Nicht wie bei der Dampfmaschine

Heinz-J. Bontrup und Jürgen Daub versuchen in ihrem neuen Buch der Digitalisierung theoretisch beizukommen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Digitalisierung: Nicht wie bei der Dampfmaschine

Im brandenburgischen Wustermark konnte kürzlich das neue Verteilerzentrum eines Drogeriekonzerns besichtigt werden. Roboter bepacken hier die Paletten für Filialen in Norddeutschland. Es werden fast nur noch Techniker benötigt, um den Betrieb in den fast menschenleeren Hallen am Laufen zu halten. Zwar gibt es noch manuelle Kommissionierstationen für außergewöhnliche Paketformate, doch die meiste Arbeit wird automatisch erledigt. Computer sorgen dafür, dass die einzelnen Kartons mit Shampoo, Tomatensaft oder Babysachen passgenau und in der richtigen Reihenfolge auf die Paletten gestapelt werden, damit die Beschäftigten in den Läden möglichst kurze Wege zurücklegen müssen, um die Regale zu bestücken. Ähnlich weitgehend digitalisierte Logistiktechnik findet sich auch in vielen anderen Branchen.

Wie in Wustermark verändert die voranschreitende Digitalisierung die Organisation von Produktions- und Arbeitsprozessen sowie die Arbeitsinhalte. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle, während »klassische« an Attraktivität verlieren. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie dürften solche Prozesse zumindest zeitweise noch beschleunigen, wie der Boom des Onlinehandels und die ausbleibende Kundschaft im stationären Einzelhandel zeigen.

Die Digitalisierung wirke sich »relativ moderat« auf den Arbeitsmarkt aus, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Während Jobs mit Routinetätigkeiten wegfielen, entstünden neue Arbeitsplätze mit höherer Qualifikation. So könnten bis 2025 in der deutschen Industrie 490 000 Jobs wegfallen und 430 000 entstehen. Gleichzeitig schreite der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft voran.

»Das Problem bei solchen Studien ist jedoch immer, dass diejenigen, die ihre Arbeit verlieren, ganz andere Menschen sind als die, die neue Arbeit finden, und dass sich die Studien zu diesem Problem geflissentlich ausschweigen«, merkt der Wirtschaftswissenschaftler Heinz-J. Bontrup an. Auch ignorierten Forscher die »Ordnungsfrage«. Im Kapitalismus gehe es eben nicht um faire Verteilung der Arbeit und gute Arbeitsbedingungen, sondern um die Maximierung der Profitrate. Wenn Wirtschaftsforschungsinstitute wie ZEW oder Ifo davon ausgehen, dass durch Technik wegfallende Arbeit Freiräume für anderes Arbeiten schaffe, das nicht automatisierbar sei, dann zeige das »eine völlige Unkenntnis von kapitalistisch organisierter Arbeit«, schreibt der Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik in seinem mit dem Soziologen Jürgen Daub herausgegebenen Buch über die neue Arbeitswelt.

Allerdings bewegt sich die Debatte weg von der Frage der »Substituierbarkeitspotenzialen« der Digitalisierung, also, welche Jobs wegfallen oder neu entstehen. Inzwischen wird mehr nach den Gestaltungsbedarfen und -möglichkeiten von Arbeit innerhalb der Digitalisierungsprozesse gesucht, loben die Autoren. Das Bundesarbeitsministerium habe dazu ein Weißbuch veröffentlicht, die DGB-nahe Hans-Böckler-Stiftung als Studie der Kommission »Arbeit der Zukunft« zahlreiche »Denkanstöße« zur Arbeit in der digitalen Transformation vorgelegt. Verdi und IG Metall versuchten, gestaltende Zukunftstarifverträge abzuschließen.

Praxis sollte aber auf einer guten Theorie beruhen. So geht es den Autoren um Bontrup und Daub weniger um Empirie als um historische, philosophische und sozioökonomische Diskussionen. Wie etwa ein »Modell der Muße« oder das Computerparadoxon: Die rasante Digitalisierung führt nicht zu mehr, sondern zu geringerer Arbeitsproduktivität. Die Vielfalt an Perspektiven auf das Thema macht das Buch so lesenswert.

Die Digitalisierung ist, so das Fazit, nicht irgendeine Produktivkraftentwicklung wie ehedem die Dampfmaschine. »Es gab noch zu keiner Zeit eine Gesellschaft, die derart von ihrer technologischen Basis abhängig wurde wie die Digitalgesellschaft«, schreibt Daub. Die gesamte Gesellschaft werde zunehmend digital »entgrenzt«, nicht allein im Bereich der Lohnarbeit. Bis nach Wustermark.

Heinz-J. Bontrup/Jürgen Daub (Hg.): Digitalisierung und Technik - Fortschritt oder Fluch? Perspektiven der Produktivkraftentwicklung im modernen Kapitalismus. Papyrossa, 321 S., br., 22 €.

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