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Lenin, Fußball und Umerziehung

An russische Kinder ranzukommen, war in Weimar im Jahr des Herrn 1975 nicht einfach. Obgleich die Stadt von einem Gürtel sowjetischer Kasernen umgeben war, bemerkte man unsere Befreier vom Hitlerfaschismus kaum. Soldaten und Unteroffiziere bekamen niemals Ausgang, nur höhere Offiziere und ihre herrlich aufgedonnerten und sehr hochnäsigen Gattinnen traf man hin und wieder in der Innenstadt.

Ich war zu dieser Zeit Wandzeitungsredakteur, verantwortlich für Propaganda und Sport. Sport bedeutete für mich Fußball. Meine Propagandatätigkeit bestand im Groben darin, jeden Dienstag einen Ausschnitt aus der »Neuen Fußballwoche« mitzubringen, in welcher der neueste Sieg des FC Carl Zeiss Jena propagandiert wurde. In unserer Schule gab es nur Jena-Fans. Wer das noch nicht war, wurde vom fetten Schlanditzke und seiner Bande umerzogen.

Ich hatte den großen Plan, im Alleingang zum Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ein Fußballturnier zu Ehren des Genossen Lenin zu organisieren.

Jede Garnisonsstadt verfügte über meist mittelgroße Läden, in denen sowjetische Waren verkauft wurden. Im Volksmund hießen sie Russenmagazin. Das Besondere an ihnen war, man konnte dort mit DDR-Mark Waren aus der Sowjetunion kaufen. Die ordnungsgemäß mit Russendiesel eingesprühten Verkäuferinnen errechneten den Gesamtpreis des Einkaufs mit einer Art Abakus. Außerdem konnte man dort ohne Altersbegrenzung Zigaretten und Alkohol kaufen. Die Kippen mit dem merkwürdigen Klappfilter Marke Kapitalistentod versüßten uns viele öde Nachmittage, der Wodka wurde später ein wichtiges Hilfsmittel beim Mädchenhaschen.

Mein Lenin-Turnier sollte von vier Mannschaften bestritten werden. Unsere Schule mit zwei Mannschaften, eine stellten die verhassten Bengel aus der Schule des Nachbarviertels. Den ehrenvollen Höhepunkt sollte eine Kindermannschaft unserer sowjetischen Beschützer vorm Atomtod durch den BRD-Imperialismus bilden.

Der Vater eines Kumpels schweißte mir halb betrunken einen Pokal. Ein sehr experimentell geratener Lenin wies mit ausgestrecktem rechten Arm in die frohe Zukunft der DDR-Arbeiterklasse. Das war der Anfang vom Ende meiner Tätigkeit als Propagandist, wie sich ein paar Tage später herausstellte.

Die verhassten Bengel sagten schnell zu, unsere zwei Mannschaften waren auch dabei. Nur das sowjetische Team bereitete mir Kopfzerbrechen. Unsere Leiterin der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) wollte keine weiteren Treffen mit jungen Sowjetbürgern ausrichten, nahm aber einstweilen den Lenin-Pokal in ihre Obhut.

Als ich im Russenmagazin die Eigeninitiative ergriff und ein paar junge Sowjetbürger ansprach, geriet das zum Fiasko. Am nächsten Tag wurde ich aus dem Unterricht gerufen. Zwei ernst dreinschauende Männer saßen im Büro der DSF-Leiterin. Ich wurde darüber belehrt, die Organisation von Treffen zwischen Sowjet- und DDR-Bürgern den dafür ausgebildeten Organen der Volksbildung zu überlassen. Dann holten sie meinen Lenin-Pokal hervor und zeigten auf den rechten Lenin-Arm, der steil nach oben wies. Ich begann zu schwitzen, die DSF-Leiterin blickte mich tadelnd an.

»Sie bringen dieses skandalöse Machwerk eines kranken Geistes dem Hausmeister persönlich zur Vernichtung!« Mit schlotternden Knien überbrachte ich dem Hausmeister den Befehl und sah von Furcht betäubt dabei zu, wie er grinsend meinem schönen Lenin-Pokal den rechten Arm absäbelte, um ihm danach in einem der Öfen unserer Schulheizung endgültig den Garaus zu machen.

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