Der Gipfel ist nicht in Sicht

Die deutschen Langläufer verabschieden sich vor der WM vom Medaillenziel

  • Von Lars Becker, Oberstdorf
  • Lesedauer: 3 Min.

Peter Schlickenrieder strahlt mit der Sonne um die Wette. »Es ist traumhaftes Wetter. Alle saugen die Energie auf und haben ein Lächeln im Gesicht«, sagt der Chefcoach der deutschen Skilangläufer kurz vor Beginn der Nordischen Heimweltmeisterschaften in Oberstdorf und fügt hinzu: »Wer Freude zeigt, kann auch gute Leistungen bringen.« Aber was heißt das in der einst so erfolgsverwöhnten Sparte genau? Seit zehn Jahren gab es keine deutsche WM-Medaille mehr in der Loipe. Dass sich das in den Tagen von Oberstdorf ändern wird, käme einem kleinen Wunder gleich. »Ich weiß, dass ich mit dem Ziel angetreten bin, in Oberstdorf um die Medaillen mitzukämpfen. Das Versprechen kann ich nicht halten«, sagt Schlickenrieder zwei Tage vor den Sprints zum WM-Auftakt an diesem Donnerstag. Zwar habe sich sein Team in den fast drei Jahren seit seinem Amtsantritt »kontinuierlich verbessert, aber im Langlauf sind halt keine Wunder möglich«.

Soll heißen: In der Ausdauersportart dauert es länger, bis man aus einer so tiefen Talsohle kommend den Gipfel wieder sieht. In ihrer besten Zeit nach der Jahrtausendwende gehörte das deutsche Langlaufteam zu den dominierenden Nationen. Doch damals wurde die Nachwuchsarbeit vernachlässigt und so begann ein langsamer Abstieg. Der Deutsche Skiverband (DSV) hat die Vorzeigefiguren von damals inzwischen in verantwortliche Positionen geholt: Schlickenrieder, 2002 Olympiazweiter, ist Bundestrainer. Der einstige Gesamtweltcupsieger Tobias Angerer wirkt als DSV-Vizepräsident und Weltmeister Axel Teichmann arbeitet als Techniktrainer im Nationalteam. Seit der WM 2019 in Seefeld ging es trotzdem nicht entscheidend voran. Damals waren die deutschen Frauen mit den Plätzen vier, fünf und sechs nahe dran am Podest. Und Schlickenrieder sagte voraus: »Ich glaube daran, dass wir in zwei Jahren um die Medaillen mitkämpfen können.«

Davon ist nicht viel geblieben. Nur Katharina Hennig schaffte es in diesem Weltcupwinter in Val di Fiemme einmal aufs Podest. Dort aber waren die überragenden Norwegerinnen um Therese Johaug nicht am Start, weshalb Schlickenrieder für Hennig bei der WM auch »nur« das Ziel einer Platzierung in den Top 6 ausgibt. Selbst in den Staffeln sowie den Teamsprints werde es nach Meinung des Chefcoachs »extrem schwer, an den arrivierten Nationen vorbeizukommen«.

Dabei kommen zum Heimvorteil auch noch Rahmenbedingungen hinzu, die inzwischen auf höchstem Niveau sind: In Oberstdorf kommt erstmals eine mobile Schleifwerkstatt zum Einsatz, mit der die Skistruktur jederzeit an die erwartet schwierigen Wetterbedingungen angepasst werden kann. Zudem bietet ein luxuriöser Konferenzbus Platz für Besprechungen oder kleine Mahlzeiten.

Sportlich sind die deutschen Skilangläufer aller Voraussicht nach aber noch nicht so weit, um das einstige Medaillenversprechen einzulösen. Immerhin: Inzwischen gibt es durchaus wieder hoffnungsvolle Talente. Die vierfache Nachwuchsweltmeisterin Victoria Carl (25), die vor zwei Jahren WM-Vierte wurde, ist nach einem Bänderriss zu Saisonbeginn allerdings erst wieder auf dem Weg zurück zur Bestform. Die Sprint-Nachwuchs-Weltmeister Janosch Brugger (23) und Lisa Lohmann (20) müssen hingegen in der Weltspitze einer Sportart Fuß fassen, in der viele erst mit über 30 ihren Zenit erreichen.

Auch die größte Männerhoffnung, Friedrich Moch, der zuletzt Silber bei der U23-WM gewann, ist noch kein Medaillenkandidat. »Der Friedrich ist aber einer, der perspektivisch den Aufstieg in die Weltspitze schaffen kann«, glaubt Thomas Bing. Der Routinier hat es selbst nach einem Beinbruch vor zwei Jahren erst in letzter Minute ins deutsche WM-Team geschafft und will den Traum vom Podestplatz bei den Heim-Titelkämpfen noch nicht aufgeben: »Medaillen sind nicht unrealistischer als sonst auch. Speziell in der Staffel ist auf diesen schweren Strecken und bei diesen warmen Bedingungen alles möglich.« Vielleicht gibt es also doch ein kleines Wunder, und Peter Schlickenrieder bringt nicht nur die Sonne im Allgäu zum lächeln.

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