»Ab 26 wird es schwierig«

Auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt für Fußballprofis beschleunigt und verschärft Corona die vielschichtigen Probleme

  • Von Claas Hennig
  • Lesedauer: 4 Min.

Corona hat auch den Arbeitsmarkt Profifußball erreicht. Arbeitslose Spieler gab es auch schon in den vorpandemischen Boomjahren in dieser Branche, in denen die Bundesligen jedes Jahr Rekordumsätze meldeten. Doch durch die aktuelle Krise ist die Zahl der Rasenarbeiter, die plötzlich von Jobverlust oder Gehaltsverzicht bedroht werden, enorm gestiegen. Betroffen sind nicht große Stars wie Thomas Müller, Robert Lewandowski oder Erling Haaland mit ihren Millionengagen. Es sind vor allem ihre Berufskollegen aus der zweiten und dritten Liga oder den Regionalligen, die ohnehin für viel weniger Geld spielen und nun mit Arbeitslosigkeit und Existenzängsten zu kämpfen haben.

»Was man aus meiner Sicht festhalten kann, ist, dass die Schere weiter auseinandergeht«, sagt Gregor Reiter, der bis Ende 2020 13 Jahre lang Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung war. »Corona tut denjenigen, die vorher schon am unteren Ende standen, deutlich mehr weh als denen, die oben stehen.«

Dass der Arbeitsmarkt Profifußball im Wandel ist, hat Spielerberater Stefan Backs schon lange vor der Pandemie festgestellt: »Corona ist nur der Beschleuniger.« Die kritische Altersgrenze für Spieler sei deutlich abgesunken, sagt der Dortmunder. »Ab 26 wird es schwierig.«

Spieler als Kapitalanlage

Junge Spieler sind vor allem eine Kapitalanlage und eine Wette auf die Zukunft. Vor allem für die Klubs, die »nicht mehr im Geld schwimmen«, erklärt Backs. Wo früher noch ein 30-Jähriger genommen wurde, »von dem du weißt, er spielt noch drei, vier Jahre und hilft meiner Mannschaft, nimmst du jetzt den 23-Jährigen, auch wenn er noch nicht ganz so stark ist. Aber den kannst du noch entwickeln und dann verkaufen«, beschreibt der Berater von Bayern Münchens Torwart Alexander Nübel ein Finanzierungsmodell der Vereine. Backs setzt angesichts der neuen Ausgangslage auf Ehrlichkeit im Umgang mit seinen Klienten. »Du musst sie aufklären, wie sich das jetzt ändert und was das für den Einzelnen bedeutet«, sagt der 56-Jährige. »Die Kader werden kleiner, die Plätze fallen weg. Die Vereine in der zweiten und dritten Liga haben kaum noch Geld zur Verfügung.«

Die Liste der vertraglosen Spieler ist nicht mehr nur eine No-Name-Sammlung. Einige Profis haben Titel gewonnen und Champions League gespielt, viele waren Stammkräfte in der ersten oder zweiten Liga. Es werde »viel mehr arbeitslose Fußballspieler geben«, prophezeite Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic schon zu Beginn des Wintertransferfensters im Januar. Bis zum Ende der Periode am 1. Februar war der Transfermarkt dann auch so ruhig wie selten. Viele Vereine holten gar keine Spieler, sondern waren bemüht, ihre Kader zu verkleinern. 50 Millionen Euro gaben die 18 Erstligisten für neues Personal aus, im Winter zuvor waren es noch rund 200 Millionen. Jurist Reiter versteht die Defensivtaktik der Klubs. Durch die Geisterspiele verlieren sie an Umsätzen, Sponsoren überdenken auch wegen ihrer eigenen Lage ihre Engagements. »Ich kann als Verein meine Einnahmen nicht mehr so planen wie vor anderthalb, zwei Jahren«, sagte er.

Globaler Konkurrenzkampf

Zu den Gewinnern der Pandemie gehörten »sicherlich viele junge Spieler, die aufgrund ihres geringeren Gehaltsanspruchs und ihres Entwicklungspotenzials eine Chance erhalten haben«, bilanziert Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV. Leidtragende seien eher ältere Spieler, denen keine neuen Verträge zu den bisherigen Konditionen angeboten wurden. »Viele namhafte Spieler sind gegenwärtig leider immer noch ohne Job.« Die Arbeitsplätze auf dem Rasen sind auch ohne Corona begrenzt. In der ersten, zweiten und dritten Liga gibt es etwa 1600 Stellen für kickendes Personal. Und deutsche Profis müssen sich einem globalen Konkurrenzkampf stellen. Mehr als 70 Prozent der Spieler in den Startformationen der 1. Bundesliga kommen aus dem Ausland.

Viele Spieler sind nun gezwungen, sich viel früher Gedanken über ein Leben ohne Fußball zu machen. Vorbereitet darauf seien nur wenige, sagt Reiter. »Ich kann gesundheitliche Risiken durch Versicherungen abfedern«, erklärt er. Jetzt habe man aber eine Situation, »die uns alle betrifft. Und da sind Sportler genauso wenig vorbereitet wie die Restaurants, die Friseure, die Kinos und die Theater«. Spielergewerkschafter Baranowsky mahnt. »Aus unserer VdV-Bildungstendenzstudie wissen wir, dass fast jeder zweite Profi weder über abrufbare berufliche Qualifikationen verfügt noch dabei ist, solche zu erwerben.«

In dieser Situation nimmt Sportrechtler Reiter die Spielerberater in die Pflicht. Es sei eine Krise, in der ein Profi Beratung brauche, »und nicht jemanden - um es ketzerisch zu formulieren -, der alle paar Jahre auftaucht und zehn Prozent kassiert«. Ein mündiger Spieler sei mehr wert als derjenige, »der dich mit großen Rehaugen anschaut und sagt: Oh, Gott, was machen wir jetzt?« dpa/nd

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