Werbung

Propaganda der fossilen Industrie

HEIßE ZEITEN - DIE KLIMAKOLUMNE: Clara Thompson kritisiert, wie stark Konzerne wie der Öl-Multi BP Einfluss auf die Klimadebatten nehmen

  • Von Clara Thompson
  • Lesedauer: 3 Min.
So romantisch das Schattenspiel - so unromantisch sind doch die Folgen des Abbaus fossiler Energien.
So romantisch das Schattenspiel - so unromantisch sind doch die Folgen des Abbaus fossiler Energien.

Vor einigen Tagen gab der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, dem Sender Fox News ein Interview zu den Stromausfällen in dem US-amerikanischen Bundesstaat. Er wollte seinen Mitbürger*innen erklären, wer für dafür verantwortlich ist. Der Blackout zeige, »dass der Green New Deal ein tödliches Geschäft für die Vereinigten Staaten von Amerika wäre«, sagte Abbott. Er wies darauf hin, dass während des Polarwirbels die Wind- und Solarenergie, die »zusammen mehr als zehn Prozent unseres Stromnetzes« ausmachten, abgeschaltet worden seien, was zu einem systemweiten Zusammenbruch geführt habe. »Es zeigt einfach, dass fossile Brennstoffe für den Staat Texas und andere Staaten notwendig sind, um sicherzustellen, dass wir in der Lage sind, unsere Häuser im Winter zu heizen und im Sommer zu kühlen«, schloss der konservative Politiker.

Was wie ein schlechter Witz klingt, ist einer der ältesten Tricks der fossilen Industrie. Der Trick besteht darin, die Verantwortung für den Klimawandel auf erneuerbare Energien oder das Konsumverhalten der Menschen abzuwälzen. Hauptsache, es wird keine Angriffsfläche auf die wirklichen Verursacher dieser texanischen Krise geboten. In dem Bundesstaat steuert die Kohle- und Gasindustrie seit Jahren maßgeblich die Richtung der Politik mit und unterstützt Politiker*innen mit Spenden finanziell. Es verwundert also gar nicht, dass Politiker*innen wie Abbott die Gelegenheit nutzen, um den Diskurs gegen den Green New Deal und erneuerbare Energien neu zu entfachen.

Ein kurzer Realitätscheck: Tatsächlich basiert die texanische Energieversorgung nur zu einem Bruchteil auf Windenergie. Texas ist auch der einzige Bundesstaat, der nicht Teil der zwei nationalen US-Stromnetze ist, weswegen während des Kälteeinbruchs kein Ausgleich geschaffen werden konnte. Expert*innen identifizieren die Ursache für die Blackouts vor allem in der zu schlecht vor Kälte geschützten Gas- und Kohleinfrastruktur und in dem für Gewinnmaximierung stark deregulierten Energiesystem.

Das Statement des Gouverneurs der fossilen Industrie zu den »Texas Blackouts« ist dabei nur eine Light-Version der Marketingstrategien der fossilen Industrie. Eine der vielleicht einflussreichsten Kampagnen im Bereich Klima der letzten beiden Jahrzehnte ist die Erfindung des »CO2-Fußabdrucks« durch die Propaganda-Profis Ogilvy & Mather, die im Jahr 2004 für 250 Millionen Dollar von dem Ölgiganten BP angeheuert wurden. Die Idee war simpel und brillant: Wenn Menschen dazu gebracht werden, sich vor allem mit den eigenen CO2-Emissionen in ihrem Alltag zu beschäftigen, wird BP in Ruhe gelassen. Und so begann das Reframing der Klimakrise als Verantwortung des Individuums, das bis heute wirkt.

Das Problem ist nicht, dass einzelne Menschen durch ihr Konsumverhalten nicht zum Klimawandel beitragen, sondern dass sich die großen Industrien bis jetzt erfolgreich davor drücken konnten, tatsächlich etwas zu verändern. Sie haben das Geld und die Macht, sie lassen sich in der Politik vertreten und haben eine Vormachtstellung in der Wirtschaft. Ob BP, Shell, RWE oder VW: Sie investieren Millionen in PR-Kampagnen, die sie selbst umweltfreundlich erscheinen lassen und den Konsument*innen die Verantwortung für den Klimawandel aufbürden sollen. Durch ihre hohe Reichweite prägen solche Kampagnen maßgeblich, wie wir über CO2, den Klimawandel und Klimaschutzmaßnahmen nachdenken. Sie führen dazu, dass sich viele Menschen sich selbst als Verursacher des Klimawandels ansehen statt die Energiegiganten und Autokonzerne.

Schade eigentlich, dass die Klimabewegung nicht über dieselben finanziellen Ressourcen verfügt, sonst hätten wir schon längst ebenso starke Kampagnen starten können. Was uns also erst mal bleibt, sind die Straßen. Auch wenn es in Zeiten einer Pandemie schwierig ist, können und werden wir immer noch aktiv sein. Es ist Zeit, die großen Industrien lautstark zur Rechenschaft zu ziehen.

Unsere nächste Chance: Am 19. März veranstaltet Fridays for Future den siebten großen Klimastreik. Und wenn jemand zufällig ein paar Millionen Euro für eine coole Kampagne gegen die wirklichen Blockierer des Klimaschutzes übrig hat, meldet euch einfach!

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung