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Freizeit im Lockdown

Reisen ist unmöglich. Spazierengehen und Kaffee to go sind eine viel genutzte Alternative

Die Corona-Pandemie hat die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung enorm eingeschränkt. Zum Glück hat der kurze Wintereinbruch allen eine kleine Verschnaufpause gegönnt und für ein wenig Abwechslung gesorgt. Doch damit ist schon wieder Schluss. Jetzt heißt es wieder Spazierengehen, Joggen oder mit dem Fahrrad die Umgebung erkunden. Das Beherbergungsverbot erklärt Reisen privater Natur selbst im Inland zum Tabu, da bleibt nur die unmittelbare Umgebung, die entweder mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist.

In jeglicher Hinsicht kann hier das englische Verb »to go« bemüht werden. Denn neben der schlichten Bedeutung »gehen, fahren« hat sich »to go« auch als Begriff für Speisen und Getränke zum Mitnehmen etabliert. Und überall dort, wo Spaziergehen besonders beliebt ist, sprießen »To go«-Stände umliegender Restaurants wie Pilze aus dem Boden. Damit allerdings auch ein Problem, das sich vor der Pandemie langsam zu relativieren begann: der Müll Hunderter von Einwegverpackungen. An den Ständen dürfen aus Infektionsschutzgründen keine mitgebrachten Mehrwegbecher befüllt werden. Und so stapeln sich Pappbecher und Bratwurstunterlagen in der Nähe der Stände in Büschen und auf Liegewiesen, weil auch der Verzehr direkt am Stand nicht zugelassen ist. Ein großer Unterschied zur Zeit vor der Pandemie: Bereits Montagmorgen ist sämtlicher Müll beseitigt, nur eine einzelne zerkrümelte Toastscheibe liegt unter einem Gebüsch. Niemand will die wenigen Einnahmen aus dem »To go«-Geschäft riskieren.

Es ist schon ein bisschen verrückt: Noch vor zwei Jahren wäre es kaum jemandem in den Sinn gekommen, Mitte Februar mit Kindern, Sandspielzeug und Picknickdecke an den Strand der Dahme oder in einen Berliner Park zu gehen. Jetzt sitzen dort gleich mehrere Familien in der Sonne, obwohl auf dem Fluss noch die Eisschollen schwimmen, auf denen sich Enten und Schwäne treiben lassen. Sie müssen in diesem Jahr mit ein paar ungesunden Pfunden mehr rechnen, da rund um die »To go«-Stände, die oftmals nicht so beliebten zur Bratwurst gereichten Brötchen oder Toastscheiben zuhauf an sie verfüttert werden.

Nur ein paar Meter weiter liegen junge Männer auf Iso-Matten unter den noch kahlen Bäumen und genießen ein Bier am Ufer. Zwei ganz Motivierte surfen mit motorisierten Stand-up-Paddelboards auf dem ruhigen Fluss - da, wo kein Eis ist -, eingepackt in Neoprenanzüge, um sich bei Stürzen vor dem noch eiskalten Wasser zu schützen. Normalerweise begegnete man ihnen eher an den Küsten Frankreichs oder Portugals am Atlantik, bei deutlich wärmeren Temperaturen. Später zieht noch ein Kanute mit gemessenen Paddelschlägen und mit reichlich Abstand zum Trubel am Ufer durch die vom Eis befreite Fahrrinne.

Naherholung spielte hier am äußersten südöstlichen Zipfel Berlins, zwischen Schmöckwitz und der kleinen Halbinsel Rauchfangswerder, schon immer eine Rolle, aber sicher nicht in diesem Ausmaß. Hierher verlaufen sich normalerweise Pilzsammler, Bootsvereinsmitglieder, Spaziergänger mit Hunden und im Hochsommer Badewillige. Derzeit wird jedoch am Wochenende auf dem schmalen Fußweg rund um die Halbinsel schlichtes Überholen oder mit Abstand aneinander Vorbeigehen zur echten Herausforderung. Dabei haben es gerade einmal die ersten Frühjahrsblüher aus der Erde geschafft. Überall stehen, sitzen und laufen Menschen. Nicht nur hier, an vielen Orten in und um Berlin, am Müggelsee, Rangsdorfer- oder Grunewaldsee oder am Dörferblick, einem bewalteten Hügel, der den Blick über die umliegenden Dörfer rund um den Flughafen Schönefeld im Süden Neuköllns ermöglicht - überall bietet sich dasselbe Bild: Menschen mit dem Bedürfnis, ohne Maske wenigstens ein bisschen vor die Tür zu kommen. Wer kann, genießt die Sonne an diesen ersten warmen Tagen im Jahr. Wer allerdings für sich sein will, muss schon weiter nach Brandenburg hinausfahren, dorthin, wo es keinen S- Bahnanschluss aus der Hauptstadt gibt. Einen »To go«-Stand sucht man dort allerdings vergeblich.

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