Engagierte Kollegin

Eine war’s Nr. 271

»Für eine besondere Kämpferin wie sie braucht es jetzt mindestens zwölf«, schrieb Ines Schwerdtner 2019 im Nachruf auf diese Gewerkschaftsaktivistin im »neuen deutschland«.

Sie kam aus Gelsenkirchen, war Jahrgang 1959, arbeitete nach einer abgebrochenen Lehre seit 1981 als Reinigungskraft und wurde 1984 Gewerkschaftsmitglied. Als Putzkraft war ihr Beruf formal in der IG Bauen-Agrar-Umwelt (vorher Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden) vertreten. Denn anders als etwa Las Kellys in Spanien, haben Reinigungskräfte in Deutschland keine eigene Gewerkschaft, die ausschließlich für ihre Interessen einsteht. So war es schon zu Beginn ihres Engagements an ihr, sich und ihren Kolleginnen Gehör zu verschaffen.

Sie war Betriebsrätin und Vorsitzende ihres Bezirksverbands. Sie engagierte sich gegen die Auswirkungen der Agenda 2010 und der Sozialpolitik der Großen Koalition, die sich in ihrer Branche besonders deutlich zeigten und vor allem Frauen betrafen: niedrige Löhne, befristete Verträge und Minijobs – Anstellungsverhältnisse, die sicher in die Altersarmut führen.

Im Zuge des Streiks der Reinigungskräfte 2009 organisierte sie mit der Gewerkschaft im Vorfeld des Spitzengesprächs eine öffentliche Putz-Olympiade in der Dortmunder Innenstadt, bei der 150 Arbeiterinnen öffentlich zu Disziplinen wie Wischmobauswringen und Klobürstenzielwurf antraten. Damit zeigten die Kolleginnen nicht nur Kämpferinnentum, sondern auch Humor.

Doch mit dem Kompromiss zum Tarifabschluss war für sie noch lange nicht alles erreicht. Die Probleme in der Branche bestanden fort. Die harte körperliche Arbeit, steigender Druck und Arbeitsverdichtung sowie mangelnde soziale Absicherung waren weiterhin Anlass für Arbeitskämpfe. Angesichts der Corona-Pandemie zeigte sich umso deutlicher, wovor sie mit ihrer Kritik am Abbau der Sozialleistungen und Niedriglöhnen warnte. Der Untertitel ihres Buches, das 2017 erschien, bringt die Probleme so auf den Punkt: »Warum wir ein Leben lang arbeiten und trotzdem verarmen«.

Durch ihre Wortbeiträge in einer Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erlangte sie 2016 Berühmtheit über ihre bisherige Bekanntheit als Gewerkschafterin und engagierte Kollegin hinaus. Sie setzte sich als einzige Person ohne akademischen Abschluss in der Talkrunde mit ihren Anliegen gegen die SPDlerin Hannelore Kraft, den Vorsitzenden der »Jungen Unternehmen«, einen Wirtschaftsforscher und einen Wirtschaftsjournalisten der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« durch. Als Vertreterin eines handwerklichen und schlecht bezahlten Berufes kritisierte sie die SPD scharf für ihre Sozialpolitik, die sie und »ihre Mädels« in die Altersarmut entlasse. Sie habe derzeit Anspruch auf 735 Euro Rente, erzählte sie in der Sendung.

Nach der Sendung konnte sie für die SPD geworben werden. Sie suchte dort nach Möglichkeiten, die Politik der Partei zu verändern. Sie stritt sich unter anderem auf dem Wertekongress der Partei mit Sigmar Gabriel, trat aber letztlich wieder aus. 2018 wandte sie sich ihrem letzten politischen Projekt zu, der umstrittenen Sammlungsbewegung »aufstehen«.

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