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Folgen Sie dem roten Faden!

Brigitte Kramers Filmporträt »Ulrike Ottinger. Die Nomadin vom See«

  • Von Geraldine Spiekermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Buchstäblich auf Schritt und Tritt folgt Brigitte Kramers filmisches Porträt der Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger, Jahrgang 1942. So steigen wir hinter ihr die engen Stufen hinauf in ihr erstes Atelier, in ihrer Geburtsstadt Konstanz. Auf dem einst angebrachten Schild stand: »ULI’s Atelier junge Kunst, folgen Sie dem roten Faden«. Entsprechend ließ man sich von einem real gespannten Faden emporleiten. Im Film führt das Motiv bewegten Wassers wie ein roter Faden durch Ottingers Leben und Werk.

Unter den Klängen des mongolischen Obertongesangs lässt sich die Protagonistin in der ersten Sequenz gemächlich über den Bodensee segeln. Die glitzernde Seeoberfläche überlagert sich mit Figuren aus Ottingers frühen Filmen, und so wird das Wasser zum ästhetischen wie narrativen Leitmotiv. Als Symbol für das Unbewusste wohnt ihm das Rätsel der Tiefe ebenso inne wie die schöpferische Kraft, denn fast allen Weltkulturen gilt das Wasser als Ursubstanz des Lebens.

Die fantastischen Filmfiguren ähneln geheimnisvollen Wassernixen, die aus der Erinnerung auftauchen und die über das animistische Medium Film immer wieder belebt werden können. Regisseurin Kramer (Jg. 1954) gibt so einen ganz unmittelbaren visuellen Hinweis auf den surrealen Stil Ottingers. In ästhetisch-hochstilisierten Szenen verbindet Ottinger in ihren Filmen über exotische Requisiten und Kostüme die heterogene Vielfalt der Kulturen und Geschlechter, der Epochen und Genres spannungsvoll miteinander. Dabei achtet sie stets genauestens auf jedes Detail und die Farbdramaturgie.

So wie die Seefahrt als Metapher für die Lebensreise gebraucht wird, so verwebt Kramer ihren eigenen Lebensfaden mit dem Ottingers, indem sie - mit der Stimme von Eva Mattes - schildert, wie 1977 eine chinesische Dschunke auf dem Konstanzer See gesichtet worden ist, als dort der abenteuerliche Piratinnenfilm »Madame X. Eine absolute Herrscherin« gedreht wurde.

Als junge Frau sieht Kramer in Ottingers 1969 in Konstanz gegründetem »filmclub visuell« und in der »galeriepress« auch zahlreiche avantgardistische Künstler*innen und internationale Independent Filme. Dieser persönliche Blick macht das filmische Porträt zu einer liebevollen Hommage, die an vielen Stellen jedoch recht betulich wirkt. Dabei kann das progressive Potenzial der frühen Filme, die queer »avant la lettre«, also ihrer Zeit weit voraus waren, gar nicht genug betont werden. Nicht von ungefähr wurde Ottinger 2012 mit dem »Special Teddy - Queer Film Award« ausgezeichnet, als das Filmporträt im Panorama der 62. Berlinale uraufgeführt wurde.

Umso erfreulicher sind dann die Schnitte auf die frühen Filme, die der Beschaulichkeit der Interviewszenen eine brillante Skurrilität entgegenstellen, wie etwa die »Berlin-Trilogie«. Zu ihr zählen das »Bildnis einer Trinkerin« (1979) mit Tabea Blumenschein und Magdalena Montezuma, »Freak Orlando« (1981) mit Delphine Seyrig sowie »Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse« (1984) mit Veruschka von Lehndorff als androgyner Hauptfigur. Die in der Trilogie gezeigten Industriebrachen und Stadtlandschaften haben alte Westberliner verwundert mit »So haben wir Berlin noch nie gesehen!« kommentiert.

Auf diese Weise gelingt es Ottinger, die stets die Kamera selbst führt, das Fremde im Vertrauten ebenso aufzuspüren wie das Vertraute in fremden Kulturen. Ihre Leidenschaft für die Ethnografie führt sie mit ihrem Team in die Mongolei, wo sie »Johanna d‘Arc of Mongolia« (1989) filmte. Die im Mai letzten Jahres verstorbene Schauspielerin Irm Hermann erinnert sich lebhaft an die nervenaufreibenden Dreharbeiten vor Ort. Kramer betont, dass Ottinger »als erste Frau aus Europa einen großen Spielfilm in der Mongolei« gedreht habe. Seither reiste sie mehrfach für Filmaufnahmen nach Südkorea, China oder Japan.

Ottingers Interesse am Dokumentarischen wird erstmals in »Superbia« (1986) deutlich, als sie ihre opulente Inszenierung eines rituellen Festzugs mit gefundenem Filmmaterial (found footage) zu Paraden aus aller Welt vermischt. Ihre künstlerischen »Inspirationsquellen kommen aus allen Weltecken« und »aus allen Zeiten«, wie sie selbst sagt. Das spiegelte auch die Ausstellung »Floating Food« im Haus der Kulturen der Welt (2011) wider. Im Zentrum der Halle ließ Ottinger eine riesige Wasserfläche anlegen und präsentierte ihr umfangreiches Œuvre aus vier Jahrzehnten als eine »begehbare Collage«. Auf sinnliches Erleben und assoziatives Erinnern angelegt, interessiert Ottinger vor allem, »was Objekte sind, was Erinnerung ist und wie Objekte durch Erinnerung belebt werden«. Vor einer gefilmten Flussfahrt stehend, resümiert Ulrike Ottinger: »Eine lineare Dramaturgie ist das Unrealistischste, was es überhaupt gibt, (…) der Mäander entspricht unserem Leben«.

Ulrike Ottinger. Die Nomadin vom See. Regie: Brigitte Kramer, Deutschland 2012. 86 Min., dt. Originalfassung. Als DVD & VoD bei Salzgeber: Mehr Infos unter www.salzgeber.de

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