Bio-Bananen und Klassenkampf

Vor 30 Jahren wurde »Hegemonie und radikale Demokratie« auf Deutsch veröffentlicht. Die Relektüre zeigt, warum Antikapitalisten die besseren Grünen sind. Von Johannes Greß

Am Anfang stand die Frage: Wieso Klassenkampf? An deren Ende stand mit dem 1985 von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe veröffentlichten »Hegemony and Socialist Strategy« eine Art Gründungsdokument postmarxistischer Theoriebildung. Sechs Jahre später, vor 30 Jahren, wurde das Werk unter dem Titel »Hegemonie und radikale Demokratie« erstmals ins Deutsche übersetzt. Bis heute ist es innerhalb der deutschsprachigen (post-)marxistischen Theorie eines der meistdiskutierten - und umstrittensten - Werke. Dessen strategischer Mehrwert für die politische Linke heute zeigt sich nicht zuletzt in einem radikaldemokratischen Blick auf die Grünen: auf das Hadern und Zaudern der Umweltpartei, wie grün oder radikal man denn angesichts einer möglichen Regierungsbeteiligung nun eigentlich sein möchte; auf den verkrampften Versuch, sich programmatisch geschickt irgendwo zwischen Bio-Bananen und Extinction Rebellion zu platzieren.

Die Quintessenz von »Hegemonie und radikale Demokratie« speist sich aus einer philosophischen und einer gesellschaftspolitischen Entwicklung. Da ist zum einen die von den Philosophen Claude Lefort konstatierte und Martin Heidegger bereits vorskizzierte Auflösung der »Grundlagen aller Gewissheit«. Die Gewissheit, dass es eine solche nicht gibt, es keine letzte Wahrheit, keinen letzten Grund gibt, auf oder mit dem sich Gesellschaft (be)gründen ließe; diese Gewissheit versuchen Mouffe und Laclau nicht als Mangel, nicht als Defizit zu begreifen, sondern als Programm für ein linkes, radikaldemokratisches Projekt zu reformulieren.

Andererseits beobachten die Autor*innen in den 1970er und 1980er Jahren eine »wachsende Komplexität und Fragmentierung von Gesellschaft«: das einst zum historischen Subjekt hochstilisierte Industrieproletariat verkümmert im einsetzenden Post-Fordismus zur Minderheit, von dessen revolutionärem Potenzial ganz zu schweigen. An deren Stelle treten die Neuen Sozialen Bewegungen, plurale politische Kämpfe abseits institutioneller Strukturen, seien sie ökologischer, feministischer oder friedenspolitischer Art. Mouffes und Laclaus Absage an die marxistische Orthodoxie ist eine mit weitreichenden Folgen: nicht der eine Klassenkampf, mit dem einen revolutionären Subjekt (der Arbeiter*innenklasse), hat den einen historischen Auftrag, die Gesellschaft radikal zu transformieren. An die Stelle des ontologisch privilegierten Hauptwiderspruchs (dem Klassenkampf) soll eine Vielzahl demokratischer Kämpfe treten - »als den reinen Klassenaufgaben entgegengesetzt, deren Terrain schrumpft, wie die Haut eines Wildesels«.

Und auf begrifflicher Ebene tritt an die freigeräumte Stelle des Klassenkampfes eine andere zentrale Kategorie: der vom Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci, entlehnte und von Mouffe und Laclau poststrukturalistisch reformulierte Begriff der Hegemonie. Dessen zentraler politischer wie theoretischer Mehrwert besteht darin, dass die Sphäre des Politischen nicht als bloßer Effekt der ökonomischen Basis abgetan, sondern dem Politischen weitgehend Autonomie zugestanden wird. Das Soziale ist im antiessenzialistischen Verständnis der Autor*innen durchzogen von einer Vielzahl politischer Kämpfe. Hegemonie konstituiert sich nicht nur in Parlamenten, sondern in Schulen, Wissenschaft, Medien, Film, Werbung, Think Tanks und dergleichen.

Ziel eines jeden politischen Kampfes ist das Erringen von Hegemonie, »die unaufhörliche Ausdehnung der hegemonialen Aufgaben«. Wobei einer der Kämpfe stets eine Sonderrolle einnimmt, »überdeterminiert« ist, indem er die darin agierenden Subjekte trotz vermeintlich widersprüchlicher Interessen in der gemeinsamen Sache eint. Aktuellstes Beispiel: Auf den Anti-Corona-Demos demonstrieren Hippies und Esoteriker*innen neben Antisemit*innen, zwischen Hooligans rollen Kinderwägen und Impfgegner*innen marschieren Seit‘ an Seit‘ mit Rechtsextremen. Lediglich der Kampf für die gemeinsame Sache, gegen den gemeinsamen Gegner nivelliert deren ursprüngliche Differenzen.

Mouffes und Laclaus Kritik an den Klassenkampf-Linken besteht nun darin, dass diese die gemeinsame Sache bereits a priori - unabhängig gesellschaftlicher Konfliktlinien, quasi ahistorisch - festlegen, sämtliche politischen Kämpfe als bloße Nebenschauplätze des Klassenkampfes abtun. Selbiges gelte ihrer Meinung nach für die sogenannte identitätspolitische Linke, eine Linke der Differenz, in welcher - überspitzt formuliert - jede*r um die je eigene Minderheit bemüht ist, was der Idee einer linken Hegemonie radikal entgegenstehe.

Denn im Verständnis von Laclau und Mouffe (beide werden diesen Strang später in je eigenen Arbeiten weiterverfolgen) geht es vielmehr darum, die unterschiedlichen politischen Kämpfe zu verknüpfen, in eine »Kette der Äquivalenz« zu integrieren, möglichst viele Subjekte im Kampf für die gemeinsame Sache zu vereinen - und dadurch das von Antagonismen durchzogene soziale Feld möglichst zu vereinfachen. Mit anderen Worten: um ein gegenhegemoniales, linkes Projekt aufzubauen, muss Gesellschaft möglichst entlang eines Antagonismus strukturiert werden - welcher jener zwischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen sein kann; auf einem Terrain radikaler gesellschaftlicher Kontingenz jedoch diverse andere Formen annehmen kann.

Besonders anschaulich zelebrieren diese (konfliktbehaftete) Dynamik derzeit die Grünen. Die Umweltpartei macht sich - nach derzeitigem Stand wohl nicht zu Unrecht - Hoffnungen auf eine erneute Regierungsbeteiligung auf Bundesebene. Dabei buhlen die Grünen einerseits um jene Wähler*innen, die sich in einer nahenden Post-Merkel-Ära nur noch wenig für die Konservativen begeistern können und denen Umweltschutz immerhin ein Anliegen ist; und andererseits um jene, die ihren Unmut ob der ökologischen Krise seit Jahren auf die Straße tragen, um Aktivist*innen von Fridays For Future, Ende Gelände, Extinction Rebellion und viele mehr. Aus Kreisen der Umweltbewegungen wird bereits seit Langem die Kritik laut, die Grünen beschritten um der Regierungsbeteiligung willen den Weg hin zur bürgerlich-liberalen Partei mit grünem Anstrich - quasi eine CDU 2.0: das Kreuz in der einen, die Holzzahnbürste in der anderen Hand.

Das Dilemma der Grünen ist, dass viele der Ex-Merkel-Wähler*innen in spe für Umweltschutz - und damit für ihre Partei - durchaus zu begeistern sind; zu radikal soll‘s halt aber auch nicht sein. Demgegenüber steht die Überzeugung (der Straße und vermehrt auch der Wissenschaft), dass sich die ökologische Krise ohne eine radikale Abkehr von einem auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem, der ideologischen Basis konservativer Hegemonie schlechthin, nicht wird bearbeiten lassen. Spätestens hier steht die Frage nach Besitzverhältnissen im Raum - und spätestens hier wird’s unangenehm für die Grünen. Mit anderen Worten: Die Grünen stehen vor dem Dilemma, möglichst viele Subjekte in ihre Äquivalenzkette integrieren zu müssen, ohne ihre politischen Forderungen zu verwässern.

Was bedeutet das für die politische Linke? In ihrer Formulierung einer radikalen Demokratietheorie stützen sich Mouffe und Laclau auf das demokratische Imaginäre, »die Ausweitung von Gleichheit und Freiheit auf immer größere Bereiche«. Die so formulierte Absage an historische Notwendigkeiten, an einen alles determinierenden Ökonomismus (sei er marxistischer oder neoliberaler Spielart) bedeutet letztlich, dass es alleinig die politische Praxis ist, die über Wissen und Macht - über die Hegemonie - entscheidet.

Mit einem behutsam radikalisierten Plädoyer für mehr Bio-Bananen, vulgo Grüner Kapitalismus, wird eine Regierungsbeteiligung für die Grünen aller Wahrscheinlichkeit nach drin sein. Für die politische Linke und die systemkritische Seite der Umweltbewegung kann die radikaldemokratische Antwort darauf nur lauten, ihr gegenhegemoniales Projekt um die Forderungen der enttäuschten Grünen zu ergänzen, die der ökologischen Krise inhärente antagonistische Sollbruchstelle entlang von Eigentumsverhältnissen und Wachstumsimperativen zu (re)formulieren - also zu zeigen, dass Antikapitalist*innen die besseren Grünen sind.

Ernesto Laclau (1935-2014) war Professor für Politische Theorie an der University of Essex. Chantal Mouffe, geboren 1943, lehrt Politische Theorie an der University of Westminster in London. »Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus«, herausgegeben und übersetzt von Michael Hintz und Gerd Vorwallner, 264 S., br., 30,70 €.

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