Bizarres aus der Welt der Philatelie

Wie die Deutsche Post Rosa Luxemburg gedenkt

  • Von Klaus Gietinger
  • Lesedauer: 2 Min.

Im Herbst 1973 erhielt Springers Tageszeitung »Die Welt« wütende Leserbriefe. Einer davon stammte vom Diplom-Kaufmann Arno Zehring: »Ich war Angehöriger des Freikorps ›Eiserne Division‹, dem übrigens auch Albert Leo Schlageter angehörte.« Nun, Schlageter war ein Held des deutschen Faschismus, den französische Truppen 1923 wegen terroristischer Anschläge im Ruhrgebiet hatten exekutieren lassen, und die »Eiserne Division« war eine Terrortruppe, die trotz verlorenem Weltkrieg, 1919 das Baltikum für »Deutschland« zurückerobern wollte. Aber was brachte Kaufmann Zehring - der es versäumte zu betonen, dass er in einem früheren Leben SS-Standartenführer war, ein Dienstgrad unterm SS-General - so in Rage? Die »Welt« hatte die Ankündigung des damaligen westdeutschen Postministers Horst Ehmke (SPD) positiv kommentiert, zum 55. Todestag von Rosa Luxemburg eine Briefmarke in der Reihe »Bedeutende deutsche Frauen« herauszubringen.

Am 15. Januar 1974, dem Tag, an dem die Briefmarke herauskam, ging es erst richtig los. Über 200 Briefe bekam der Minister der sozial-liberalen Koalition, und das nicht nur von alten Nazis. Ein CDU-Mann empörte sich, dass man diese Briefmarke doch nicht »von hinten belecken« könne. Ein anderer braver Bürger schrieb: »Jetzt kommen also die roten linksextremen Flintenweiber und Emigrantinnen auf deutsche Postwertzeichen«, etc., etc. Die IHK Wiesbaden lehnte es ab, mit der Marke versehene Briefe anzunehmen. Postkunden verweigerten am Schalter die Annahme der 40-Pfennig-Briefmarke: »Die greisliche Kommunistin woll’n mer net«, rief der Überlieferung zufolge eine Postkundin im Dompostamt Passau aus.

Um einen solchen gegenrevolutionären Sturmlauf zu vermeiden, dachte sich die Deutsche Post, gibt sie lieber heute, 2021, eine Briefmarke zum 150. Geburtstag von Friedrich Ebert heraus, der Rosa Luxemburg mit auf dem Gewissen hat. Und für eingefleischte Briefmarken-Abonnenten dachte man sich etwas Bizarres aus: Die inkriminierte Rosa wird von der Post noch mal in Form der 1974er Briefmarke geehrt, als Teil eines Schmuckblatts. Um Ausgewogenheit zu demonstrieren, legte das privatisierte Unternehmen noch sechs DDR-Marken dazu, zweimal mit dem Konterfei Luxemburgs, dreimal mit dem Liebknechts und einmal mit dem von Clara Zetkin (!). Dann noch ein unverfänglicher Text zu Rosa, ihr berühmtester Satz von der »Freiheit der Anderdenkenden« und das unausgesprochene Versprechen, dass Karl Liebknecht zu seinem 150. Geburtstag im Sommer bestimmt keine Sondermarke bekommt. Unterlegt ist das noch mit einem Bild, das Rosa und Karl zusammen zeigen soll - doch die Dame darauf ist viel zu groß und wohlgenährt und sieht Frau Luxemburg gar nicht ähnlich.

Geburtstag halb heimlich gefeiert. Geschichte gemeistert. Neue Proteste vermieden.

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