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Die Skyline der Ruinen

Kein Neubeginn ohne Katharsis: Die Anfänge der Defa mit Wolfgang Staudte und Kurt Maetzig

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Im Mai 1945 ging das sogenannte Dritte Reich unter. Deutschland war nun zwar von der Naziherrschaft befreit, aber auch ein besiegtes, besetztes und zerstörtes Land. An welches Bild von der Zukunft sollten die Deutschen glauben? Und welche Filme sollten nun gedreht werden? Zuletzt hatte die Ufa mit Filmen wie Veit Harlans »Kolberg« nur noch die Durchhalteparolen der Nazis bebildert.

Für jene, die bereits 1945 wieder Filme machen wollten, war klar, ohne eine Katharsis der Deutschen würde es kein neues Deutschland geben, eines das auf humanistischen und demokratischen Werten basieren sollte. Jedoch, es herrschten Hunger und Seuchen, Berlin war ein einziges Ruinenfeld. Man könnte meinen, dass die politisch Verantwortlichen erst einmal anderes für wichtiger hielten als den Neubeginn des Kulturlebens.

Wolfgang Staudte, der für die Ufa 1942 bereits »Akrobat Schö-ö-ö-n« mit dem spanischen Musik-Clown Charlie Rivel gedreht hatte, ein lebenslanger Pazifist, wollte nach der Befreiung sofort beginnen, den Opfer-Mythos der Deutschen zu zerstören. Sein Film, für den er selbst das Buch geschrieben hatte, sollte »Die Mörder sind unter uns« heißen und die verschiedenen Verhaltensmuster der Deutschen während der Nazizeit aufzeigen. Da ist Susanne Wallner (Hildegard Knef), eine junge Fotografin, die aus dem KZ kommt. In ihrer Wohnung lebt jedoch der Chirurg Mertens (Ernst Wilhelm Borchert), der seine furchtbaren Kriegserinnerungen in Alkohol ertränkt. Und dann trifft dieser seinen früheren Hauptmann Brückner (Arno Paulsen) wieder, der ein Massaker an Männern, Frauen und Kindern befohlen hatte. Mertens glaubt nur noch eines tun zu können: Brückner zu töten.

Mit dieser Geschichte geht Staudte, der im britischen Sektor von Berlin lebt, zu den dortigen Besatzungsbehörden. Die zeigten sich an dem Stoff nicht interessiert, auch die Franzosen nicht. Staudte inseriert in einer Zeitung: »Suche für Filmvorhaben 500 000 Mark« - keine Reaktion. In der Amerikanischen Besatzungszone gelingt es ihm, den dortigen Filmoffizier Peter van Eyck zu sprechen. Der gibt ihm den bündigen Bescheid, in den nächsten Jahren würden in diesem Land überhaupt keine Filme gedreht werden - die Amerikaner hätten noch tonnenweise Filme, die man hier erst einmal verkaufen wolle.

In der Sowjetischen Besatzungszone gibt Staudte das Buch bei den Kulturoffizieren Alexander Dymschitz und Sergej Tulpanow ab. Zwei Wochen später wird er einbestellt: »Ja, das wird gemacht«, lautet hier die Antwort. Jedoch zum Ende des Films habe man noch eine Anmerkung: »Den Wunsch nach Rache, den können wir verstehen, aber es muss gesagt werden, dass das genau der falsche Weg ist. Überlegen Sie sich das.« Staudte schreibt den Schluss um: Jetzt verhindert die junge aus dem KZ gekommene Frau die Selbstjustiz des Arztes. Brückner, der Kriegsverbrecher, gehöre vor Gericht, lautet nun die Botschaft.

Staudte fängt - trotz desaströser Studiobedingungen - sofort an zu drehen. Da ist die Defa noch gar nicht gegründet. Der Regisseur hat im zerstörten Berlin eine einmalige Ruinen-Skyline gefunden, durch die ein von Trümmern umsäumter Weg führt - symbolträchtig für die Zeitsituation. Der impulsive Filmmensch kommt eines Morgens zu seinem Trümmer-Set, wo er die Gasag beim Verlegen von Gasrohren antrifft und brüllt vor Wut: »Macht mir hier nichts kaputt!«

Die zwanzigjährige Hildegard Knef sagt gleich zu Beginn des Films den Satz: »Es gibt Verwundungen, die nicht sichtbar sind, deren Heilung aber viel Zeit bedarf.« Doch mehr als für die KZ-Heimkehrerin interessiert sich Staudte für die Konfrontation des vormaligen Militärarztes Mertens mit seinem vormaligen Vorgesetzten, der den Vergeltungsmord an Zivilisten befahl. Ein ewiger Untertan, der nun wieder Fabrikdirektor ist und meint, egal, ob man aus Kochtöpfen Stahlhelme fertige oder umgekehrt: »Nur zurechtkommen muss man«.

Gegen diesen Opportunismus des saturierten Bürgers, der immer ein reines Gewissen hat, rebelliert Staudte hier - und dann fünf Jahre später in der genialen Verfilmung von Heinrich Manns »Der Untertan« nochmals auf ikonografische Weise.

In »Die Mörder sind unter uns« wirken die Bilder dunkel und expressiv. Das liegt auch an Friedl Behn-Grund, der bereits seit frühen Stummfilmzeiten als Kameramann arbeitete. Nachdem er in seinem eigenen Garten auf eine Mine getreten war, ist er schwerbehindert. Doch er führt auch für »Ehe im Schatten«, dem zweiten Defa-Film von Kurt Maetzig, die Kamera und prägt überhaupt die Filmsprache der ersten Defa-Jahre.

Anfang der 50er Jahre geht er in den Westen, dreht dort nur noch Unterhaltungsfilme. Auch Staudte, 1949 bei seinem Film »Rotation« wegen »Pazifismus« der SED-Zensur ausgesetzt, verlässt 1955 die Defa endgültig im Streit um die von Brecht hintertriebene Verfilmung seiner »Mutter Courage und ihre Kinder«. Er führt dann im Westen einen beharrlichen, aber zumeist vergeblichen Kampf um gewichtige Filme.

Zwei Wochen nach Drehbeginn für »Die Mörder sind unter uns« findet am 17. Mai 1946 die festliche Gründungsveranstaltung der Defa mit dreihundert Gästen statt. Kurt Maetzig ist einer der Gründungsmitglieder der deutsch-sowjetischen Aktiengesellschaft. Maetzigs Vater war Besitzer einer Filmkopierfabrik - und so war der Sohn von der betriebswirtschaftlichen Seite her zum Film gekommen, hatte vor dem Krieg in Paris über Rechnungsführung in der Filmwirtschaft promoviert und dort auch seine spätere Frau Marion Keller kennengelernt.

Dass Maetzig nun unbedingt seinen ersten Film drehen wollte, lag daran, dass ihm der Intendant der Münchner Kammerspiele, Hans Schweikart, die Erinnerungen des Schauspielers Joachim Gottschalk schickte, der die Forderung des Propagandaministeriums abgelehnt hatte, sich von seiner jüdischen Frau, der Schauspielerin Meta Gottschalk, scheiden zu lassen und mit ihr den gemeinsamen Freitod wählte. Das bewegt Maetzig auch darum so stark, weil es seine eigene Familiengeschichte betrifft. Sein Vater hatte sich von seiner jüdischen Mutter scheiden lassen, um die Filmkopierfabrik zu behalten - und so war diese schutzlos und sollte deportiert werden. Dem entzog sie sich durch Gift. Etwas, worüber Maetzig erst spät in seinem Leben sprach, auch, dass er bei ihrem Tod anwesend war.

Er selbst hatte als »Halbjude« Berufsverbot, arbeitete jedoch bei Marion Keller in ihrem fotochemischen Labor in Werder, das als kriegswichtig eingestuft wurde, so konnte er sich retten. Doch als im Februar 1945 ihr erster gemeinsamer Sohn geboren wurde, war die Gefahr groß, dass man mit beiden wegen »Rassenschande« kurzen Prozess machte. Ein Freund, der kommunistische Widerstandskämpfer Robert Rompe, später ein renommierter Physiker, gab sich gegenüber den Behörden als Vater aus. Alltag zwischen Barbarei und Solidarität kurz vor Kriegsende.

»Ehe im Schatten« startet im Herbst 1947 in allen Besatzungszonen gleichzeitig und wird - vielleicht auch, weil der Film in konventioneller Ufa-Ästhetik gehalten ist - ein erster und letzter gesamtdeutscher Publikumserfolg. Allein in der Sowjetischen Besatzungszone sehen ihn zehn Millionen Zuschauer, das ist ungefähr jeder zweite Einwohner. Maetzig erinnert sich daran, wie das Publikum jedes Mal schweigend die Kinos verließ.

Als Brecht 1948 nach Berlin kam, besuchte er Maetzig, weil man ihm gesagt hatte, dass er »Ehe im Schatten« sehen müsse. Er kam, sah und ging mit den Worten: »Was für ein schrecklicher Kitsch!« Am nächsten Tag schickte er dem tief gekränkten Maetzig sein »Kleines Organon für das Theater«.

Ebenso wichtig wie die Spielfilmproduktion war für das »authentische Bildgedächtnis« (Maetzig) der Nachkriegszeit der »Defa-Augenzeuge«, Marion Keller war bis 1949 Chefredakteurin dieser Wochenschau für das Kino. Keine Propaganda, sondern Aufklärung, so war der Anspruch, der sich in Maetzigs Slogan wiederfand: »Sie sehen selbst. Sie hören selbst. Urteilen Sie selbst!«

Mit der Gründung der DDR 1949 wurde der »Augenzeuge« dann auf SED-Linie gebracht, Marion Keller abgesetzt (sie verließ einige Jahre später die DDR). Der Slogan verschwand. Maetzig lakonisch: »Erst verschwand der Vorspruch, dann der Anspruch.«

»Die Mörder sind unter uns« und »Ehe im Schatten« sind auf Amazon Prime zu sehen.

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