Auf Schiffen, aber nicht in Heimen

Nicht nur wegen Corona werden Ärzte in Pflegeeinrichtungen dringend benötigt. Doch es gibt sie dort nicht

  • Von Eckart Roloff
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Mangel an Ärzt*innen hat sich seit Beginn der Pandemie noch weiter zugespitzt.
Der Mangel an Ärzt*innen hat sich seit Beginn der Pandemie noch weiter zugespitzt.

Solche Schlagzeilen kamen in den vergangenen Monaten Schlag auf Schlag: »Hotspot Heim? Corona-Fälle in Pflegeheimen häufen sich«, »Chefarzt: Bis zu zwei Drittel aller Covid-19-Toten in Heimen«, »Pflegeheime: Wir brechen zusammen« und »Gegen Todesfälle sollen Schnelltests helfen«.

In Berlin, so meldete die »Tagesschau« im Dezember, hatte mehr als jeder zweite Corona-Tote zuvor in einem Heim gelebt, in Schleswig-Holstein sogar 88 Prozent. Da will niemand tatenlos zusehen. Wie gut, dass es neben den Impfungen für die über 80-Jährigen und das Personal auch Schnelltests gibt. Doch Ärzt*innen testen in der Regel nicht, auch wenn viele denken, dass die in den Heimen tätig sind. Irrtum, Mediziner*innen finden sich dort nur selten. In Kliniken sind sie selbstverständlich, doch in den Heimen, in denen auch viele Kranke, sogar Schwerkranke und Demente, leben, fehlen sie. Könnten sie nicht mit Blick auf Corona für Bewohner*innen und Pflegekräfte etwa in puncto Aufklärung, Hygiene und Früherkennung präventiv gute Ratgeber und Warner sein - und hätten es nicht auch schon viel früher sein können?

Mit Pflege allein, zumal durch überlastetes Personal, ist es keinesfalls getan. In den Pflegestandards des maßgebenden Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) wimmelt es vom Wort Pflege, doch Medizinisch-Ärztliches ist dort rar. Zwar füllen die Abschnitte zu personenbezogenen Qualitätsaspekten in Heimen rund acht Seiten mit vielen Details, aber wie weit die Heime mit den Mediziner*innen zusammenarbeiten und wie sie die ärztliche Versorgung organisieren, dazu wird nichts gesagt.

Dabei wird die Kooperation, Einbindung und Kommunikation mit Ärzten samt der medikamentösen Therapie, dem Schmerzmanagement, der Wundversorgung sowie der Unterstützung bei besonderen medizinisch-pflegerischen Bedarfslagen durchaus erfasst. Das bedeutet aber nur, »über einen Bedarf zu informieren und entsprechende Behandlungen anzuregen«, wie Jürgen Brüggemann, Leiter des Teams Pflege des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS), auf nd-Anfrage mitteilt. Dieser Dienst koordiniert die Arbeit des MDK. »Die Qualität der ärztlichen Versorgung selbst wird nicht bewertet«, schränkt Brüggemann ein.

Nur Anregung, keine Bewertung oder gar Kontrolle - darin liegt ein folgenschwerer Mangel. Der ist in Corona-Zeiten nicht rasch zu heilen, so nützlich dies auch wäre. So kommt es, dass jetzt dringend Ärzt*innen gesucht werden, die als Ehrenamtliche impfen und testen. Gäbe es sie bereits und auch für andere Aufgaben in Heimen, wäre dies noch kein Allheilmittel. Dafür ist der Bedarf zu unterschiedlich, zu abhängig von Verständnis und Verständigung mit denkbaren Hürden auf allen Seiten.

Gleichwohl gab es Modellversuche, um die Lage zu bessern, etwa in München, in Regionen Baden-Württembergs und Mecklenburg-Vorpommerns, in Eisenhüttenstadt und Offenbach. In Berlin dauerte es 13 Jahre, bis das Sanatorium West in Lankwitz eine eigene Hausarztpraxis einrichten konnte, die sich zudem mit kooperierenden Ärzten austauscht. Freie Arztwahl besteht gleichwohl. Die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) engagierte sich sehr für die Heimarztidee, konnte sich aber bundesweit nicht durchsetzen.

In den Niederlanden gibt es solche Ärzt*innen. Man unterscheidet hier seit 1990 zwischen Huisarts (Hausarzt) und Verpleeghuisarts (Heimhausarzt), der in Heimen mit meist über 200 Betten arbeitet. Was damit erreicht wird, ist bemerkenswert: Dank intensiver Rehabilitation kann etwa ein Drittel aller Bewohner*innen sogar nach Hause zurückkehren. Wäre Gepflegten und Pflegenden nicht auch bei uns geholfen, gäbe es unabhängig von der Pandemie Heimärzt*innen? Ein klares »Ja« sagt dazu Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach, die sieben Altenheime betreibt. Er befasst sich seit Jahrzehnten mit diesem Thema. »Es gab dazu schon viele Modellversuche.

Zunächst lief das immer sehr erfolgreich - und dann verschwand es in den Schubladen.« Warum das? »Am Ende scheiterte die gute Idee am Widerstand der Kassenärztlichen Vereinigungen.« Diese vertreten die Interessen der niedergelassenen Ärzte unter anderem bei der Verhandlung mit den Krankenkassen über Honorare und Arzneimittelbudgets.

Ein weiteres Manko liegt für Wallrafen darin, dass es bei den mehr als 200 Haus- und Fachärzt*innen, mit denen er zu tun hat, »mindestens 100 unterschiedliche Ansichten und Verhaltensweisen« gebe. Zudem sei es für die Bewohner*innen oft schwierig, in Praxen zu kommen, weil die häufig keinen barrierefreien Zugang haben. Er erinnert sich, dass es früher manchmal Heimärzt*innen gab. Und er ist sich sicher, dass deren Fehlen viele teure und oft vermeidbare Klinikeinweisungen mit verursacht. Doch betreffe das unterschiedliche Zuständigkeiten und Budgets. »Das ist nicht allein ein Finanz-, sondern auch ein Lobbythema.« Der Kampf dagegen sei trotz sehr guter Argumente aussichtslos.

In Bezug auf die Versorgung mit Medikamenten, oft für lange Zeit, kam schon 2011 eine Studie in den sieben Heimen in Mönchengladbach, bei der alle Bewohner*innen mitgemacht hatten, zu dem Ergebnis, dass ihnen »zu über 50 Prozent kontraindizierte Arzneien verordnet worden waren. Außerdem nahmen skandalöse 33 Prozent mehr als zwölf Medikamente.« Dagegen komme man in dänischen Heimen mit einem Viertel dieser Menge aus. Dabei gebe es in unseren Apotheken gute Software zu unerwünschten Wechselwirkungen von Arzneien. Schon mehr als fünf Verordnungen, so Wallrafen, machten keinen Sinn. Er sieht die Geriatrie (Altersheilkunde) als »ein sehr spannendes Thema, aber leider eines am Rand. Das liegt auch an der schlechten Honorierung. Das würde sauber nur über Heimärzte gelöst.«

Bei der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie leitet Rainer Neubart, tätig an der Berliner Charité, die Arbeitsgruppe für Pflegeheime. Er diagnostiziert bei der medizinischen Versorgung »erhebliche Schwächen, die verbessert werden müssen«.

Hätten manche Corona-Folgen eingedämmt werden können, gäbe es in den Heimen Ärzt*innen? »Das ist schwer zu sagen, das ist rein spekulativ«, meint Helmut Frohnhofen, Leitender Arzt für Altersmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf. »Durch Corona haben wir alle aber viel gelernt. Ich rate da zu einer professionellen Gelassenheit.«

Facharztbesuche in Heimen gibt es von Expert*innen der Neurologie und Urologie nicht so selten wie von denen der Orthopädie, Augenheilkunde, Pneumologie, Kardiologie und der Zahnmedizin, die spezielle Geräte benötigen. Diese seien in den Heimen kaum vorhanden, erläutert Frohnhofen. Ärzt*innen mit eigener Praxis in Heimen lohnten sich für größere Einrichtungen.

Beim Thema Geriatrie verweist der Mediziner darauf, dass es dafür bisher keine Facharzt-, sondern nur eine Zusatzbezeichnung gibt. Aber viele Haus*ärztinnen nähmen diese Versorgung wahr. Fragen der Geriatrie würden in vielen und oft gut besuchten Seminaren weitergegeben. So erreiche das entsprechende Wissen letztlich auch die Patient*innen.

Übrigens arbeiten Ärzt*innen dort, wo es viel weniger Kranke gibt: auf Passagierschiffen. Dort sind sie für Deutschland schon ab einer Zahl von 85 Reisenden sogar gesetzlich vorgeschrieben - und zuständig auch für Hygieneregeln und das Impfen.

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