragen: John Wilson Croker, ultrakonservativer Journalist und Tory-Politiker, überdies Mitbegründer von Londons bestangesehener literarischer Zeitschrift. Im »Quarterly Review« hatte das berüchtigte Lästermaul Keats’ Erzählgedicht »Endymion« komplett verrissen. Croker verglich Keats mit dem von ihm verachteten Leigh Hunt, Autor einer Schmähschrift auf den damaligen Thronfolger und bald auch -inhaber Georg IV. Dies geschah keineswegs zu Keats’ Vorteil: »Dieser Autor ist ein Kopist von Mr. Hunt«, geiferte Croker, »aber er ist noch unverständlicher, fast so schroff, doppelt so diffus und zehnmal ermüdender und absurder als sein Vorbild.«

Drei Jahre waren seitdem vergangen. Doch hielt Byron die Nachwirkungen für so gravierend, dass er Croker vorwarf, Keats auf dem Gewissen zu haben. Byron glaubte zu wissen, wovon er redete. Wurde er selber doch immer wieder zur Zielscheibe schlimmster Spotttiraden.

Das Konkurrenzblatt der »Quarterly«, die »Edinburgh Review«, fühlte sich berufen, Byron zu belehren, dass »das bloße Reimen der Endsilbe, selbst wenn sie eine gewisse Anzahl von Versfüßen aufweist, welche (was nicht immer der Fall ist) regelmäßig auftauchen und gewiss sorgfältig an den Fingern abgezählt wurden, nicht die ganze Kunst der Poesie ist«. Was hatten diese Federfuchser für schnöde Ansichten! Nur gut, dass sie längst widerlegt sind. Die Literaturgeschichte hat die Dichter reingewaschen und ihre Kritiker sind widerlegt und verschwunden. Wer kennt heute noch ihre Namen? Nur eins muss man ihnen lassen: Sie formulierten brillant. Gegenüber ihrer Spitzzüngigkeit verblasst selbst die mitunter bösartige Eloquenz eines Marcel Reich-Ranicki.

Natürlich irrte Byron, was die Sterbeursache betraf. In Wahrheit war die Tuberkulose schuld an Keats’ Tod. Die Seuche grassierte in der Familie und hatte auch schon andere Angehörige frühzeitig dahingerafft. Keats, 1795 geboren, starb am 23. Februar 1821 in Rom. Erst im Herbst zuvor war er dorthin gezogen, auf Anraten seines Arztes und Einladung eines weiteren Dichterkollegen: Percy Bysshe Shelley.

Auch Shelley betrauerte Keats literarisch, in seiner Hymne »Adonais«. Der Freund »hatte Gift getrunken«, verspritzt natürlich von der »Quarterly Review«; dessen Kritik Shelley als »unscheinbaren Fleck auf einem besungenen Namen« abtat und dessen Kritiker er wünschte, vor »Reue und Selbstverachtung« zu vergehen, auf dass er fortan »zittere wie ein geschlagener Hund«.

Ob sich der Wunsch erfüllte? Zumindest die späteren Expertengenerationen gaben Shelley und Byron Recht. Die »Encyclopedia Britannica« entschuldigte (wenn es da überhaupt etwas zu entschuldigen gab) Keats als »Dichter, der so sinnlich und körperlich spezifisch war, dass seine frühen Werke, wie ›Endymion‹ (1818), einen überschwänglichen, süßlichen Effekt erzeugen konnten.« Zu früher Meisterschaft sei er bereits im Jahr darauf gelangt, in seinem Annus Mirabilis, mit dem epischen (nur 12 Strophen und 48 Zeilen umfassenden minimalistischen) Gedicht »The Eve of St. Agnes« und »den großartigen Oden ›To a Nightingale‹, ›On a Grecian Urn‹ und ›To Autumn‹«.

»Die großen Oden des Jahres 1819«, urteilte Horst Höhne, Professor für englische Literaturgeschichte an der Universität Rostock, »bilden den Höhepunkt in Keats’ Schaffen, und sie gehören zu den geschlossensten Leistungen der englischen Romantik überhaupt.« Für Höhnes Gießener Kollegen Raimund Borgmeier war Keats »der größte romantische Dichter in England«. Und der Bonner Anglistikprofessor Rolf Lessenich bezeichnete Keats als »›schönsten‹ aller englischen Dichter«.

In Ermangelung einer deutschsprachigen Keats-Biografie sei auf das bereits 1995 im Reclam-Verlag publizierte Werk hingewiesen, das eine teilweise zweisprachige Auswahl aller wichtigen Werke Keats’ enthält, darunter seine großen Oden, Sonette, Balladen und Verserzählungen, ein Dramenfragment sowie einige seiner sehr poetischen und eindrucksvollen Briefe: »John Keats’ Werke und Briefe«, ausgewählt und übersetzt von Mirko Bonné. Stuttgart 1995. Andreas Nohl maulte damals nach Erscheinen in der »Zeit«: »Das Nachwort von Hermann Fischer hat alle Chancen, in der Rubrik ›Wie interessiere ich so wenig wie möglich für meinen Gegenstand‹ ins Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. Die Briefe schließlich sind in sich gekürzt und selbst so streng ausgewählt, dass sich wohl alles theoretisch Bedeutsame hier versammelt findet, aber nichts von der eigentlichen Qualität des Briefschreibers spürbar wird, der in seiner Lebendigkeit dem Lyriker an Bedeutung kaum nachsteht.«

Hat sich denn in den letzten beiden Jahrhunderten bei der Kritik gar nichts verändert? Doch, ein wenig. Angesichts nicht vorhandener Alternativen zeigte sich der zuvor angefressene Rezensent am Ende gnädig: »Trotz dieser Mängel«, konzedierte Nohl, »ist das Reclam-Buch die verlässlichste Ausgabe von Keats, die wir haben.«

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