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Sie wollen doch nur spielen

Aus Lego kann man die ganze Welt bauen. Einst gehörte sie dem Unternehmen allein. Heute herrscht der Kampf der Noppen.

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Feuilleton, auch in dieser Zeitung, wird gerne Begriffslego gespielt. Kennen Sie nicht? Ist ganz einfach. Legosteine sind Bausteine, die ineinander passen und aus denen sich fast alles bauen lässt. Auf fast jeden Legostein lässt sich ein weiterer dran-, drunter- oder draufbauen. Begriffslego funktioniert genauso. Nehmen Sie das Superbegriffslegowort »Zeit«. Man kann es sowohl vor andere Begriffe klemmen - vor den Fresser oder den Geschmack, vor die Lupe oder die Not, den Genossen oder den Zeugen gleichermaßen. Man kann es aber auch hinten an andere Wörter anbauen - an meiner oder seiner, an Dienst oder Ferien, an nah wie fern.

Besonders dienlich sind solche Legobegriffen vor allem Textzeitarbeitern. So liest sich jede Überschrift mit ein paar Komposita gleich viel besser. Seit einiger Zeit müssen sich nun auch Youtuber in Begriffslego üben. Der Grund ist skurril. Der dänische Spielwarenhersteller Lego verbietet ihnen, den Begriff Lego zu verwenden. Zumindest, wenn die Bausteine nicht von Lego stammen. Tatsächlich gibt es nämlich zahlreiche Hersteller, vor allem aus Ostasien, aber auch in Deutschland, die Steine mit Noppen herstellen, die aber auf keinen Fall Lego genannt werden dürfen.

Was für jeden wie ein Traum klingt, der sich früher sein gesamtes Taschengeld für Lego-Produkte abgespart hat, ist für den dänischen Konzern nämlich ein Albtraum. Aus Lego-Steinen lässt sich die ganze Welt erbauen. Doch seit einiger Zeit gehört diese Welt nicht mehr Lego alleine. Zahlreiche Firmen drängen auf den Noppenmarkt. Aber Lego kämpft mit allen Mitteln gegen sie. Im November 2004 bezahlte die dänische Firma das Schreddern von 54 514 Sets der chinesischen Firma Enlighten. Die bauten Steine, die haargenau auf jene von Lego passten. Lego ließ die Kartons mit den Nachbauten zuerst von einer Planierraupe platt walzen, um dann die Überreste zu häckseln.

Heutzutage ist der Kampf von Lego weniger auf andere materielle Stecksteine gerichtet - dieser Kampf scheint lange verloren, es gibt eine Vielzahl von alternativen Bausystemen -, sondern auf den immateriellen Wert der Marke Lego. Man könnte denken, eigentlich würde kaum jemand diesen mehr erhöhen als Nerds auf Youtube, die stundenlang über Lego-Sets reden. Davon gibt es tatsächlich einige: Bei Youtube tummelt sich eine reiche Szene an Videoproduzenten, die Filme über die Klemmbausteine einstellen. Und sie haben eine große Zuhörerschaft. Über eine Million Mal werden die Videos vom »Held der Steine« angesehen. »Welt, seid mir gegrüßt!«, so empfängt er seine Zuschauer und bespricht dann mit ihnen die neusten Einstöpselsteine, setzt Burgen und Fahrzeuge daraus zusammen.

Es ist schon das zweite Mal, dass Lego den »Held der Steine«, bürgerlich Thomas Panke, rechtlich belangt. Anfang 2019 hatten die Dänen bemängelt, das Logo von Panke ähnele dem von Lego zu sehr. Als Folge kündigte Panke an, in Zukunft mehr alternative Klemmbausteinsysteme zu testen und zu verkaufen. Und sein Ton gegenüber Lego wurde immer schärfer. Als »Verrat an den eigenen Werten« wurde da ein Bagger von Lego Technics besprochen, bei manchen Produkten sei es gar »grotesk beleidigend, dass es das überhaupt gibt«.

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Nicht etwa wegen seiner ganz eigenen Form von Begriffslego wurde Panke nun erneut von den Rechtsanwälten des dänischen Unternehmens kontaktiert, sondern weil er Konkurrenzprodukte als Lego-Steine bezeichnete. Diese Videos solle er nun löschen.

Die Rechtslage ist dabei gar nicht so eindeutig. Zum einen, da Lego eventuell bereits als Gattungsbegriff zählt - so wie »Jeep« inzwischen nicht die Marke, sondern einen bestimmter Autotyp bezeichnet. Zum zweiten, weil Lego den Plastikbaustein mit zwei mal vier Noppen gar nicht erfunden hat, sondern lediglich die Röhren im Inneren des Steins, der bis dahin hohl gewesen war.

Panke löschte die Videos trotzdem. Der Kampf David gegen Goliath, kleiner Youtuber gegen Weltkonzern, hat ihm wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit eingebracht als jedes Röhrennoppensteinvideo.

Eine detaillierte Zusammenfassung des Rechtsstreits von Lego mit Händlern und Youtubern gibt es im Tagesspiegel zu lesen.

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