Auf dünnem Eis

Mit der neuen Führung der DESG bekommt der Verband auch neue Probleme

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.

Große Träume können im Sport schlagartig platzen. Wie bei Anna Seidel. Die 22-jährige Shorttrackerin ist auf dem kurzen Eisoval die einzig international konkurrenzfähige Athletin der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft. Für die DESG gewann sie seit 2015 alle Medaillen bei Großereignissen: zwei silberne, drei bronzene - allesamt bei Europameisterschaften. Jetzt, bei den an diesem Freitag beginnenden Weltmeisterschaften im niederländischen Dordrecht, hoffte der Verband auf das erste Edelmetall bei einer WM seit zehn Jahren - und wie immer auf Seidel. Doch die Dresdnerin brach sich am Dienstag beim Training in Dordrecht Schien- und Wadenbein und wurde bereits am Mittwoch in ihrer Heimatstadt operiert.

Um Fortbestand und Förderung zu sichern, braucht jeder Sportverband internationale Erfolge. Die Probleme der DESG sind aber weitaus größer als die Verletzung der besten Shorttrackerin des Landes. Deshalb befasste sich am 24. Februar auch der Sportausschuss des Deutschen Bundestages mit dem Verband. Unter Tagesordnungspunkt 2 stand: »Bericht zur aktuellen Situation in der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft«. Matthias Große, seit Mitte September gewählter Präsident der DESG, verbuchte das Treffen als »guten sportpolitischen Tag für unseren Verband«.

Wer den zweifelsfrei selbstbewussten und zuweilen selbstherrlich auftretenden Große kennt, der ahnt, dass es verschiedene Meinungen über diesen Termin in Berlin geben könnte. Die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag, bewertete ihn so: »Für mich sind Bedenken und Sorgen, die vor allem den Athletinnen und Athleten gelten, nicht geringer geworden.« Für die SPD-Politikerin seien zudem Fragen offen geblieben, »die es zu klären gilt«. Eine betrifft die Kommunikation innerhalb des Verbandes. Freitag zweifelt daran, »dass die Meinung mündiger Athletinnen und Athleten zukünftig wirklich Gehör auf Augenhöhe finden wird«.

Matthias Große hat es weit gebracht. Vor elf Jahren wurde er mit einem Hausverbot für den Bundestag belegt, weil er laut Freitag Mitarbeiterinnen von ihr »unverschämt« und »drohend« verbal attackiert hatte. Damals kämpfte Große für seine Lebensgefährtin Claudia Pechstein - also gegen all jene, die nicht auf der Seite der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin standen: Verbände, Funktionäre, Trainer, Sportler, Journalisten, Politiker. Heute spricht der 53-Jährige als Präsident der DESG im Sportausschuss. Damals waren er und Pechstein mit den Verhältnissen im Eisschnelllauf unzufrieden, jetzt sind es andere.

Das Interesse der Politik am Zustand der DESG ist verständlich, schließlich wird der Spitzensport erheblich durch das Bundesministerium des Innern finanziert. Die Worte von Moritz Geisreiter dürften weder den Mitgliedern des Sportausschusses noch Große gefallen haben. Der Athletensprecher erneuerte seine Kritik an Führungsstil und Kommunikationsverhalten des Verbandspräsidenten. So, wie er es seit vergangenem Sommer macht, als Große zum kommissarischen Chef der DESG ernannt wurde. Am deutlichsten wurde Geisreiter Anfang Januar. Eine »bedenklich große Anzahl« an Aktiven hätten ihm deutlich gemacht, dass es »die Sorge davor gibt, sich frei zu äußern«. Eine anonyme Umfrage habe ergeben, dass viele Sportlerinnen und Sportler eine schlechtere Position im Verband befürchteten, wenn sie Missstände ansprechen würden.

Ob sich die Geldgeber aus der Politik irgendwann wirklich einmischen, hängt vielleicht auch von künftigen sportlichen Ergebnissen ab. Angesichts der eher schwachen Erfolgsaussichten bewegt sich Große da aber auf dünnem Eis. Die schwere Verletzung von Anna Seidel eröffnet im Shorttrack eine düstere Aussicht auf die Olympischen Winterspiele 2022. Im Eisschnelllauf war bei der Einzelstrecken-WM Mitte Februar Platz neun das beste deutsche Resultat. Andererseits sind wohl einige Entscheidungsträger - auch beim Deutschen Olympischen Sportbund - immer noch froh, dass Große die DESG im vergangenen Jahr finanziell gerettet hat. Dass er dabei einen neuen Hauptsponsor für den Verband an seine Wahl als Präsident geknüpft hatte, sorgte nur für einen kurzen Anflug moralischer Entrüstung.

Vielleicht prallt auch deshalb jegliche Kritik an Matthias Große ab. Gegenüber »nd« sagte er Ende September, »dass er keine substanzielle Kritik« sehe. In ähnlicher Form wiederholt er es auch stets öffentlich. Moritz Geisreiter stellt er dabei immer wieder als Einzeltäter dar - verkennt und missachtet damit aber die Funktion eines Athletensprechers. Ähnlich geht Große auch mit den Vorwürfen von Leon Kaufmann-Ludwig um. Der Münchner beendete im vergangenen Sommer seine Karriere als Shorttracker, später gab er auch sein Amt als Athletensprecher auf. Warum? »Leon Kaufmann-Ludwig wird neuer Bundestrainer-Assistent Shorttrack«, verkündete die DESG Anfang September offiziell auf ihrer Internetseite. »Ich habe nach knapp drei Monaten Arbeit weder einen Vertrag noch eine Bezahlung bekommen. Das aber wurde mir anfangs zugesichert, auch, weil ich mich auf eine Stelle beworben hatte, die ja offiziell ausgeschrieben war«, berichtet Kaufmann-Ludwig »nd«. Große leugnet das beharrlich - und lässt den 24-Jährigen somit in der Öffentlichkeit als Lügner dastehen.

»Lügen werden auch nicht wahrer, wenn sie zehnmal verbreitet werden«, kanzelte Große im Dezember Kritik und Kritiker wiederholt ab. Zu denen gehören auch vier Athleten um Spitzenmann Joel Dufter. In einem offenen Brief haben sie im Januar die Verbandsführung kritisiert - vor allem für die Entscheidung, dass Sprinttrainer Danny Leger im wichtigen vorolympischen Winter und trotz guter Arbeit gehen musste. Einen neuen Bundestrainer gibt es noch immer nicht.

Große hat seine eigene Wahrheit. Und seinen eigenen Weg. »Jeder, der sich gegen diesen Weg stellt, muss gehen«, stellte er schnell klar. Als »offen, klar und transparent« beschreibt er ihn. Was der Verband unter seiner Führung darunter versteht, erfuhr »nd« bei einem Interview mit Nadine Seidenglanz. Großes Generalbevollmächtigte für das Sportfachliche gab interessante Antworten auf kritische Fragen zum Zustand der DESG und den Wirbel darum. Sie wurden nach Durchsicht vom Verband zurückgezogen.

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