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Zum Dank noch höhere Fahrpreise

Linksfraktion wünscht sich Kulanzregelung für die Stammkunden des öffentlichen Personennahverkehrs

  • Von Wilfried Neiße, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Bahnsteig 1 am Hauptbahnhof Cottbus ist gerade frisch saniert. Die Fahrgäste bleiben aufgrund der Coronakrise trotzdem aus.
Der Bahnsteig 1 am Hauptbahnhof Cottbus ist gerade frisch saniert. Die Fahrgäste bleiben aufgrund der Coronakrise trotzdem aus.

Seit das Coronavirus grassiert, sind die Fahrgastzahlen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) dramatisch eingebrochen. Wer in Hotels, Restaurants und Läden beschäftigte war, die geschlossen worden sind, musste nicht zur Arbeit fahren. Wer seine beruflichen Aufgaben im Homeoffice erledigte, nahm auch nicht Bus und Bahn. Die Folge: Abos wurden gekündigt und Monatskarten gar nicht erst gekauft.

Die Arbeitswelt hat sich durch die Coronakrise verändert, möglicherweise bleibend. Wer nun vielleicht nur noch zweimal in der Woche seine Arbeitsstelle aufsuchen muss, rechnet durch, dass es billiger sein könnte, dafür das private Auto zu nehmen. Denn ein Tagesticket ist teuer und eine Monatskarte nicht mehr günstig zu nennen, wenn man es nicht fünf Tage in der Woche benutzt.

Diese Entwicklung bereitet dem Landtagsabgeordneten Christian Görke (Linke) Sorgen. Das könne weder im Sinne des Klimaschutzes noch im Sinne der Verkehrsunternehmen sein, sagt er am Dienstag. Einwohner, die ihre Monatskarte unter Lockdown-Bedingungen kaum noch nutzen konnten, bezahlten für die Jahreskarte Berlin ABC plus einen Landkreis trotzdem fast 1500 Euro, rechnet der Abgeordnete vor. Er weist darauf hin, dass sich allein in Berlin rund 30 000 Abo-Fahrgäste aus diesem System verabschiedet haben, in Brandenburg sehe es wenig anders aus.

Angesichts der Bedeutung dieser Kunden für die Gesamtfinanzierung des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) sei das eine ernste Entwicklung. Anstatt den Fahrgästen mit einer angepassten Tarifpolitik entgegenzukommen, die sie die Kündigung des Abos noch einmal überdenken lässt, halte der VBB für sie »zum Dank« noch eine Tariferhöhung um zwei Prozent bereit.

Die oppositionelle Linksfraktion beantragt im Landtag, das Parlament möge anerkennen, »dass der öffentliche Personennahverkehr seit Beginn der Corona-Pandemie vor nunmehr einem Jahr von den Brandenburgerinnen und Brandenburgern nur sehr eingeschränkt genutzt werden konnte, weil die staatlich verhängten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie das während des ersten Lockdowns teilweise eingeschränkte Fahrplanangebot dem entgegenstanden«. Der Antrag steht auf der Tagesordnung der Landtagssitzung an diesem Donnerstag.

Dem Antrag zufolge soll die Landesregierung im Benehmen mit dem VBB eine faire Kulanzregelung für Stammgäste auflegen. Görke bringt noch einmal seinen alten Vorschlag ins Spiel, die Geltungsdauer von Jahreskarten ohne Aufpreis um einen oder zwei Monate zu verlängern.

Für die Menschen, die weder mit Tagestickets noch mit Monatskarten zum Umsteigen vom Auto auf Bus und Bahn bewegt werden können, müsse sich der VBB geeignete Tarifmodelle überlegen. »Hier erwarte ich mehr Gehirnschmalz«, sagt Görke. Er tritt dafür ein, dass ein solches Tarifmodell ab Juni 2021 ein halbes Jahr lang erprobt und dann ab Anfang 2022 dauerhaft eingeführt wird. In London beispielsweise könne der Fahrgast einfach einsteigen und es werde ihm automatisch der für ihn günstigste Tarif berechnet, nennt der Abgeordnete eine seiner Ansicht nach mögliche Variante.

Maßnahmen, die den ÖPNV attraktiver machen, werden geprüft, versichert SPD-Fraktionschef Erik Stohn. Wenn jetzt Schulen wieder öffnen, werde es auch mehr Schulbusverkehr geben, ist er überzeugt.

Dass es Veränderungen geben müsse, »hat die Linke völlig richtig erkannt«, bescheinigt Grünen-Fraktionschef Benjamin Raschke. Mit dieser Erkenntnis stehe sie nicht alleine da. Raschke verweist auf eine Arbeitsgruppe beim VBB, die sich solchen Fragen widmen wolle. Die Grünen werden den Antrag der Linksfraktion ablehnen, »weil er alles für alle fordert und zwar sofort«, wie Raschke sagt. Was die Linke wolle, sei »wenig treffsicher, sehr teuer und aus unserer Sicht überzogen«.

Indessen ist der VBB am Thema neue Angebote tatsächlich selbst schon dran. »Wir sind dabei, zu prüfen, was passt und wann wir es umsetzen können«, sagte Susanne Henckel der »Berliner Morgenpost«. Denkbar seien reduzierte Tagesticket-Kontingente, Zehner-Karten und Rabattmodelle. Außerdem sei eine stärkere Kombination von ÖPNV und Fahrrad möglich. »Das könnte so aussehen, dass diejenigen, die ein Abo haben, ihr Fahrrad für einen bestimmten Zeitraum kostenlos mitnehmen können«, sagte Henckel. »Das könnte für den Sommer eine gute Lösung sein.«

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