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»Ein großer Tag für uns Frauen«

Drei Norwegerinnen bestimmen die WM-Premiere der Nordischen Kombiniererinnen in Oberstdorf

  • Von Lars Becker, Oberstdorf
  • Lesedauer: 4 Min.

Es gab einen Schanzenrekord, ein spannendes Schwesternduell um Medaillen, Stürze im Tiefschnee, überraschende Gewinnerinnen und jede Menge Drama - die WM-Premiere der Nordischen Kombiniererinnen bot in Oberstdorf beste Unterhaltung. »Das war ein Wahnsinnswettkampf, beste Werbung für unseren Sport«, bilanzierte Bundestrainer Klaus Edelmann. Es war tatsächlich ein historischer Tag für den Nordischen Skisport im Allgäu: Mit dem ersten Auftritt der Winterzweikämpferinnen auf der großen WM-Bühne wurde die letzte Lücke in Sachen Gleichberechtigung geschlossen.

Eine, die lange als Vorzeigefigur für diesen Tag gekämpft hat, befand sich danach in einem Wechselbad der Gefühle. Die US-Amerikanerin Tara Geraghty-Moats hatte die für Frauen neue Sportart in den letzten Jahren dominiert, sich als Vorkämpferin öffentlich immer wieder für das Thema Geschlechtergerechtigkeit eingesetzt und kurz vor Weihnachten in Ramsau den ersten Weltcup der Geschichte gewonnen. Doch in Oberstdorf stand sie nach einem verpatzten Skisprung trotz einer grandiosen Leistung im 5-km-Skilanglauf als Fünfte ohne Medaille da: »Natürlich wäre ich gern aufs Podium gelaufen. Aber ich bin sehr stolz, Teil dieser wunderbaren WM-Premiere gewesen zu sein. Es ist letzte Lücke in Sachen Gleichberechtigung geschlossen.«

Klaus Edelmann nahm das Drama um die gestürzte Dominatorin als positives Signal für die Zukunft der Sportart: »Das zeigt wie schnelllebig die Nordische Kombination der Frauen ist und in welchem Tempo wir uns entwickeln.« Passend dazu war mit Cindy Haasch eine erst 16-Jährige auf Platz elf die beste Deutsche. Noch weiter in der Entwicklung ist wenig überraschend die dominierende nordische Ski-Nation Norwegen: Mit Gyda Westvold Hansen holte sich die Cousine der Langlauf-Weltmeisterin Therese Johaug die erste Goldmedaille der Geschichte. Silber ging an Mari Leinan Lund vor ihrer jüngeren Schwester Marta Leinan Lund. Das Schwestern-Duell war zweifellos das Highlight dieses historischen Tages. Mari holte sich mit einem spektakulären Schanzenrekord von 107 Metern zunächst die Führung nach dem Skispringen. In der Loipe lieferten sich die beiden über fünf Kilometer dann einen Zweikampf, der sehr dramatisch durch einen Sturz der führenden Marta in der letzten Abfahrt entschieden wurde. Auch die nach dem Springen noch drittplatzierte Svenja Würth kam dort im matschigen Schnee zu Fall und lief letztendlich mit nur einem funktionsfähigen Skistock als 17. ins Ziel.

Die Mixed-Weltmeisterin von 2017 im Skispringen konnte sich trotzdem als eine der großen Siegerinnen dieses historischen Tages fühlen. Schließlich war sie erst im vergangenen Jahr von den Flug-Spezialistinnen zu den Kombiniererinnen gewechselt. »Natürlich kann ich nach nur acht Monaten im Skilanglauf nicht das leisten, was sich andere in vielen Jahren erarbeitet haben. Aber ich hatte heute und in den letzten Monaten so viel Spaß wie lange nicht mehr«, meinte Würth und fügte hinzu: »Ich finde, dass wir uns bei der WM-Premiere sehr gut verkauft haben. Das Interesse war sehr groß. Ich hoffe, dass das so bleibt.«

Dafür müssen die Strukturen in dieser jungen Sportart allerdings noch deutlich besser werden. Im ersten Weltcup-Winter stand nur ein einziger Wettbewerb auf dem Programm - Geraghty-Moats bekam in Oberstdorf nach der WM-Premiere als Trost die große Kristallkugel für den Gesamtweltcup-Sieg überreicht. Sie hatte für ihren Sieg in Ramsau 2800 Schweizer Franken Preisgeld kassiert. Bei den Männern sind es 8000 Schweizer Franken. Bei der WM-Premiere der jungen Disziplin waren nur 32 Sportlerinnen aus neun Nationen am Start. Im Deutschen Skiverband (DSV) werden bislang nur 18 Kombiniererinnen - sechs in der Lehrgangsgruppe 1 a und zwölf im Schülerkader - gefördert. Das hat laut Edelmann vor allem damit zu tun, »dass wir noch nicht olympische Disziplin sind«.

Das soll sich nach der gelungenen WM-Premiere ändern. Die Chancen stehen gut, dass im nächsten Jahr die Entscheidung für die erstmalige Aufnahme der Kombiniererinnen in das Programm der Olympischen Spiele 2022 in Mailand getroffen wird. Auch eine zweite WM-Disziplin für die Frauen - der gemischte Team-Mixedwettbewerb mit den Männern - könnte schon bei den nächsten Titelkämpfen 2023 über die Bühne gehen.

»Wir haben 2014 nach der Olympia-Premiere der Skispringerinnen einen Entwicklungsplan für die Kombiniererinnen entworfen, mit dem wir sehr schnell vorangekommen sind«, kommentiert der im Deutschen Skiverband für Nordische Kombination und Skispringen verantwortliche Horst Hüttel: »Nach der Installierung des Continental-Cups, der Junioren-WM und der Weltcup-Premiere in diesem Winter haben wir mit der WM-Premiere nun einen weiteren Meilenstein in Sachen Gleichberechtigung erreicht. Jetzt brauchen wir nur noch Olympia als Krönung.« Beste Argumente dafür hat die spannende WM-Premiere in Oberstdorf geliefert.

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