Polemik um Musik auf Kuba

Ein Popsong geht viral, und die Regierung reagiert harsch auf den Text

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist alles andere als gewöhnlich, dass die kubanische Regierung auf einen Popsong reagiert, und dann gleich auf der Titelseite der Parteizeitung Granma und zur besten Sendezeit im Fernsehen. Schuld daran ist der Song »Patria y Vida« (Heimat und Leben), den die international erfolgreichen Musiker Gente de Zona, Descemer Bueno, Yotuel Romero (Ex-Orishas) und zwei Rapper vom Movimiento San Isidro gemeinsam aufgenommen haben und der in den sozialen Neztwerken auf der Insel viral geht.

In dem Lied, das bereits mehr als zwei Millionen Mal auf Youtube angeklickt wurde, geht es um fehlende Freiheiten für Künstler*innen, die schlechte Versorgungslage und die Dollarisierung der kubanischen Wirtschaft. »Was feiern wir, wenn es die Leute eilig haben, Che Guevara und Martí gegen Devisen einzutauschen«, heißt es an einer Stelle. An einer anderen: »Keine Lügen mehr, mein Volk bittet um Freiheit, keine Doktrin mehr. Wir rufen nicht mehr Heimat und Tod, sondern Heimat und Leben«. Eine Anspielung auf Fidels Revolutionsslogan »Patria o Muerte« (Heimat oder Tod), was der Regierung besonders aufstößt.

Entsprechend dünnhäutig reagierte sie. Die Tageszeitung Granma widmete dem Song mehrere Aufmacher; die kubanische Nachrichtenagentur ACN nannte das Lied »annexionistische Kotze«; in anderen Medien war von »Söldnern«, »Narren« und »Verrätern« die Rede. Selbst Präsident Miguel Díaz-Canel meldete sich per Twitter zu Wort.

Der Song erscheint in einer für Kuba delikaten Situation: Der coronabedingte Einbruch des Tourismus und verschärfte US-Sanktionen haben die angespannte Wirtschafts- und Versorgungslage auf der Insel weiter verschlechtert. Die Regierung hofft auf eine Annäherung an die neue US-Regierung unter Joe Biden. Ein Aufflammen des schwelenden Konflikts mit einem Teil der Kunst- und Kulturszene käme da zur Unzeit.

Dass nun international bekannte kubanische Künstler und Grammy-Gewinner zusammen mit den zum regierungskritischen Movimiento San Isidro gehörenden Rappern Maykel »Osorbo« Castillo und Eliécer »el Funky« Márquez einen Song machen, empfindet die Regierung als Provokation. Zumal Randy Malcom und Alexander Delgado von Gente de Zona lange Zeit nicht als Regierungskritiker auffielen. Auf Kuba genossen sie Privilegien, während sie im Ausland Karriere machten. Seit einigen Jahren leben sie in Miami, traten aber immer wieder auch in Havanna auf: eine Gratwanderung, die lange gut ging. Bei einem Konzert 2018 in der kubanischen Hauptstadt riefen Gente de Zona zum Applaus für den Präsident Diaz-Canel auf und nannten ihn »unseren Präsidenten«. Das kam in Miami nicht gut an.

In der Folge erhielten Gente de Zona viel Gegenwind. Ende des Jahres 2019 wurden sie einem gemeinsamen Konzert mit Pitbull im Bayfront Park in Miami wieder ausgeladen, nachdem Bürgermeister Francis X. Suárez den Auftritt wegen angeblicher Nähe zur kubanischen Regierung ablehnte. Damals verteidigte der kubanische Botschafter in den USA, José Ramón Cabañas, die Gruppe. Der bekannte kubanisch-amerikanische Moderator und Influencer Alexander Otaola ging so weit, öffentlich den Entzug des ständigen Wohnsitzes in den USA für Malcom und Delgado zu fordern. Als der Druck immer größer wurde, distanzierten sich die beiden öffentlich von der Regierung in Havanna. Den größten Markt für Latino-Musik aufs Spiel zu setzen, war die Sache nicht wert.

Descemer Bueno, dessen Song »Bailando« Enrique Iglesias zu einem Welthit machte, geriet dagegen in Konflikt mit der kubanischen Regierung aufgrund rechtlicher Probleme eines Verwandten. Im September vergangenen Jahres brach er mit Havanna. Ebenso wenig war der in Europa lebende Yotuel Romero bisher mit Kritik an der kubanischen Regierung aufgefallen. Das änderte sich vergangenes Jahr mit dem an »Ojalá« (Hoffentlich) von Silvio Rodríguez angelehnten Orishas-Song »Ojalá pase« (Hoffentlich geht es vorbei). Ein Teil des Textes findet sich nun auch in dem Song »Patria y Vida«. Vor ein paar Wochen gab Romero seinen Ausstieg aus Orishas bekannt und kündigte eine Solokarriere an. Der dürfte die nun entstandene Aufmerksamkeit abträglich nicht sein. Seine erste Platte heißt übrigens »Rebelde« (Rebell).

Warum sie sich jetzt erst kritisch äußerten, dazu schreiben Gente de Zona in einer vom Management verbreiteten Erklärung: Man habe sich angepasst, um zu überleben und keine Probleme zu bekommen und weiter in Havanna auftreten zu können. »Aber die Situation in Kuba ist jetzt unerträglich und es war keine Option mehr, wegzuschauen oder zu schweigen.« Dieser Argumentation folgend müssten sie demnächst einen Song gegen die US-Blockade machen, denn die leistet einen nicht unerheblichen Beitrag zur »unerträglichen Situation« auf der Insel.

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