»Wir sterben auf Raten«

Siemens Energy will Hunderte Stellen an seinem Berliner Standort abbauen - Beschäftigte sind empört

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Zukunft ist für 740 Mitarbeiter*innen von Siemens Energy in Berlin mehr als unklar.
Die Zukunft ist für 740 Mitarbeiter*innen von Siemens Energy in Berlin mehr als unklar.

»Man raubt uns die Möglichkeit, die Energiewende mitzugestalten«, ruft Günter Augustat in die Menge der rund 100 vor dem Werkstor versammelten Siemens-Mitarbeiter*innen. Es ist kalt und regnerisch an diesem Februarmorgen. Der kräftige Betriebsratsvorsitzende von Siemens Energy AG in Berlin steht in Jeans, Hemd, Fleecejacke und mit roter IG-Metall-Mütze auf einem kleinen Podest vor dem Werkstor. Neben ihm ein Transparent: »Gasturbinen aus Moabit. Wir können Energiewende« steht darauf.

Betriebsrat Augustat steht da wie ein Fels auf seinem Podest. Er ist empört, dass rund 740 Siemens-Energy-Mitarbeiter*innen - wie letzte Woche auf einer Betriebsversammlung vom Vorstand verkündet wurde - bis 2023 den Standort Berlin verlassen sollen. Insgesamt soll es weltweit 7800 Mitarbeiter*innen treffen. Natürlich ist er aufgebracht. Vor allem, weil die Siemens Energy AG bereits ein Jahr nach der Ausgründung aus dem Gesamtkonzern schwarze Zahlen schreibt und im letzten Quartal 2020 99 Millionen Euro Gewinn nach Steuern verbuchen konnte. Augustat fürchtet, dass Siemens sich mittelfristig von seinem Standort für den Bau von Gasturbinen in Berlin-Moabit ganz verabschieden könnte. Dann ruft er: »Wo nicht gefertigt wird, da hört es auch mit der Innovation auf.« Applaus unter den Zuhörer*innen. Einzelne pusten in ihre Trillerpfeifen, einer hat sich zum Tröten eine Vuvuzela unter seinen Mund-Nasenschutz gesteckt und bläst hinein.

Bekenntnis zu Berlin

Letztes Jahr im April hatte Siemens seine Energiesparte in das eigenständige Unternehmen Siemens Energy AG mit weltweit rund 91 000 Mitarbeitenden überführt und vom Mutterkonzern abgespalten. Christian Bruch - ehemals Chef des Energiegeschäfts bei Linde AG - wurde neuer Vorstandsvorsitzender und Joe Kaeser, langjähriger Siemens-Chef, Aufsichtsratsvorsitzender des neuen eigenständigen Unternehmens. Windkraftanlagen, Wasserstofftechnik, Gasturbinen und Transformatorentechnik sind Hauptgeschäftsfelder von Siemens Energy.

Im Herbst gab Bruch bekannt, den Hauptsitz des Unternehmens nach Berlin-Moabit verlegen zu wollen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sagte damals: »Wir freuen uns sehr, dass Siemens Energy seine Konzernleitung in Berlin ansiedelt! Berlin ist seit Langem ein starker Standort für Innovation und leistungsstarke Produktion in der Energiewirtschaft. Die Geschichte von Siemens ist eng mit dieser Tradition verbunden, und wir freuen uns, diese Erfolgsgeschichte gemeinsam mit Siemens Energy weiter zu schreiben. (...) Die Ansiedlung des Headquarters ist ein großer Erfolg und ein klares Bekenntnis von Siemens Energy zum Standort Berlin.«

Der Markt bricht ein

Offensichtlich ist jedoch, dass der Markt für Gasturbinen weltweit einbricht. Nach Informationen der Wirtschaftswoche wurden global im vergangenen Jahr nur 82 große Gasturbinen verkauft - so viele, wie die Belegschaft am Standort Moabit vor einigen Jahren alleine hätte zusammenschrauben können.

Noch im Januar erarbeiteten die Gewerkschaft IG Metall und Siemens Energy eine gemeinsame Zukunftsvereinbarung. Man verständigte sich in einer Willenserklärung darauf, keine Standorte schließen zu wollen. Außerdem sollten, so Regina Katerndahl, Vize-Chefin der IG Metall Berlin, betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Altersteilzeit, Aufhebungsverträge und Qualifizierungen sollten präferiert werden. Tatsächlich hatte Vorstandschef Bruch vor einem Jahr noch komplette Werke und Standorte infrage gestellt. Nun allerdings stehen in Moabit gut 700 Siemens-Arbeiter*innen des Werkes vor einer ungewissen Zukunft. Das sind rund ein Drittel der gesamten Beschäftigten am Standort.

»Ich fühle mich verraten«

Enrico Wiesner ist seit zehn Jahren bei Siemens angestellt - sein gesamtes Berufsleben. Er arbeitet in der Qualitätsprüfung für Turbinen. Wiesner steht mit einer Fahne vor dem Werkstor in der Huttenstraße und kämpft mit seinen Gefühlen. Manche hätten Dienst nach Vorschrift gemacht, aber er sei immer eine »Extrameile gegangen«, habe sich über das Notwendige hinaus engagiert. »Alles, was ich kann, habe ich hier gelernt. Jetzt fühle ich mich verraten«, kritisiert Wiesner.

Auch die stellvertretende Berliner IG-Metall-Vorsitzende Katerndahl spricht von einem »unfairem Spiel« der Siemens Energy AG. Während hierzulande so getan werde, als wolle Siemens sich künftig vor allem auf erneuerbare Energien spezialisieren und deswegen Beschäftigte im Gasturbinen-Bereich abgebaut werden müssten, werden die gleichen Arbeitsplätze in Ungarn wiederaufgebaut. Auch für Betriebsrat Augustat liegt die Vermutung nahe, dass man sich in Deutschland ein grünes Mäntelchen der ökologischen Nachhaltigkeit anziehen wolle, während man in anderen Ländern weiter das grau-braune Mäntelchen der konventionellen Energieerzeugung hochhalte.

Auch für die Aktivist*innen von Fridays for Future klafft nach wie vor eine große Lücke zwischen der progressiven Rhetorik des Unternehmens und seinem tatsächlichen Handeln. Letztes Jahr campierten die Umweltaktivist*innen mehrere Wochen vor der damaligen Konzernzentrale in München. Hintergrund war eine Turbinenlieferung für die neuen Kohlekraftwerksblöcke Jawa 9 und 10 in Indonesien. Noch heute beruhe die Hälfte des Geschäfts von Siemens Energy auf klimaschädlichen Energieträgern, kritisierten die Umweltschützer*innen. Joe Kaeser bot der Aktivistin Luisa Neubauer damals einen Posten im Aufsichtsrat an, den diese aber ablehnte.

Dabei hat sich Siemens mittlerweile wirklich auf den Weg gemacht in Richtung erneuerbare Energien. Auf der Hauptversammlung von Siemens Energy AG am 10. Februar berichtete der Aufsichtsratsvorsitzende vom Beschluss des Vorstands, sich »nicht mehr an neuen Ausschreibungen für ausschließlich mit Kohle befeuerten Kraftwerke zu beteiligen«.

Kaeser sieht Siemens Energy als »Teil der Lösung für die Energiewende weltweit«. Er begrüße es, »wenn sich die junge Generation organisiert und ihren Anspruch formuliert. (...) Denn wir haben keinen ›Planeten B‹«. So steht es in Kaesers Rede-Manuskript für die Hauptversammlung.

Effizienzsteigerung als Ausweg?

Doch kann man die Trennlinie zwischen erneuerbar und konventionell so klar ziehen? Industriemechaniker Enrico Wiesner bezweifelt das - aus gutem Grund. Er erklärt, dass die Turbinen aus dem Berliner Werk genauso gut mit erneuerbaren Energieträgern betrieben werden können. Dazu habe man verschiedene Brenner, quasi das Herzstück einer Turbine, entwickelt. Auch im Zukunftsmarkt Wasserstoff könnten Gasturbinen so eine wichtige Rolle einnehmen, ist er sich sicher.

Betriebsrat Günter Augustat sieht das Argument von Siemens, sich auf erneuerbare Energien konzentrieren zu wollen, ebenso als vorgeschoben. Er ist sich sicher, dass diese beiden Bereiche noch viele Jahre Hand in Hand gehen müssen. Vor allem, weil man noch lange Zeit schnell startende Gaskraftwerke brauche, um Schwankungen in der Energiegewinnung durch erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenenergie auszugleichen. »Wir sind ein Hochtechnologiestandort. Jeder Prozentpunkt Wirkungsgraderhöhung, den wir an der Gasturbine konstruktiv erreichen, spart beim Betrieb enorm Gas und Emissionen und trägt damit zur Dekarbonisierung der Welt bei«, so Augustat.

Für Industriemechaniker Enrico Wiesner ist es viel eher »die klassische Frage: Arbeitskraft oder Kapital«, wie er sagt. Bis 2023 will Siemens Energy seine Gewinnmarge nämlich von 6,5 Prozent auf 8,5 Prozent anheben. Als »Aktionärsfreuden auf Kosten der Beschäftigten«, kritisiert die IG Metall Berlin das aktuelle Vorgehen von Bruch und Kaeser in einer Pressemitteilung und kündigt weitere Proteste an - gegebenenfalls zusammen mit Beschäftigten anderer Siemens-Betriebe.

Enrico Wiesner jedoch sieht die Zukunft eher düster: »Bis Ende Februar soll es einen Sozialplan geben. Ich denke, dann werden mir zwei, drei Ersatztätigkeiten angeboten, und wenn ich Nein sage, bin ich raus.« Schon bald würden die ungarischen Arbeiter*innen kommen, habe er gehört. Die müsse er dann anleiten, um sich selbst überflüssig zu machen. »Wir sterben auf Raten«, sagt er im Gehen. Dann muss Wiesner zurück an seinen Arbeitsplatz. Er wirft die Fahne in den bereitstehenden Transporter, setzt seine FFP2-Maske auf und geht durchs Betriebstor. Ob er weiter »Extrameilen« für Siemens machen wird, ist unklar.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung