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Das Infragestellen der Realität

Der Geheimtipp für gute Literatur: Die Diaphanes-Reihe »Forward Fiction«

Die Furcht vor dem allgegenwärtigen Meer: Sophie Steins »Amanecer« taucht ein in eine phantastische Parallelwelt.
Die Furcht vor dem allgegenwärtigen Meer: Sophie Steins »Amanecer« taucht ein in eine phantastische Parallelwelt.

Anspruchsvolle Literatur hat es im profitorientierten Verlagsgeschäft nicht gerade leicht. »Die Entwicklung von literarischem Material, das zu den Verkaufsstrategien passt, um den Unternehmensgewinn und die Werbeeinnahmen zu maximieren, ist nicht dasselbe wie verantwortungsbewusste Buchveröffentlichung oder Autorenschaft«, merkte Ursula Le Guin, die vor zwei Jahren verstorbene Grand Dame der linksradikalen US-amerikanischen Science-Fiction-Literatur, 2014 bei einer weltweit von den Feuilletons viel beachteten Rede zur Verleihung des National Book Awards an. Dieser Umstand wäre eigentlich gar nicht der Erwähnung wert, wenn diese weniger marktförmige Literatur, die lange nicht so süffig daherkommt wie die Halden füllenden Thriller, Krimis, historischen Romane oder auch die bessere Unterhaltungsliteratur à la T.C. Boyle und Co., nicht auch in den Feuilletons deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten würde. Ein Beispiel dafür ist der in Zürich und Berlin ansässige Diaphanes-Verlag, dessen Bücher von der hiesigen Journaille leider kaum besprochen werden. Diaphanes hat neben reichlich Philosophie und mitunter schwergängiger Theorie auch eine ganze Reihe beachtlicher Belletristiktitel im Programm. Vor allem die seit zwei Jahren erscheinende Reihe »Forward Fiction« hat sich einer qualitativ hochwertigen Literatur verschrieben, die auf den Bestsellerlisten kaum zu finden sein wird.

Während in der Reihe bisher vor allem Perlen einer avantgardistischen Literatur von hierzulande kaum bekannten Autoren aus den USA wie Jason Schwartz, Harry Mathews oder Mike Wilson verlegt wurden, ist nun mit »Amanecer« von Sophie Stein auch der Debütroman einer jungen deutschen Autorin in der Reihe erschienen. »Amanecer« (spanisch für »Dämmerung«) erzählt von dem Auslandsaufenthalt der jungen Berliner Studentin Aziza auf einer fiktiven, Teneriffa nachempfundenen Insel, die in der Fiktion Nivaria heißt. Aziza lernt dort eine Gruppe junger Menschen kennen, die sich mit der Erforschung von Träumen beschäftigen. Je näher sie diesem Kreis um den jungen Lazaro kommt, dessen Nähe bei ihr eigenartige körperliche Reaktionen auslöst, desto mehr kommen auch Erinnerungen aus ihrer Familiengeschichte und damit verbundene Traumatisierungen hoch, bei denen es um ihre psychisch kranke Mutter und die verschwundene Schwester geht. Sophie Stein entwirft das komplexe Psychogramm ihrer Figur in Form einer sprachgewaltigen Prosa. Aziza verliert im Lauf der Zeit ebenso den festen Bezug zur Realität, wie sie sich auch immer weiter in phantastische Welten vorarbeitet. Diesen Prozess setzt Sophie Stein mit einer nicht immer ganz leicht zugänglichen, mitunter lyrischen Prosa um, die dann stellenweise wieder ganz konzis und pointiert ist.

Dabei geht es ebenso um das Studium in Spanien, den WG-Alltag, die Beziehung zu neuen Freunden und den Kampf gegen eigene Ängste - egal, ob es um die Erinnerungen von früher oder Azizas Furcht vor dem allgegenwärtigen Meer geht. Schließlich nimmt sie mit ihren Freunden an einem Versuch teil und tritt in eine phantastische Parallelwelt ein, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Da das Infragestellen der Realität und ein spielerischer Umgang damit fester Bestandteil der Reihe »Forward Fiction« ist, sitzt der knapp zweihundertseitige Roman der 25-jährigen Mainzerin passgenau in dem Programm. In Mike Wilsons »Rockabilly« schlägt ein Meteor in einem Vorstadtgarten ein und löst eine Kette von Ereignissen aus. In Harry Mathews »Der einsame Zwilling« wird anhand der Geschichte zweier ungleicher Brüder in einer Kleinstadt an der Küste Neu-Englands gleich das ganze 20. Jahrhundert seziert, wobei hier neben einer weiblichen Hippie-Ikone und einem Nazijäger auch ein Polizist auftritt, der früher einmal als Poet an den Kämpfen im Mai 68 in Paris teilgenommen hat. Und in Jason Schwartz’ Romanen, die wie eine Mischung aus Michel Foucault und Jorge Luis Borges wirken, scheinen Gegenstände ein regelrechtes Eigenleben zu entwickeln. Ins Deutsche übersetzt werden Schwartz’ Bücher von dem österreichische Philosophen Andreas L. Hofbauer, der in den vergangenen Jahren auch immer wieder den slowenischen Vielschreiber Slavoj Žižek ins Deutsche übertragen hat und zuletzt auch Jeremy Benthams im Original 1797 erschienenes »Panopticon« erstmals ins Deutsche übersetzte. Diese Literatur zu übersetzen und ihr auch im Deutschen stilistisches Leben einzuhauchen, ist nicht einfach, gelingt hier aber vorzüglich.

Einfach wird es dem Leser der Reihe »Forward Fiction« aber nicht gemacht, wobei es durchaus lohnt, sich auf diese Autoren und ihre Bücher einzulassen. Denn von der etwas anstrengenderen Literatur bleibt beim »Verdauen« meistens mehr hängen. Egal, ob es die detaillierte Beschreibung von frühneuzeitlichen Beerdigungsfeiern in Jason Schwartz’ neu erschienenem Roman »Deutsche Pittoreske« ist oder der Spaziergang von Sophie Steins Protagonistin über einen leer gefegten, von der Zeit entkoppelten Meeresboden. In den Bänden der »Forward Fiction«-Reihe sind eindrückliche literarische Szenen und Sujets zu finden, zu denen sich der Leser aber erst einmal vorarbeiten muss. Wer Literatur eher im unterhaltsamen Cinemascope-Modus mag, ist hier falsch. Wobei bei »Forward Fiction« auch ein so bekannter Roman wie Anna Kavans »Eis« zu finden ist. Die im Original bereits 1967 erschienene furiose Mischung aus Science-Fiction und lyrischem Prosaband erzählt von einer dystopischen Welt am Abgrund, wobei hier ebenso feministische wie ökologische Fragestellungen eine Rolle spielen. Auch wegen dieser Aktualität erleben die Autorin und der zentrale Text ihres Werkes gerade in den USA eine Renaissance, vor allem, aber nicht nur unter Feministinnen. Diaphanes brachte den Roman im vergangenen Sommer erstmals auf Deutsch heraus. Aber auch der seit einiger Zeit auf Deutsch vergriffene surrealistisch-phantastische Roman »Napalm und Liebe« des britischen Autors J.G, Ballard ist gerade wieder bei Diaphanes erschienen. Insofern gilt es, auch ruhig einmal bei den kleinen Verlagen und in deren Programmreihen zu stöbern. Es lohnt sich definitiv und es finden sich dort mitunter mehr Perlen als man denkt.

Sophie Stein: Amanecer. Diaphanes, 192 S., geb., 18 €.

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