Impft endlich Blome!

Andreas Koristka über das Corona-Verbot in der DDR und seine Auswirkungen bis heute

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn man an einem Pandemiemorgen aufwacht und keine eigene Meinung zu Corona hat, dann ist man tot. Schön, dass sich Nikolaus Blome in seiner jüngsten »Spiegel«-Kolumne quicklebendig präsentiert. Darin fordert er: »Impft endlich die Kanzlerin und das Kabinett!« Denn: »Wir vertrauen der Kanzlerin das Land an und zahlen ihr dafür ein stattliches Gehalt. Wir lassen sie rund um die Uhr von Spezialkommandos der Polizei bewachen und in stark gepanzerten Limousinen durch die Gegend fahren, damit sie sicher ist. Aber vor Corona schützen wollen wir sie nicht ...«

Wer fühlt sich bei Zeilen wie diesen nicht ertappt? »Wir«, das sind bekanntlich WIR alle. Und auch ich muss gestehen, dass ich in der Vergangenheit überhaupt nicht auf die Idee gekommen wäre, Angela Merkel vor Corona zu schützen. Ich nahm wohl an, die Kanzlerin einer der wichtigsten Volkswirtschaften des Universums wäre dazu nicht auf meine Hilfe angewiesen. Vielleicht dachte ich insgeheim sogar, es wäre gänzlich egal, ob Angela Merkel diese vielleicht letzte Krise ihrer politischen Karriere im Sessel des Kanzleramts aussitzt oder auf einer Intensivstation ausliegt. Mit dieser Fehleinschätzung habe ich mich an der Nichtimpfung der Kanzlerin und der gesamten Bundesregierung mitschuldig gemacht.

Wegen Typen wie mir, die nicht auf die Straße gegangen sind, um zu fordern, dass die Bundesregierung von jetzt auf gleich zwangsgeimpft wird, stellen sich, wie Nikolaus Blome völlig korrekt feststellt, Politiker »aus Furcht vor öffentlichem Impfneid hinten an«. Ganz so, als wären sie keine Politiker, sondern völlig normale Menschen aus Fleisch und Blut in Maßanzügen. Das Schlimmste aber ist, dass mich solcher Widersinn nicht anficht, denn »unter Linken ficht solcher Widersinn kaum jemand an. Dort regiert weiterhin die gleichmacherische Skepsis gegenüber jedweder Form von leistungsbezogener Herausgehobenheit, erst recht, wenn es sich um hohe Funktionsträger des Staates handelt. Für Linke, so meine Erfahrung, heißt die Gleichung: Je höher jemand steht, umso gleicher ist er aus Prinzip zu behandeln. In einer solchen Welt gibt es kein Corona, so wie es in der DDR keinen Mangel gab.«

Wie komplex müssen die Gedankengänge von Nikolaus Blome sein, dass er für die bisher ausgebliebene Nichtimpfung von Angela Merkel eine DDR-Analogie konstruieren kann. Gut, um gänzlich fair zu bleiben, müsste man schon erwähnen, dass sich Erich Honecker wohl nie ungeimpft auf Staatsbesuche begeben musste. Ganz im Gegenteil zu Heiko Maas, der sich laut Blome im Ausland dafür »hänseln« lassen musste, noch nicht geimpft zu sein.

Aber sonst stimmt an dem Bild alles. Denn auch in der DDR gab es kein Corona. Es war höchst richterlich verboten, genau wie Republikflucht und Bananen. Das Husten in die Armbeuge war im Arbeiter- und Bauernstaat zudem völlig unbekannt, weil es viel zu wenig Westfernsehen gab, das informieren hätte können. Jetzt verweigern die gleichen Leute, die 40 Jahre lang die Ossis einsperrten, der Kanzlerin die Impfung. Es ist zu traurig, um wahr zu sein. Aber mit welchem gottverdammten Recht tun sie es? Und warum hat die DDR überhaupt bis zum heutigen Tage so viel Macht, dass sie verhindern kann, dass Angela Merkel zwei Mal mit dem Biontech-Vakzin gespritzt wird? Offensichtlich sind die alten Seilschaften immer noch aktiv.

Aber wir können etwas dagegen tun. Jeder und jede einzelne von uns muss nun seine und ihre eigene Einstellung gegenüber leistungsbezogener Herausgehobenheit überdenken. Das wird nicht immer einfach sein. Aber ich und mein Therapeut haben schon erste Erfolge erzielt. Deshalb fordere ich an dieser Stelle die Immunisierung des wichtigsten Denkers unseres Landes: Impft endlich Blome!

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