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Den Bäumen geht es schlecht

Waldzustandsbericht 2020: In den vergangenen drei Jahren sind Schäden auf 277 000 Hektar entstanden

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Lage ist dramatisch. »Unsere Wälder sind krank«, sagte Bundeswaldministerin Julia Klöckner (CDU) am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des Waldzustandsberichtes 2020. »Wer im Wald unterwegs ist, der sieht die massiven Schäden, die Bilder großflächig abgestorbener Wälder haben sich bei vielen eingebrannt.« Die meisten Bäume haben lichte Kronen, noch nie waren so viele untersuchte Bäume abgestorben wie 2020, so ein zentrales Ergebnis der Erhebung.

Die Schäden sind eine Folge des Klimawandels. So haben die vergangenen drei Dürrejahre, der dadurch begünstigte massive Borkenkäferbefall, Stürme und vermehrte Waldbrände in den Wäldern langfristig massive Schäden angerichtet. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse gehören zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984.

Die Schäden sind artenübergreifend festzustellen. So haben vier von fünf Bäumen lichte Kronen, ein deutliches Indiz, dass es den Bäumen schlecht geht. Konkret betrifft das 79 Prozent der Fichten, 80 Prozent der Kiefern und der Eichen und sogar 89 Prozent der Buchen. Zudem weisen 37 Prozent aller Bäume deutliche Verlichtungen auf: Bei diesen Bäumen sind mindestens 26 Prozent der Blätter oder Nadeln vorzeitig abgefallen. Dabei geht es besonders den alten Bäumen schlecht, sie reagieren empfindlicher auf die Klimaveränderungen. Während jedoch auf das Waldsterben in den 1980er-Jahren mit technischen Mittel reagiert werden konnte, so Klöckner, sei das in der aktuellen Waldkrise nicht möglich. Die Bundesregierung setzt deshalb auf Wiederaufforstung. Insgesamt geht das Bundesministerium davon aus, dass in den vergangenen drei Jahren Schäden auf 277 000 Hektar entstanden sind. Wieder aufgeforstet wurden in den vergangenen Monaten rund 8000 Hektar.

Rund 1,5 Milliarden Euro hat die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern zur Verfügung gestellt für die Wiederaufforstung von Staatsforsten und privaten Wäldern. Bereits seit 2019 gibt es eine gemeinsame Finanzierung für die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz. Hierüber wurden rund 800 Millionen Euro als Hilfen zur Verfügung stellt, um Waldschäden zu beseitigen und neue Bäume zu pflanzen. Hinzu kommen 700 Millionen Euro aus dem aktuellen Konjunkturpaket der Bundesregierung. Hier geht es auch um Entschädigungen, denn viele Forstbetriebe haben massive wirtschaftliche Schäden erlitten oder sind sogar in der Existenz bedroht. Wegen der vielen Waldschäden mussten mehr Bäume gefällt werden als sonst. Dadurch ist der Preis auf dem Holzmarkt zusammengebrochen. Bis Jahresende 2020 waren bereits 56,6 Millionen Euro ausgezahlt worden. Klöckner betont, dieses Geld sei daran gebunden, dass die Besitzer*innen eine Nachhaltigkeitszertifizierung nach den Programmen PEFC oder FSC vorweisen können, die sie zehn Jahre lang erneuern müssen.

Fahrlässige Kahlschläge - Stefan Otto über Waldschäden, die außer Kontrolle geraten

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) warnt angesichts der aktuellen Erhebung vor einem neuen Waldsterben. »Der Wald ist durch Stickstoffeinträge, Dürre, intensive Forstwirtschaft sowie mangelhafte Jagd nach wie vor im Dauerstress«, sagte Jörg Nitsch, Sprecher des BUND-Arbeitskreises Wald. »Die Lage ist ernst. Die Bundesregierung muss endlich wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreifen und gleichzeitig Schadstoffemissionen aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft massiv reduzieren«, so Nitsch. Er fordert eine grundlegenden Wende im Waldmanagement. »Unsere Wälder müssen endlich schonender bewirtschaftet werden«, erklärt Nitsch. »Konkret bedeutet dies: Es müssen weniger Bäume gefällt und Wälder dürfen nicht länger entwässert werden. Schwere Holzerntefahrzeuge verdichten den Waldboden und erschweren die Wasseraufnahme, vielerorts lässt sich das vermeiden.«

Außerdem müsse es wieder mehr Naturwälder ohne Holznutzung geben, mindestens zehn Prozent der Waldfläche in Deutschland, so der Umweltschützer. Aktuell sind es zwei Prozent. Das Thünen-Institut, das den Bericht für die Bundesregierung erstellt hat, sieht die Forderung nach mehr ursprünglichen Wäldern kritisch. Gerade alte Wälder würden weniger Kohlendioxid speichern, sagt Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosyteme in Eberswalde.

Sie rechnet auch für das Jahr 2021 mit keiner Besserung, denn: »Schädigungen offenbaren sich meist erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung.« Erschwerend komme hinzu, dass die Populationen der Schadinsekten durch die milden Winter 2019 und 2020 sowie die im Wald verbliebenen Schadholzmengen auf hohem Niveau bleiben. Wellbrock fordert deshalb: »Konsequenten Klimaschutz, die Minderung von Stickstoffeinträgen aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft und begleitend ein nachhaltiger Waldumbau«, so die Thünen-Expertin.

Klöckner will zudem einen Vorschlag erarbeiten, mit dem die CO2-Speicherung von Wäldern zukünftig verrechnet werden kann. Damit könnte auch eine neue Einnahmequelle in der Forstwirtschaft entstehen.

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