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Eins zu null für die Algorithmen

So laut die Filme der 71. Berlinale nach Interaktion riefen, so leise und isoliert fand das Online-Festival statt

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 7 Min.

Wenn es nicht mehr die Kritiker*innen sind, die einen Film empfehlen oder davon abraten, tun es die Algorithmen. Wer in der kinolosen Zeit zu den Streaming-Diensten gewechselt ist, kennt es schon: Schaut man sich etwa bei Netflix »Detektiv Schrott« an, wird einem am nächsten Tag »Detektiv und Schrott« vorgeschlagen. Man muss vorsichtig sein bei dem, was man anklickt. Ein falscher Move reicht, um jede Menge Schrott empfohlen zu bekommen.

Ob bei Netflix, Spotify, Instagram oder Tinder: Die Algorithmen beobachten uns, versuchen uns besser kennenzulernen, um uns dann bessere Werbung, ähm, bessere »Vorschläge« zu machen. Dabei müssen wir selber ihnen helfen, müssen uns für sie definieren, sodass sie uns dann genau das anbieten, wonach wir schon immer suchten. Man kann das skeptisch betrachten oder versuchen, damit glücklich zu sein. Dass wir schon längst mit solchen Algorithmen leben, ist keine Science-Fiction mehr.

Wie ist es aber, wenn man einen Androiden bestellen kann, der genau auf die eigenen Präferenzen ausgerichtet ist, um einen dann glücklich zu machen? Davon handelt der Film »Ich bin dein Mensch« von der deutschen Regisseurin Maria Schrader, der im Wettbewerb der 71. Berlinale seine Premiere feierte. Die Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert) nimmt an einem Experiment teil. Drei Wochen muss sie mit dem humanoiden Roboter Tom (Dan Stevens) leben, der speziell für sie als perfekter Partner konzipiert wurde: Das Aussehen, der leichte britische Akzent - alles wurde durch die Algorithmen nach Untersuchungen und Gehirnscans konfiguriert. Am Ende dieser Zeit muss Alma begutachten, ob solche »Dinge« in Zukunft zugelassen werden können.

Auf der Pressekonferenz zum Film, der einzigen Pressekonferenz dieser digitalisierten Berlinale überhaupt, erzählte Maria Schrader, wie sie auf solche Algorithmen reagiert, die angeblich genau wissen, was sie will - etwa beim Streaming: wie auf Krawall gebürstet. »Ich halte es schwer aus. Manchmal klicke ich auch ganz andere Sachen an und frage mich, ob das wahrgenommen wird. Ob mir nächstes Mal Softpornos angeboten werden. Ich selber reagiere auf diese Art von Vorschlag, der mir doch manchmal fast wie ein Diktat vorkommt, mit Rebellion.«

Ähnlich macht es auch Alma im Film. Wütend und voller Skepsis möchte sie diesem perfekten Androiden zeigen, dass das, was aus ihr einen Menschen macht, das Unberechenbare ist. Und Tom versucht ständig, das Unberechenbare zu berechnen. Der Film ist so humorvoll wie tief. Besonders gelungen ist die schauspielerische Leistung von beiden Darsteller*innen. Dafür hat zumindest Maren Eggert einen Silbernen Bären gewonnen. »Ihre Präsenz machte uns neugierig, ihr Charme sensibel. Und ihre breite schauspielerische Palette ließ uns fühlen, lachen und Fragen stellen«, heißt es in der Begründung der Jury. Ihre Figur bringe uns dazu, »über unsere Gegenwart und unsere Zukunft nachzudenken, über unsere Beziehungen und darüber, was wir wirklich im Leben wollen«. Eggert hat sich mit ihren Kolleg*innen solidarisiert, »die wegen Covid-19 in einer Krise stecken«.

Dieses Jahr sollten die Auszeichnungen im Schauspielfach nicht mehr nach Geschlechtern getrennt werden. Es gab daher einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle und in einer Nebenrolle. Das sei ein Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche, so die Leitung der Berlinale. Wie der Schauspieler Dan Stevens in besagter Pressekonferenz berichtete, sei sogar die Robot-Community mit dieser Entscheidung zufrieden.

Mit »Ich bin dein Mensch« konkurrierten 14 Filme im Wettbewerb des Festivals. 16 Länder waren an diesen Produktionen beteiligt. Im Vergleich zur Berlinale 2020 waren dieses Jahr stärkere Titel dabei. Viele davon haben »während der Dreharbeiten, des Schnitts oder in der Postproduktion die Pandemie durchlebt«, wie das Leitungsduo, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, betonte. Im Film »Bad Luck Banging or Loony Porn« vom rumänischen Regisseur Radu Jude tauchen sogar die Masken auf. Es wird bewusst auf die aktuelle Pandemie hingewiesen. Ein Sex-Video einer Lehrerin geht durchs Internet. Es wird zu einer Elternversammlung eingeladen. Die Eltern - so unterschiedlich sie in ihrem Glauben und ihren Einstellungen sind, so verschieden sind auch ihre Masken - sehen sich gemeinsam das Sex-Video an, während die Lehrerin fassungslos in die Kamera schaut. Danach soll abgestimmt werden, ob die Lehrerin in der Schule bleiben darf oder nicht. Eine geniale Darstellung der Absurdität dieser Zeit. Der Drehort ist zwar Bukarest, kann aber als Spiegelbild jeder Gesellschaft wahrgenommen werden.

»Bad Luck Banging or Loony Porn« wurde mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Er fange »das nackte Fleisch unseres gegenwärtigen Augenblicks ein«, so die Jury zu ihrer Entscheidung. »Es ist ein kunstvoll ausgearbeiteter Film, der zugleich ausgelassen ist, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau. Er greift die Zuschauer*innen an, ruft Widerspruch hervor, und erlaubt doch niemandem, Sicherheitsabstand zu halten.«

Bemerkenswert waren auch Beiträge eines iranischen und eines libanesischen Paars. In »Memory Box« der in Beirut geborenen Regisseur*innen Joana Hadjithomas und Khalil Joreige lebt Maia mit ihrer Teenager-Tochter in Montreal. Eines Tages bekommt Maia Fotos, Tagebücher und Tonbänder zugesandt, die sie einst - vor ihrer Auswanderung aus dem Libanon - einer Freundin geschickt hatte. In denen berichtet Teenager Maia dieser Freundin von der Zeit des Bürgerkriegs in Beirut. Anhand persönlicher Archivmaterialien und politischer Dokumente stellen Hadjithomas und Joreige ein Stück Zeitgeschichte dar - wie die Jugend liebte und lebte.

Vor allem für die Länder, die oft in Mainstream-Bildern auf Klischees reduziert werden, ist es besonders wichtig, selber die Narration zu erobern und ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sonst tun es Ben Affleck (»Argo«) oder Zack Snyder (»300«) für sie. »Ballad of a White Cow« vom iranischen Paar Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam handelt von der Todesstrafe und erinnert dabei unwillkürlich an den letztes Jahr mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film von Mohammad Rasoulof »Es gibt kein Böses«. Mina (Maryam Moghaddam) wird von der Justizbehörde mitgeteilt, dass ihr Ehemann zu Unrecht hingerichtet wurde und dass ihr daher eine finanzielle Entschädigung (Blutgeld) zusteht. Sie versucht, so hoffnungslos es sich anhört, eine Beschwerde gegen das zuständige Gericht einzureichen.

Die Geschichte ist einerseits eindeutig weniger systemkritisch als etwa Rasoulofs Film. Das Kritische wird als vage Frage vermittelt: die Frage nach Schuld, Recht und Unrecht. Andererseits und angesichts mancher Szenen, deren Darstellung rein formal im Iran verboten ist - etwa eine, in der die Hauptdarstellerin ihr Kopftuch fallen lässt -, kann man davon ausgehen, dass der Film eher auf internationale Aufmerksamkeit hofft als auf inländische. Überraschend ist dabei, dass »Ballad of a White Cow« 2020 beim staatlichen iranischen Filmfestival »Fajr« aufgeführt wurde. Bis jetzt gab es allerdings keine Publikumsvorstellung.

Neben solchen Beiträgen mit komplexen Erzählungen über das Rechtssystem, Krieg oder Auswanderung gab es auf der diesjährigen Berlinale auch relativ simple Geschichten, deren besonders gelungene künstlerische Form jedoch hervorzuheben ist. In »Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?« vom georgischen Regisseur Alexandre Koberidze beispielsweise stolpern ein junger Mann und eine Frau ineinander, ein Buch fällt zu Boden. Das passiert noch einmal, und dieses Mal verabreden sie sich. Doch was wir sehen, sind nur Ausschnitte, etwa von den Füßen. Wofür sich die Kamera (Faraz Fesharaki) am wenigsten interessiert, ist, die Protagonist*innen zu begleiten. Sie ist selbst ein eigenständiger Charakter, schwenkt im georgischen Kutaisi vor sich hin und versucht, ihre eigene Geschichte von der Stadt zu erzählen. Bestimmend in diesem Werk ist die visuelle Gestaltung: die eigenständige Kamerabewegung, die Bild- und Farbkomposition sowie das Licht. Mit anderen Worten: Der Film lebt von seiner Mise en Scène.

So laut die Filme der 71. Berlinale nach Interaktion riefen, so leise und isoliert fand das Online-Festival statt. Nicht einmal eine digitale Form der Begegnung, des Austauschs gab es. Die üblichen Pressekonferenzen wurden nicht organisiert. Viele Interviews dürfen erst im Sommer gegeben werden. Die Preisträger*innen wurden zwar bekannt gegeben, doch die Preisverleihung wurde ebenso auf den Sommer verschoben.

Da die Filmbranche neue Titel und die neuen Titel wiederum Verleihe brauchen, wurde das sogenannte Industry-Event nur für diese veranstaltet. Das eigentliche Publikum, der Applaus, alles muss auf eine ungewisse Sommer-Berlinale warten. Und die Filmkritiker*innen? Sie durften gerne für die Filme Werbung, ähm, über die Filme berichten: erst mal für das Nicht-Publikum. Die Online-Berlinale hat das nur bestätigt: Wenn es nicht mehr die Kritiker*innen sind, die einen Film empfehlen oder davon abraten, tun das die Algorithmen. Also eins zu null für die Algorithmen.

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