Intertextuelles Feuerwerk

Die Miniserie »WandaVision« persifliert die Fiktion einer heilen Vorstadtwelt

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Die jüngsten Avengers-Blockbuster aus der Marvel-Comicreihe gehören mit einem Budget von jeweils mehr als 300 Millionen Dollar zum teuersten, was in der Filmbranche jemals produziert wurde. Dabei enttäuschen die dramaturgisch eher simpel gestrickten Filme mit bellizistischen Geballer und altbacken sexistischen Witzen. Da hilft auch keine High End-Tricktechnologie und das beachtliche Hollywood-Staraufgebot. Gerade deshalb überrascht die aus der Avengers-Reihe kommende Spin-off-Serie »WandaVision« auf Disney+, übrigens eine der teuersten Serien aller Zeiten, die eher eine Art popkultureller Arthouse-Ableger des Marvel-Film-Universums sein will. Darin geht es um zwei der weniger wichtigen Avenger-Superhelden, wobei einer von ihnen (Vision) in den Spielfilmen eigentlich schon das Zeitliche gesegnet hat. Da ist zum einen Wanda Maximoff, auch bekannt als Scarlet Witch, und zum anderen ihr Geliebter Vision. In der Serie »WandaVision« treten diese beiden Superhelden aber in einem sehr ungewohnten Szenario auf und gehen auch nicht ihrem sonst üblichen Superhelden-Kerngeschäft nach, nämlich die Welt zu retten.

Denn Wanda und Vision erscheinen als Figuren einer 1950er Jahre-Sitcom in Schwarz-Weiß auf dem Bildschirm und führen ein mustergültiges kleinbürgerliches Vorstadtleben. Fast zumindest, denn natürlich sind sie Superhelden, so dass sich beim Abendessen mit Visions Chef der Tisch wie von Zauberhand deckt. Wanda hat schließlich die Fähigkeit, Dinge durch die Luft fliegen zu lassen und die Care-Arbeit mit Superheldinnenkräften zu erledigen. Ihr Ehemann, eine Mischung aus Android, KI und Mensch schwebt auch mal durchs Wohnzimmer, kann sein roboterhaftes Äußeres unsichtbar machen und engagiert sich in der Nachbarschaftswache.

Mit fortlaufender Handlung entwickeln sich die beiden sozusagen durch die Jahrzehnte weiter, verkörpern mit Habitus, Kleidung und Wohnungseinrichtung erst die 60er, dann die 70er, die 80er bis in unsere Gegenwart. Ab Folge drei sind sie auch in Farbe zu sehen. Dabei werden die Episoden im Stil bekannter Fernsehserien gestaltet, von den »Bradies« (deutsch: »Drei Mädchen und drei Jungen«), einem Kultklassiker der 70er über »The Office« aus den 90ern bis zu »Malcolm mittendrin« für die 2000er Jahre.

Als »intertextuelles Feuerwerk«, das sich stilsicher durch die amerikanische Seriengeschichte arbeitet und diese ebenso zitiert wie persifliert, hebt sich »WandaVision« wohltuend von der eher dumpfen Spielfilmreihe ab. Wobei sich in dieser bizarren Fiktion einer heilen Vorstadtwelt, wo die Superhelden schließlich auch (innerhalb eines Tages) Zwillinge bekommen, die in Rekordzeit altern und die ganze kleinbürgerliche Herrlichkeit auf die Schippe genommen wird, bald abzeichnet, dass etwas nicht stimmen kann.

Leben die Superhelden in einem Traum? Ist Vision nicht eigentlich gestorben? Und gibt es überhaupt ein Außerhalb des Vorzeigeortes Westview in New Jersey, wo die Handlung angesiedelt ist? Dieses Außerhalb der bizarren Sitcom-Welt wird bald zur zweiten großen Handlungsebene, in der allerlei Sicherheitskräfte den durch eine geheimnisvolle, schwer zu durchdringende Barriere geschützten Ort belagern. Einer Agentin gelingt es schließlich, nach Westview hineinzukommen, nur wird ihre ganze Zellstruktur dabei verändert und sie findet sich ohne klare Erinnerung in den 1970ern dieser künstlichen Sitcom-Welt wieder.

Diese Art künstlicher Welten und das Hinterfragen der Realität waren schon in der Science-Fiction von Philip K. Dick immer wieder fester Bestandteil fantastischer Visionen, weswegen sich ebenso Strukturalisten wie auch die Vertreter der 60er Jahre Gegenkultur für Dicks Werk interessierten. Ein Stück weit steht »WandaVision« in dieser Tradition. Ob es dann wirklich die Titel gebende Superheldin ist, die hier eine Traumwelt erschaffen hat, in der sie mit ihrem toten Geliebten leben kann, bleibt aber lange unklar. Denn immer wieder gibt es in der spannenden Erzählung noch eine Wendung, die alles in einem neuen Licht erscheinen lässt. Wobei Wanda nicht die erste Superheldin wäre, die sich ins private Glück zurückziehen will. Auch schon Buffy, die Vampirjägerin, und Chris Parker alias Spiderman als prekarisierter Malocher und Student hofften etwas anderes als die Welt retten zu müssen.

Aber ob Wanda wirklich diese künstlich erschaffene, perfekte kommodifizierte Traumwelt kontrolliert oder selbst Teil dieser außergewöhnlichen Installation ist, bleibt lange Zeit unklar. Als sich irgendwann der aus einer undefinierbaren Energie bestehende Schutzwall ausdehnt, verwandeln sich schlagartig die ins Innere gezogenen Lebewesen und Dinge. Aus einem Hubschrauber wird ein Flugballon, eine Gruppe Soldaten verwandeln sich in Clowns und aus einem Panzer wird ein Zirkuswagen. Insofern lässt sich »WandaVision« auch als popkulturelle Allegorie auf Veränderbarkeit und Fiktionalisierung von Wirklichkeit verstehen. Ob am Ende dann doch wieder die alten Genreregeln gelten und die Welt gerettet werden muss, wird erst die finale Auflösung zeigen.

»WandaVision« auf Disney+

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