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Ein Trümmerhaufen im Pott

Schalke 04 feuert nach dem 1:5 in Stuttgart Trainerteam und Sportvorstand

  • Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 4 Min.

Es gibt unterschiedliche Perspektiven, aus denen sich in diesen Wochen auf den FC Schalke 04 blicken lässt. Neutrale Beobachter können sich über die immer neuen Kapitel eines sagenhaften Niedergangs amüsieren, die in Gelsenkirchen in spektakulärem Tempo geschrieben werden. Viele Dortmunder haben nach dem Derby gegen den BVB vor neun Tagen ihr Mitleid zum Ausdruck gebracht, was vielen Schalkern besonders weh tat. Man kann aber auch einfach nur staunend einen unaufhaltsamen Prozess der Selbstzerstörung betrachten, der wahrscheinlich einzigartig ist in der Geschichte der Bundesliga. Die »Bild« durfte jedenfalls am Sonntagvormittag aus der Perspektive des beglückten Voyeurs verkünden: »Schalke schmeißt alle raus!«

Nach dem gruseligen 1:5 beim VfB Stuttgart, in dessen Vorlauf die Spieler Klaas-Jan Huntelaar, Sead Kolasinac und Shkodran Mustafi im Vorstand auf einen Rauswurf von Trainer Christian Gross hingewirkt haben sollen, folgten Taten. Am Sonntag entließ die Schalker Klubführung etliche Angestellte, die Verantwortung für den sportlichen Zustand des Tabellenletzten tragen. Gross verließ am Sonntagmorgen das Vereinsgelände ebenso endgültig wie Sascha Riether, der Leiter der Lizenzspielerabteilung, Rainer Widmayer (Co-Trainer) sowie Werner Leuthard (Athletik- und Fitnesschef). Und eine Mitarbeit von Sportvorstand Jochen Schneider, dessen Abschied eigentlich für den Sommer vorgesehen war, ist ebenfalls nicht mehr erwünscht.

»Die getroffenen Entscheidungen sind nach den enttäuschenden Auftritten gegen Dortmund und Stuttgart unausweichlich geworden«, teilte Jens Buchta, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, am Sonntag mit. »Wir brauchen nicht drum herum zu reden: Die sportliche Situation ist eindeutig, deshalb müssen wir bei jeder noch zu treffenden Personalentscheidung auch über die Saison hinausdenken.« Offensichtlich geht es darum, den demolierten Ruf des Klubs nicht immer weiter zu beschädigen und in Würde abzusteigen, ohne jede Woche frischen Stoff für dicke Untergangsschlagzeilen zu liefern.

Peter Knäbel, Direktor Nachwuchs und Entwicklung, trägt bis auf Weiteres die sportliche Gesamtverantwortung. Riethers Position übernimmt Gerald Asamoah, ein Nachfolger für Gross ist hingegen noch nicht gefunden. Offenbar war der legendäre U19-Cheftrainer Norbert Elgert nicht bereit, aber womöglich lässt sich die Klubseele Mike Büskens überreden, die Aufgabe zu übernehmen, an der ein Trainer offensichtlich nur krachend scheitern kann. Das hat nun auch Gross zu spüren bekommen. Der 66 Jahre alte Schweizer soll Teilen des Teams mit seinen etwas antiquierten Trainingsmethoden auf die Nerven gegangen sein, zudem soll er Spielernamen verwechselt haben. Insgesamt hat dieser Fußball-Lehrer in zu vielen Momenten seiner kurzen Schalker Zeit den Eindruck erweckt, ein freundlicher älterer Herr zu sein, der schon richtig lag, als er sich vor einem Jahr in den Ruhestand verabschiedet hatte.

Den energetischen Christian Gross, den Jochen Schneider zehn Jahre zuvor während einiger gemeinsamer Monate in Stuttgart kennengelernt hatte, gibt es nicht mehr. Gleichwohl hat Schalke unter dem Schweizer besser gespielt als unter seinen Vorgängern Manuel Baum und David Wagner. Und womöglich denken auch nicht alle Spieler so wie die erst im Winter neu dazu geholten Routiniers Mustafi, Huntelaar und Kolasinac, die während ihres Besuchs bei Schneider auf einen Trainerentlassung hingewirkt haben sollen. Torhüter Michael Langer jedenfalls sagte am Samstag über Gross: »Wir schätzen den Trainer extrem als Trainerautorität. Was da gesagt wurde, gemacht wurde, dazu möchte ich gar nichts sagen. Das betrifft mich und meinen Aufgabenbereich überhaupt nicht.« Der Trainer sei »die ärmste Sau«, wenn derart fehlerhaft verteidigt werde wie in Stuttgart, es komme auch mal darauf an, »dass wir uns an die eigene Nase packen«.

Dass in dieser Saison nach Wagner, Baum und dem für zwei Partien eingesprungene Huub Stevens bereits der vierte Trainer an dieser Mannschaft scheiterte, deren Einzelspieler viel zu gut für einen derartigen Niedergang sind, erzählt viel über den Zustand der Schalker Bundesligaabteilung. Das soziale Gefüge ist kaputt, nie entstand so etwas wie eine funktionierende Gemeinschaft, deren Zusammenhalt auch im Wettkampf zu sehen gewesen wäre. Nun stehe »die Mannschaft in der Pflicht, das letzte Drittel der laufenden Spielzeit so erfolgreich wie möglich zu bestreiten«, erklärte Aufsichtsratschef Buchta. Aber es wäre ein Wunder, wenn diese Mannschaft plötzlich anfangen würde zu gewinnen, ganz egal mit welchem Trainer.

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