Sieg Heil war gestern

In der Sektion Berlinale-Special will Christian Schwochow über moderne Nazis aufklären - und scheitert

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 3 Min.

Kino darf ruhig mal wehtun, sonst könnte man ja gleich Fernsehen schauen. Die Szenen, mit denen Christian Schwochows Film »Je suis Karl« beginnt, sind denn auch schwer erträglich. Eigentlich sind Alex und Inès aus Berlin- Prenzlauer Berg links denkende Menschen, die im Wir-schaffen-das-Sommer 2015 sogar einem Syrer illegal über die Grenze helfen; leider wird die Familie kurz darauf in Berlin Opfer eines Terroranschlags, den nur Alex und eines der drei Kinder, die bereits erwachsene Maxi, überleben. Natürlich bestehen keine Zweifel, dass Islamisten die Urheber seien.

Während der Vater in seiner Trauer um Frau und Kinder versinkt, gerät Maxi an den so verständnisvollen wie mitfühlenden, auch noch verteufelt gut aussehenden Karl (Jannis Niewöhner), welcher sich schnell als rechter Rattenfänger entpuppt, der Maxis Leid für seine Zwecke instrumentalisieren will. Schnell stellt sich zudem heraus - was allerdings nur der Zuschauer erfährt - dass der vermeintlich islamistische Anschlag in Wirklichkeit von Karl und seinen Kumpanen begangen wurde, um die Volksseele gegen die Einwanderer aufzustacheln.

Klingt krude? Ist es leider auch. Mit dem von Thomas Wendrich verfassten Drehbuch begibt sich Schwochow auf glattes Eis - und rutscht gehörig aus. Wahrscheinlich ist das der Grund, dass »Je suis Karl« in der Sektion Berlinale Special, sozusagen außer Konkurrenz, läuft. Es ist hier nicht der Platz, die mangelnde Plausibilität und die logischen Schwächen der Handlung aufzudröseln, aber mit diesem Film hat sich Schwochow, der durchaus als engagierter Filmemacher bekannt ist, keinen Gefallen getan.

Interessant ist einzig die Binnensicht auf das rechte Milieu, welchem die Identitäre Bewegung als unmittelbares Vorbild dient. Die Identitären gelten ja als die jugendlichen Intellektuellen unter den Nazis, mehr noch, sie kreieren eine ganz eigene Jugendkultur, die auf den jungen Sinnsuchenden durchaus anziehend sein mag. Als Maxi nach Prag zu einem Treffen der einschlägigen Szene eingeladen wird, begegnet sie dort keineswegs dumpfen Nationalisten, sondern aufgeschlossenen, empathischen, durchaus auch kosmopolitischen und alternativ angehauchten jungen Menschen, sodass man sich auf einer hippen Jugendmesse wähnt. Noch dazu sehen alle so verdammt gut aus, und auch der Frauenanteil ist sehr hoch.

Das Klischee vom springerstiefelnden Männerbund darf beiseitegelegt werden. Die Ideologie kommt fast beiläufig daher, und wenn doch mal jemand »Sieg Heil« ruft, wird er sofort zur Ordnung gerufen. Begriffe wie rechts - links werden vermieden und die Gemeinsamkeit als Europäer beschworen, was freilich den Ausschluss der anderen aus der Gemeinschaft voraussetzt. Natürlich will Schwochow damit zum Nachdenken über die durchaus bedenkliche Attraktivität rechter Jugendkulturen anregen, was ihm auch gelingt. Leider ist der Fortgang der Geschichte dann aber derart unglaubwürdig und an den Haaren herbeigezogen, dass damit jegliche gute Absicht zunichtegemacht wird.

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