Schlafzimmer als Musizier-Höhle

Eine Doku wie ein Märchen: Der Film »Billie Eilish - The World’s a Little Blurry« zeigt das Leben des 19-jährigen Popstars

  • Von Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 5 Min.

Seit Kurzem läuft die Billie Eilish-Dokumentation »The World’s a Little Blurry« an, und es gibt nichts, absolut gar nichts, an ihr auszusetzen. Das Einzige, über das man sich nach den knapp zweieinhalb Stunden beklagen kann, wäre vielleicht die nagende Frage, warum man nicht selbst ein hyper-kreatives Wunderkind geworden ist, das in einem Umfeld groß wurde, das jeden Ausbruch von Schaffenskunst bestmöglich gefördert und unterstützt hat. Vielleicht möchte man nach der Doku seine Eltern anrufen und sie anmeckern, warum sie es nicht hinbekommen haben, einem eine glückliche Kindheit mit Brady-Family-Charme (und ausreichend Kleingeld) zu bieten. Vielleicht möchte man auch seinen Geschwistern schreiben, ob man, statt sich um die Fernbedienung zu streiten, sich in der Jugend nicht lieber zum harmonischen Musizieren zusammengetan hätte. Und vielleicht möchte man sich auch bei der Bundesregierung beschweren, weil vor Corona Homeschooling undenkbar gewesen wäre - denn vielleicht wäre man auch ein künstlerischer Tausendsassa geworden, wenn man wie Elish und ihr Bruder zumindest zum Teil hätte zu Hause lernen können? Doch fangen wir von vorne an.

Billie Eilish gilt als Vorzeige-Teenager-Idol, als Popstar, den sich die Welt jetzt endlich mal verdient hat. Und irgendwie ist sie natürlich auch ein ehemaliger Kinderstar (aber nicht »von der Sorte«), und außerdem gesegnet mit super-netten Eltern, die zwar auch irgendwie typische Promi-Eltern sind - aber eben auch nicht »von der Sorte«. Eilish ist 2001 geboren, sodass eigentlich ihr ganzes Leben mitgeschnitten wurde - mit dem Handy, mit Kameras, alles schön im Home-Video-Style. Für die Doku wurde sich auch ein bisschen daran bedient, aber im Großen und Ganzen hat der preisgekrönte Filmemacher R. J. Cutler die Zeit im Leben von Eilish dokumentiert, in der sie ihr Debüt-Album »When We All Fall Asleep, Where Do We Go?« (gemeinsam mit ihrem Bruder Finneas) geschrieben und aufgenommen hat.

In der Doku geht es von großen Bühnen und Touren immer wieder zurück in das holzvertäfelte Schlafzimmer im Elternhaus, in dem Eilish bis heute lebt - und das nicht nur als Musizier-Höhle, sondern auch als Grammy-Nominierungen-Verkündungslocation gut funktioniert. Das alles ist kuratiert wie ein geschmackvoller Jung-Popstar-Vlog in Überlänge mit vielen »Echtness«-Momenten, den man sich gut reinzwirbeln kann, wenn man schon trainiert ist im »Follow me around«-Business, das vor allem YouTube groß gemacht hat. Es wird gelacht, gefeiert, auch mal ein bisschen geweint, Eilish ist ab und zu genervt, mal von der Familie (»My family is one big fucking song«), von Fans, mit denen sie sich fotografieren lassen muss (»randos«). Es gibt auch einen nervigen Freund, der aber wiederum nicht so problematisch ist wie der Boyfriend in der Paris-Hilton-Doku vom letzten Jahr. Und es gibt ein bisschen real Talk über Depressionen, Tourette, geplatzte Träume (die hat Eilish, man mag es kaum glauben, nämlich auch, und diese haben mit dem Tanzen zu tun, in dem sie bis zu einer Verletzung ganz gut dabei war). Aber ansonsten ist alles irgendwie im Rahmen - außer natürlich der ganze Bereich, der mit dem extraordinären Talent und der Schaffenskraft von Eilish und ihrem Bruder zu tun hat. Das mag natürlich inszeniert und kunstvoll zusammengestellt sein - aber gut anzuschauen und sehr unterhaltsam ist es allemal.

Und es gibt ganz kuriose Fundstücke, von denen man gern auch ein paar mehr hätte sehen können: Musik-Videos, die Eilish selbst im Garten der Eltern gedreht hat, Liebesbekundungen an Justin Bieber, Tanzdarbietungen. Ansonsten hat Cutler für die Teile, die er selber nicht filmen konnte, eine Go-Pro-Kamera unter anderem im berühmt-berüchtigten Schlafzimmer installiert, die immer angemacht werden konnte, sobald sich Eilish und ihr Bruder inspiriert fühlten - das war immerhin so oft, dass am Ende Hunderte Stunden Aufnahmen vorlagen. Und auch die Mutter filmte fleißig mit dem eigenen Handy mit - und bringt damit eine sehr fürsorgliche Perspektive in die Doku ein.

Man könnte sich natürlich die Plattitüde geben und sich statisch an ein paar Punkten der Doku abknuspern: Ob in der ganzen Tragweite der Produktion nicht doch ein bisschen Goldgräberstimmung erkennbar ist, ob das ständige gefilmt und präsentiert werden nicht doch eine Zumutung für Eilish gewesen sein könnte, ob sie nicht doch eines Tages ausbrennen könne angesichts des Sachverhaltes, dass eben vieles nicht »normal« ist am Leben eines global gefeierten Jungstars, bla bla bla. Und doch, Eilish wirkt stets aufgeräumt und ganz bei sich, hat den Vorteil einer gesundheitsbewussten Jugendlichkeit (den die ab 2000 Geborenen aus gehobenem Umfeld oft als Grund-Habitus mit sich herumtragen, der auf zweieinhalb Liter Wasser am Tag statt auf Cola Light oder Cola-Bier setzt) und ein Umfeld, das wirkt, als könne es auch mal die Spannung abschalten, falls es mal zu viel werden sollte. Und vor allem gibt es: Ganz viel Augenhöhe. Das mag ein besonderes Privileg sein, das Eilish hat - eins, das vielleicht möglich machte, dass bei ihr (glaubhaft) nicht Ausbeutung, sondern vor allem das Gefördertwerden immer schon im Vordergrund stand. Oder die Eilish-Legende ist doch ein bisschen zum Märchen aufpoliert worden, das vor allem jungen Leuten zuruft: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst und ganz du selbst bist (und nette Eltern hast)! Aber das sollte einen nicht davon abhalten, die Doku zu gucken. Das geht allerdings (wenig märchenhaft) nur dann, wenn man einen Zugang zu Apple TV hat. Denn auch in einer Welt, in der eine wundersame Billie Eilish existiert, kann man nicht alles haben.

»Billie Eilish - The World’s a Little Blurry«: USA 2021. Regie: R. J. Cutler, 140 Min. Auf Apple TV

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