»Aber du bist da«, sagt er zu mir

Ralf Axel Simon ist Obdachlosenaktivist und interessiert sich für Schach und Gerechtigkeit

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 7 Min.
Schach bedeutet für ihn Freiheit, sagt Ralf Axel Simon.
Schach bedeutet für ihn Freiheit, sagt Ralf Axel Simon.

»Du bist ein Lügner. Du hast gelogen, Kollege.« Tumult am Ende der Pressekonferenz zur Obdachlosenzählung in Berlin. Der Pressesprecher der Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) wird von einem weißhaarigen Alten mit Rauschbart bestürmt und beinahe geschubst: »Du bist ein Lügner!« Der RBB wird diese Szene in seinem Abendmagazin senden.

Ein Jahr später ist Ralf Axel Simon immer noch zornig. »Die Zählung war völlig unsinnig«, sagt der 68-Jährige. »Die Daten stimmen vorn und hinten nicht.« In der sogenannten Nacht der Solidarität im Januar 2020 habe es Zähltrupps gegeben, die nicht einen Obdachlosen gesehen hätten. »Ich mag Elke«, sagt er über die Sozialsenatorin. »Wenn man ihr in die Augen schaut, spürt man die gelebte Betroffenheit.« Von anderen Politikern habe er diese Empathie immer gefordert. Die Zählung aber sei Symbolpolitik gewesen.

Ende Januar 2021. Es ist bitterkalt und wir stehen vor dem Roten Rathaus, bei der Mahnwache gegen Obdachlosigkeit, organisiert vom kleinen »Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn«. Welchen Sinn das Soli-Frieren habe, will sich mir nicht erschließen. Auf dem Alexanderplatz und vor dem Fernsehturm: überall sieht man Obdachlose campieren, auf Bänken oder auf dem kalten Boden.

Die Menschen sehen kaputt aus, angetrunken, sprechen Russisch oder Polnisch, und jeder von ihnen hält Mahnwache gegen Wohnungsnot. Von der Kundgebung aber in der Rathausstraße, die für die ganze Nacht angemeldet ist, wissen sie nichts. Und die, die es wissen, weil sie den Aufruf mitunterzeichnet haben, etwa die Leute vom Armutsnetzwerk oder vom Arbeitskreis Wohnungsnot, lassen sich bis jetzt nicht blicken. Gut zwanzig Aktivisten haben einen Infostand aufgebaut. Ralf Axel Simon scheint vor Ort einer der wenigen erkennbar Wohnungslosen zu sein; er vertritt die Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen e.V. und will darin ein gutes Zeichen sehen, dass Menschen aus Solidarität hier seien und nicht aus persönlicher Betroffenheit. Nur warum ausgerechnet am Freitagabend? Die Medien schicken um die Zeit nicht einmal ihre Praktikanten in die Kälte. Und im Rathaus ist auch keiner, der Regierende hat Wochenende. »Aber du bist da«, sagt der Alte zu mir.

Wer Ralf Axel Simon googelt, findet sehr viele Geschichten über ihn. Zwei Dinge interessieren ihn: Schach und Gerechtigkeit. Die »Zeit« schrieb 1984 über ihn: »Er engagierte sich für Gefangene und kam selber ins Gefängnis«. Alle vierzehn Tage habe er ein beidseitig bedrucktes DIN-A4-Papier produziert, mit dem Titel »Knastblatt«. »Dieser mit eigenen Informationen angereicherte Pressespiegel zum Thema Justiz und Strafvollzug, der in verschiedene Alternativzeitungen eingelegt wurde und den er selbst verteilte, brachte ihm in der Kreuzberger Szene den Spitznamen ›Knastblatt-Axel‹ und vom Kriminalgericht Moabit bislang 32 Monate ein.«

Axel Simon wollte nie Journalist sein. »Ich will die Welt verändern«, sagt er, »nicht nur beschreiben.« Sein »Knastblatt« war voller Beschimpfungen gegen »Schließer- und Bullenschweine«. Und wie er sich selbst erinnert, sei er ständig vom Staatsschutz beobachtet worden. Noch vor Gericht habe er die Richterin eine »Justiznutte« genannt. Da konnte selbst ein Christian Ströbele als Anwalt nicht viel ausrichten. Als hätte es der damals 31-jährige Simon auf die Märtyrer-Rolle angelegt: Einzelhaft, 23-Stunden-Einschluss - ohne dass er jemanden bestohlen oder verletzt hatte, nur beleidigt.

Das »Zeit«-Porträt über Simon schrieb seinerzeit Michael Sontheimer. Der spätere Taz-Chefredakteur schilderte darin, wie Simon in den Siebzigerjahren als Religionslehrer einer Grundschule mit seinen Schülern das italienische Arbeiterlied »Avanti Popolo« gesungen habe. Bei einer Diskussion über die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 wäre er zu dem Schluss gekommen, die Bewegung 2. Juni hätte aus selbstlosen Motiven gehandelt.

Spricht man ihn heute auf seine Arbeit als Religionslehrer an und ob er an Gott glaubt, weicht Simon aus. Seinen Schülern habe er immer gesagt, es spiele keine Rolle, ob es Gott gibt oder nicht. Um diese Frage seien zu viele Kriege geführt worden. »Unsere Aufgabe muss es sein, auf der Welt menschliches Leben zu schaffen.« Aus der transzendentalen Obdachlosigkeit, von der Georg Lukács spricht, muss Ralf Axel Simon dann irgendwann in die richtige Obdachlosigkeit abgeglitten sein. Seit einiger Zeit schlafe er in einem Kreuzberger Antiquariat, das geschlossen ist, obwohl Buchläden in Berlin geöffnet sein können. Das Geschäft, sagt er, laufe ohnehin im Internet.

Kennengelernt haben wir uns bei meiner Recherche zum Wohnungslosentreffen, das im letzten Jahr coronabedingt im Internet stattfand (»nd« vom 21.8.20). Die meisten Teilnehmer waren aus verschiedenen Heimen überall im Land zugeschaltet. Manche meldeten sich mit dem Smartphone von der Platte - und einer aus dem Hotel in Magdeburg. Sein Gesicht erinnerte an Karl Marx mit Sonnenbrille. Der Alte redete kaum und wenn, dann wohlüberlegt. Doch keine Stunde war vergangen, da verabschiedete er sich: »Ihr Lieben, entschuldigt, aber meine Uhr läuft …«

Wie man mir sagte, nahm der Mann gerade an einem Schachtunier teil - als ehemaliger Amateur-Vizeweltmeister! Ralf Axel Simon hat viele Jahre in der ersten Schach-Bundesliga gespielt. Großmeister ist er nicht geworden, wohl aber »Internationaler Meister«. Als ich davon hörte, dachte ich nur: Dich schickt der Himmel! Denn seit einiger Zeit quäle ich mich mit einem Romanprojekt, in dem der Held Fernschach spielt, mit Vorliebe die seltene »Orang-Utan«-Eröffnung; ein Angriff, der alle Konventionen sprengt: Weiß versucht nicht, die zentralen Felder zu besetzen und von dort das Geschehen zu bestimmen. Orang-Utan heißt: an der Seite durchbrechen. Der weiße Bauer klettert vom Feld b2 die Linie hoch, wie ein Affe im Zoo das Gitter - und macht dort Rabatz.

Eigentlich haben wir uns deshalb verabredet, vor dem Roten Rathaus: weil ich mit Simon über Schach reden will. Kneipen und Cafés sind geschlossen, also treffen wir uns bei der Mahnwache. Erst hatte ich ihn gar nicht erkannt. Simon sagt, er schneide sich jedes Jahr im Januar Bart und Haare. Schach, sagt er, bedeute für ihn Freiheit. Im Knast habe er sich viel damit beschäftigt. Jeden Tag irgendwelche Stellungen analysiert und für sich zu Ende gespielt.

Es ist so verdammt kalt. Jemand hat versprochen, eine Feuerschale zu bringen. Das Brennholz liegt schon geschichtet neben dem Infostand. Wir gehen ein paar Schritte. Ich will von ihm wissen, inwieweit Orang-Utan als Metapher taugt, etwa für ein Leben als Nerd? »Orang-Utan kann man schon spielen. Beim Fernschach aber wirst du damit nicht gewinnen«, sagt er. Orang-Utan lebe vom Überraschungsmoment. Simon erzählt, dass er früher sehr gern Fernschach gespielt und auch an Turnieren teilgenommen habe. Irgendwann aber hätten die Maschinen das Spiel übernommen. Wenn er nachts aufs Klo musste, stand auf dem Weg dorthin sein Computer, den er sogleich anwarf, um danach dann die jeweils aktuelle Stellung vom Rechner durchspielen zu lassen, in allen Varianten. Sein Gegner habe bestimmt das Gleiche getan. Im Fernschach spielten heute nur noch Maschinen gegen Maschinen. »Ist das keine Metapher?«, fragt er.

Vielleicht ist Schach aber auch als Gleichnis gänzlich ungeeignet: Zu Beginn ihres Lebens besitzen Menschen eben nicht alle die gleichen Figuren, haben also nicht die gleichen Voraussetzungen und Chancen. Und wenn du verlierst, kannst du nicht einfach das Brett wieder aufbauen und von Neuem starten. Im Gegenteil: mit dem, was dir geblieben ist, musst du weiterspielen. Nein, Schach ist keine gute Allegorie. Vor allem, weil Menschen nicht immer rational handeln oder entsprechend vorheriger Berechnung.

So war das auch im letzten Jahr auf der besagten Pressekonferenz, als Ralf Axel Simon ausgetickt ist. Seine Freunde und er hatten um Wortmeldung gebeten, wollten zur »Nacht der Solidarität« einen kritischen Kommentar abgeben: »Zählen ist keine Solidarität!« Der Pressesprecher aber hatte sie vertröstet, hatte gesagt, dass er sie nachher zu Wort kommen lasse. Und auf einmal war die Pressekonferenz beendet! Simon fühlte sich ausgetrickst, stürmte nach vorn und beschimpfte den Mann. Die Senatorin ging dazwischen, ohne Erfolg.

Solche rhetorischen Tricks hat es schon in der Bibel gegeben. Als gelernter Religionslehrer hätte er es wissen müssen: In der Apostelgeschichte will Paulus - auch so ein Wohnungsloser - auf einer griechischen Bürgerversammlung reden und den Leuten vom Heiland berichten. Woraufhin man ihm sagt: »Wir werden dich später noch einmal hören.« Paulus, so viel zur Pointe, wird in der Runde nicht mehr zu Wort kommen. Und soviel wir wissen, hat der Apostel damals nicht den Versammlungsleiter beschimpft. - »Das mag ja stimmen«, sagt Ralf Axel Simon. Bei Paulus aber sei das Wetter besser gewesen. »Nicht so kalt wie heute vor dem Rathaus.«

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