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Männer, die sich Feministen nennen

Feminismus ist kein Kleidungsstück, sondern ein ständiger Prozess

  • Von Leon Grüninger
  • Lesedauer: 5 Min.
Ein Aufdruck macht noch 
keinen Feministen.
Ein Aufdruck macht noch 
keinen Feministen.

Manche linke Männer ziehen sich morgens ein T-Shirt mit »Feminist«-Aufdruck an und sind stolz auf sich. Kein Wunder, dass es von Frauen* dafür kritische Blicke gibt. Denn dieser Griff in den Kleiderschrank entblößt ihre inhaltliche Leere. Das kindliche Bedürfnis nach Eindeutigkeit gesellt sich zu dem identitätspolitischen Anspruch, auf der richtigen Seite stehen zu wollen. Aber der feministischen Bewegung bringt das nichts. Denn der »Feminismus für Männer« ist kein Zustand, kein Label, kein Kleidungsstück mit Slogan, das man sich überstülpen kann, sondern ein ständiger Prozess - und die herbeigesehnte Eindeutigkeit so sicher und erreichbar wie ewiges Leben.

Männer profitieren vom patriarchalen System

Männer profitieren vom patriarchalen System, in dem wir leben. Aufgrund unserer Geschlechtszuschreibung werden uns Privilegien zuteil. Die des »anderen Geschlechts« leiden darunter. Als Mann ein »Feminist«-Shirt zu tragen, sagt nichts anderes als: »Schau mich an, ich bin nicht wie die anderen Brutalos!« Doch wie kannst du dir, wie könnte ich mir da so sicher sein?

Unter linken Männern gehört es zum guten Ton, zum unwidersprochenen Konsens, sich feministisch zu geben. Und das ist auch gut so! Zur Überwindung dieses Machtprinzips, das Frauen* tötet oder verletzt, sie objektiviert oder kaum ernst nimmt, müssen diejenigen, die strukturell von genau diesem Machtprinzip profitieren, etwas tun. Dazu gehört es zuzuhören, wenn diejenigen sprechen, die nicht so unbesorgt wie man selbst nachts nach Hause gehen können. Und auch gesellschaftspolitische Fragen laut zu stellen: Wer macht denn die ganze unbezahlte Care-Arbeit? Wem wird es schwerer gemacht, beruflich aufzusteigen?

All das Labeling, all die gut gemeinten Parolen und Plakate in alltäglichen Situationen bringen wenig. Bestes Beispiel dafür sind die Vorkommnisse auf den beiden linken Festivals »Monis Rache« und »Fusion« im Jahr 2019. Täter brachten dort Spionagekameras auf Toiletten bzw. in den Duschen an und verbreiteten das Material auf Pornoseiten. Die ersten Reaktionen aus dem Umfeld des Täters - dieser wohnte in einem linken Hausprojekt - auf die Übergriffe waren aber typisch: Intransparenz und Täterschutz.

In einem Beitrag in der Zeitschrift »Konkret« bringt es der Publizist Kim Posster auf den Punkt: »Gerade weil Männer (unbewusst) wissen, dass sie mehr mit den Tätern gemein haben, als ihnen lieb ist, zeigen sie oft Abwehr, statt die Bedeutung solcher Taten zu begreifen und in ihrem Umgang solidarische Konsequenzen zu ziehen.« Woran das liegt? Weil laut Posster »auch linke Männer erst mal Männer und dann Linke sind«.

Sozialisation erklärt, aber entschuldigt nicht

Als Mann sozialisiert zu sein, bedeutet, zahlreiche patriarchale Denk- und Handlungsmuster verinnerlicht zu haben. Das kann sich darin äußern, eine dominante Rolle in Gesprächen einzunehmen, von der eigenen Unfehlbarkeit auszugehen oder Frauen* paternalistisch zu begegnen. Zwar kann Sozialisation verinnerlichte Geschlechterrollen und dementsprechendes Verhalten erklären. Es rechtfertigt oder entschuldigt diese aber nicht. Es zeigt eher, dass wir uns nicht per Knopfdruck von jahrzehntelang antrainiertem Verhalten lösen können. In diesem Sinne waren die Reaktionen vieler Männer auf die Übergriffe bei den Festivals bezeichnend. Es nützte gar nichts, als sich als feministisch verstehende Alphas ihre Gewaltfantasien gegen »das perverse Schwein« richteten.

Vielmehr zeigt das Beispiel die Tendenz, sexualisierte Gewalt moralisch fassen zu wollen, ohne sich seiner eigenen Gesellschaftsrolle bewusst zu werden. Die Soziologin Raewyn Connell definiert dazu unterschiedliche Männlichkeitstypen. Eine davon ist die komplizenhafte Männlichkeit. Das bedeutet: Auch wenn ich die Unterdrückung von Frauen nicht befürworte, ziehe ich als Mann einen allgemeinen Vorteil aus ihr. Connell nennt das »patriarchale Dividende«. Beispielhaft dafür ist, wem ein Expert*innenstatus zugesprochen wird. Werden diese in Medien zugeschaltet, beträgt der Anteil von Frauen bei politischen Themen nur 17 Prozent. Bei Wirtschaftsthemen sogar nur 7 Prozent.

Dabei ist der Feminismus auch ohne dieses Geprahle mit dem Label »Feminist« für Männer ein Gewinn. Denn das Bild eines Mannes, der nicht über seine Gefühle sprechen kann, der sich und anderen keine eigenen Schwächen eingestehen kann, ist so allgegenwärtig wie verinnerlicht. Die Folge: Es sterben mehr Männer an unentdeckten Krankheiten, und die Selbstmordrate in Deutschland ist dreimal so hoch wie bei Frauen. Dieses selbstverschuldete Unvermögen muss sich grundlegend ändern. Aber was dabei nicht vergessen werden darf und was die Selbstbeschreibung als Feminist gerne verdeckt: Wir Männer stehen auf der Nutznießerseite. Die Feministin Lynne Segal notierte dazu: »Die Realität männlicher Macht neigt dazu, weggespült zu werden von den Tränen, die um die ihr zu Grunde liegende Verletzlichkeit vergossen werden.« -Oder kürzer: Männer sind nicht die primär Betroffenen. Eine Fokussierung auf sie stellt die wirklich Betroffenen in den Schatten.

Alles gesagt, aber noch nichts getan

Gleichzeitig kann es nicht die Lösung sein, Frauen nur gut zuhören zu wollen und sie alles machen zu lassen. Kim Posster schreibt dazu: »Dass Betroffene in Bezug auf ihre Betroffenheit für sich sprechen können sollen, ist essenziell.« Gleichzeitig verkomme diese Forderung leicht zu einem Zugeständnis, wenn sie verabsolutiert wird. Dieses beruhe auf einer unterschwelligen Bedingung: »Die Betroffenen mögen es bitte dabei belassen. Auf diese Weise wird der universalistische Anspruch feministischer Kritik und der Status von Frauen als politisches Subjekt wieder verneint. Männern erlaubt das eine Pseudosolidarität, die einer gönnerhaften ›Lass die Mädels mal machen‹-Haltung gefährlich nahekommt.«

Es ist unerlässlich, sich auch als Mann zu feministischen Themen zu verhalten. Jedoch ohne sich dieses Label zu geben, dem wir nicht gerecht werden können. Sich als Mann Feminist zu nennen, zeugt von einer Unehrlichkeit gegenüber sich selbst. Denn wir alle haben uns schon daneben verhalten. Mit einem Label scheint alles gesagt, dabei ist noch nichts getan. Wenn wir den Feminismus ernst nehmen wollen, braucht es andere Ansätze. Es braucht ein Zuhören und ein ständiges Hinterfragen der eigenen Geschlechterrolle. Es braucht einen Austausch unter Männern dazu und es braucht konkrete solidarische Aktionen. Dann kann auch dieses Shirt im Kleiderschrank bleiben.

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