Ich bin dann mal weg

HEISSE ZEITEN – Die Klimakolumne: Der Klimaaktivist Tadzio Müller zieht sich nach mehr als zehn Jahren – zumindest vorerst – aus der Bewegung zurück.

  • Von Tadzio Müller
  • Lesedauer: 3 Min.

In meiner letzten Kolumne (»Kämpfen und zweifeln«) bat ich um Erlaubnis, »einen Moment« aus meiner bekannten Rolle als Bewegungsagitator und Hoffnungsonkel herauszutreten, »einen Moment« den wütenden Klima-Tadzio hinter mir zu lassen und offen und ehrlich zu beschreiben, wie anstrengend (und patriarchal) mein ständiges Herumschreien ist, wie wenig ich noch an die große, die Makro-Utopie von der globalen Klimagerechtigkeit glauben kann. Wie unglaublich frustriert, verletzt und vernarbt ich bin.

In meiner nächsten (dieser) Kolumne, dachte ich, würde ich dann dazu zurückkehren, wie üblich gegen politische Gegner*innen zu schießen, hatte schon Angriffslinien geplant. Zum Beispiel gegen die großen deutschen Umweltverbände – BUND, Deutscher Naturschutzring, Greenpeace –, die dem 2038-»Kohlekompromiss« nicht nur zugestimmt, sondern ihn auch öffentlich verteidigt haben. Kürzlich gab es ja einen Film zum Thema Ökozid in der ARD, in dem Angela Merkel auf der Anklagebank saß, und ich dachte mir: Warum nicht auch die Chefs der oben genannten Verbände anklagen, wegen Beihilfe zum Ökozid mit Vorsatz?

Dann fiel mir auf, dass ich das genau so gut auch lassen könnte, weil es kaum etwas weniger Klimarelevantes gibt als unsere Debatten über Klimapolitik. Klar kann ich die großen Nichtregierungsorganisationen anzetern oder die Grünen angreifen, aber was nützt das? Wenn das Politikfeld Klimapolitik, wie ich seit mindestens zwölf Jahren argumentiere, für die reale Emissionsentwicklung faktisch irrelevant ist, was sagt das dann über dessen erste Ableitung aus: die Debatte über Klimapolitik? (Witzig: während ich dies schreibe, streite ich mit einem BUND-Referenten über die Kohlekommission – ich lerne echt nie.)

Plötzlich wurde mir klar, dass diejenigen, die mir entweder unterstellten oder nahelegten, dass »Kämpfen und zweifeln« nicht nur eine Pause, sondern ein Abschied war, recht hatten. Ich kann nicht mehr die ewig gleichen Debatten führen, die wir inhaltlich schon vor 13 Jahren überzeugend gewonnen haben (zu »grünem Wachstum«, zu Emissionshandel, zur Haltung der Industriegewerkschaften), die aber trotzdem immer wiederkehren. Ich kann es nicht mehr – nicht nur, weil die Debatten irrelevant sind, sondern auch, weil die dauernde Frustration mich zu einem zunehmend unangenehmen Menschen machen. Wer will schon ein angry old man werden?

Sinnlose Debatten. Null Policy-Erfolge. Zunehmende Aggression. Sonntage, die ich in eiskalten Klimacamps verbringe, wo ich fünf Uhr morgens aufwache und Angst habe, von Faschisten angegriffen zu werden.

Vergangenen Sonntag habe ich mich nicht nur aus der Debatte, sondern aus der Bewegung in toto verabschiedet – denn zur Zeit ist erstere für mich toxisch, zweitere überfordert, deprimiert und erschöpft mich. Ich brauche eine Pause. Ich bin ein (relativ) frisch verliebter schwuler Hedonist, und – wissend, dass ich diese Wahl nur wegen meines Berges an Privilegien treffen kann – muss jetzt erst einmal chillen, ein paar Drogen nehmen und meine Wunden lecken, ohne die ganze Zeit an das Ende der Möglichkeit globaler Gerechtigkeit zu denken. Und vor allem: ständig zu kämpfen.

Ihr aber – und damit meine ich natürlich vor allem den seit 2019 führenden Akteur der Klimabewegung » Fridays for Future« oder auch die junge #GenerationKlima –, ihr aber, die den Kampf erst seit relativ Kurzem führen, ihr habt folgende Verantwortung: Ihr müsst Euch fragen, wie ihr einen Kampf führen könnt, mit welchen Geschichten ihr Euch für einen Kampf motivieren könnt, den ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gewinnen werdet. Ihr müsst ihn führen, denn etwas anderes können wir unserer guten Freundin und Genossin Tetet Lauron auf den Philippinen und den anderen Menschen in klimawandelgestressten Regionen der Welt gegenüber nicht verantworten oder begründen. Ich mache jetzt kein Klimagerechtigkeits-Storytelling mehr. Ihr müsst eure eigenen Geschichten erfinden.

In den weisen Worten eines der wahrhaft großen Homosexuellen der alten Republik (Hape Kerkeling): Ich bin dann mal weg.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung