Ein Titel als Knotenlöser

Deutsches Skisprungteam holt bei WM viertes Mixed-Gold in Serie und will mehr

  • Von Lars Becker, Oberstdorf
  • Lesedauer: 3 Min.

Markus Eisenbichler führte stilgerecht einen bayerischen Schuhplattler auf, während Karl Geiger im Hintergrund die beiden deutschen Skispringerinnen im Kreis tanzen ließ. Das Flugteam hatte sich vor dem Mixed-Wettbewerb bei der Heim-WM in Oberstdorf tatsächlich allerlei einfallen lassen, um den Teamgeist zu stärken. »Das war der Hammer, wie der Eisenbichler die Mädels locker gemacht hat«, berichtete Frauen-Bundestrainer Andreas Bauer später begeistert.

Manche mögen die Tanzaktion vielleicht als PR-Geplänkel abtun. Aber fest steht auch, dass Teamgeist und Chemie zwischen den beiden Geschlechtern bei den deutschen Adlern weltweit am besten funktionieren. Eisenbichler, Geiger, Katharina Althaus und Anna Rupprecht holten zum vierten Mal in Serie die WM-Goldmedaille im Mixed nach Deutschland. Dieses Mal war es zweifellos der emotionalste Triumph von allen. Nicht nur, weil das Quartett dem deutschen Team die erste Goldmedaille bei der Heim-WM bescherte. Sondern vor allem, weil dieser Erfolg nach den Vorleistungen komplett überraschend kam.

»Wahnsinn. Ein WM-Titel. Daheim. Mit dieser Goldenen hat wirklich niemand gerechnet«, meinte eine völlig fassungslose Katharina Althaus nach ihrem immerhin vierten WM-Titel. Für sie war der Triumph genau wie für Schlussspringer Karl Geiger auch deshalb so besonders, weil sie beide im WM-Ort aufgewachsen sind - und genau im richtigen Moment über sich hinauswuchsen. Vor allem die vorher als Schwachpunkte identifizierten Althaus (10. im Einzelwettbewerb) und Anna Ruprecht (14.) zeigten im Mixed ihre besten Sprünge des gesamten Winters. Kombiniert mit einer Steigerung von Eisenbichler und der Coolness von Einzel-Silbergewinner Geiger wurde aus der vorher leise erhofften Bronzemedaille plötzlich sogar Gold vor Topfavorit Norwegen.

Andreas Bauer fielen »wahre Felsbrocken vom Herzen«. Nach einer Erfolgsserie mit sechs von sieben möglichen WM-Titeln seit 2015 waren die deutschen Frauen ausgerechnet bei der Heim-WM in den ersten beiden Wettbewerben der Weltspitze hinterhergeflogen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die fünfmalige Weltmeisterin und Premieren-Olympiasiegerin Carina Vogt hat auch fast zwei Jahre nach einer schweren Knieverletzung immer noch Probleme mit ihrem lädierten Gelenk. Im Nachwuchs fehlt im Gegensatz zu anderen Topnationen wie Österreich, Norwegen oder Slowenien die Breite, und auch materialtechnisch war das deutsche Team zuletzt nicht mehr komplett auf der Höhe.

Nur gut, dass auf die deutschen Skisprungmänner Verlass ist. Trotz der schweren Hypothek, gleich drei Titel von der WM 2019 verteidigen zu müssen, präsentiert sich vor allem Skiflugweltmeister Karl Geiger genau zum richtigen Zeitpunkt wieder einmal in Topform. Nur drei Wochen nachdem er beim Heimweltcup in Klingenthal zweimal das Finale der besten 30 verpasst hatte, gewann er innerhalb von 24 Stunden Silber im Einzel und Gold mit dem Mixed-Team.

»Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wie wir genau zum Höhepunkt die Topform hinbekommen«, verriet Männer-Trainer Stefan Horngacher, der mit seinem Team schon bei der Skiflug-WM einen kompletten Medaillensatz abgeräumt hatte. Der Österreicher nahm zuletzt bewusst schlechte Ergebnisse in Kauf, um seine Topspringer mit Krafttrainings-Einheiten fit zu bekommen. Dass nach dem doppelten Medaillenerfolg nun zusätzlich die nervliche Anspannung wegfällt, macht die deutschen Flieger bei den beiden Entscheidungen von der Großschanze im Einzel (Freitag) und Team (Samstag) zu Goldfavoriten. Horngacher: »Karl Geiger ist im Flow. Und Markus Eisenbichler ist auch ganz heiß.« Schließlich hat der inzwischen fünfmalige Weltmeister die Chance, zwei weitere WM-Titel von Seefeld erfolgreich zu verteidigen.

Vor den Männern feiern am Mittwoch die Frauen ihre WM-Premiere von der großen Schanze. Nach der Mixed-Goldmedaille hält Katharina Althaus dort ein weiteres Medaillenwunder für möglich: »Der Knoten ist geplatzt. Ab jetzt kann ich nur noch gewinnen.« Dass Markus Eisenbichler bei der Feier nach der WM noch einmal einen Schuhplattler hinlegt, dürfte schon jetzt sicher sein.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung