Töten oder heiraten

SPAß UND VERANTWORTUNG

Wenn Menschen meine Wohnung zum ersten Mal betreten, sagen sie entweder »Ich will dich töten« oder »Ich will dich heiraten«. Manchmal auch beides, direkt hintereinander. Ich wohne in einer 120 Quadratmeter großen Wohnung, in einem Gründerzeitbau mitten in Kreuzberg.

Den Mietvertrag hat meine Mutter in den frühen 80er Jahren abgeschlossen, damals war die Wohnung noch halb so groß, mit Kohleheizung und ohne Badezimmer. Meine Mutter erzählt gerne romantisierend von dieser Zeit - wie sie in der Turnhalle der Universität duschte und die ganze Nacht in verrauchten Kneipen verbrachte, weil es dort wärmer war. Sie beschreibt auch gerne das Viertel damals - dunkel muss es gewesen sein, die Außenfassaden rußig und das Stras-senlaternenlicht schwach. In ihren Geschichten scheint Kreuzberg ganz provinziell zu sein, das ohnehin kleine Westberlin zentriert an diesem Ort, an dem man die eigenen Ikonen alle persönlich kennt oder zumindest regelmäßig auf der Straße trifft.

Durch die Nähe zur Mauer war meine Straße (laut meinem Nachbarn jetzt »die am meisten von Feinstaub belastete Straße Berlins«) so verkehrsarm, dass Kinder auf der Straße spielten. Sogar ich, erst nach der Wende geboren, erinnere mich daran, dass man schon früh ein Nachbarschaftsgefühl hatte - die paar hundert Meter zum Kindergarten durfte ich allein gehen und die meisten der Kinder, die mit ihren Fahrrädern in den parkähnlichen Arealen im Kreis fuhren, grüßte man.

Meine Mutter ist stolz darauf zu erzählen, wie sie damals mit einem so genannten »Berliner Schlüssel«, der ihr von der Hausverwaltung ausgehändigt worden war, von einer leeren Wohnung zur nächsten ging und sich, ganz ohne sich offiziell »bewerben« zu müssen, einfach eine aussuchte. Sie suchte sich jene Wohnung im vierten Stock aus, in der ich noch immer jeden Morgen aufwache - die ersten zwei Jahre lang stand der gesamte restliche Seitenflügel leer. Ich stelle mir immer vor, wie das von außen ausgesehen haben muss - nur zwei schwach beleuchtete Fenster, ganz oben.

Kurz vor meiner Geburt bauten meine Eltern das Dachgeschoss aus, in einer 90er-Jahre-Loft-Ästhetik - die Wohnung ist jetzt eine Maisonettewohnung mit weiß gestrichen Dachbalken, was ihr den Look eines Landhauses am Meer gibt - Ferien mitten in Kreuzberg. Ich habe mittlerweile das Privileg, die Herrscherin über das zum Spottpreis gemietete Schlösschen zu sein. Im Alter von zwei Tagen bezog ich ein Kinderbettchen, das in der exakt selben Ecke stand, in der ich noch immer schlafe. Und manchmal glaube ich, dass ich auf genau diesen Quadratmetern irgendwann auch sterben werde.

Auch meine Nachbar*innen wohnen seit weit über 20 Jahren in diesem Haus - und alle sind Kreuzberger Ikonen der einen oder anderen Art. Zwei Etagen unter mir zum Beispiel wohnt ein über 80-jähriges Kifferpärchen, das häufig die ganze Nacht durch trommelt. H. und C. sind beide keine 1,60 Meter groß und fahren ein stattliches Motorrad, das in unserem Hinterhof steht und an dem kontinuierlich fleißig gebastelt wird.

Schräg über H. und C. wohnt der zwei Meter große R.W. - der tatsächlich eine echte ausgestellte Legende ist: Kürzlich sah ich ihn im Hamburger Bahnhof in einem Video der »Tödlichen Doris« auf einer Leiter stehen und seine unfassbar langen Beine im Takt schwingen. Und neulich landete ich durch Zufall endlich in seiner Wohnung. Sie ist ein wunderbar narzisstischer 80er-Jahre-Queer-Shrine - an den Wänden sind schrille Tapeten und Selbstporträts in Petersburger Hängung, auf kleinen, überall in der Wohnung verteilten Sockeln stehen Glitzer-Dildos.

Wir verbrachten über eine Stunde in der Lebens-Ausstellung dieses Lebens-Künstlers und schauten uns Selfies an, die er seit seinem 13. Lebensjahr gemacht hatte - erst hatte er jahrelang mit einem Besenstiel den Auslöser betätigt, dann eine Kamera mit Selbstauslöser bedient und erst vor ein paar Jahren angefangen, das Smartphone zu nutzen.

Die Idee, dass man Teil meiner Familie werden oder mich eliminieren muss, um bei mir willkommen zu sein, gefällt mir nicht. Ich will mein Schlösschen mit anderen teilen, einfach so, lebendig und unverheiratet.

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