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Als Paare anfingen, ihre Kinderzahl zu beschränken

Die Historikerin Kerstin Wolff erzählt in einem Podcast aus den Anfangsjahren des Paragrafen 218 und über eine Debatte, die in ihren Grundzügen seitdem unverändert ist

  • Lesedauer: 4 Min.
Kerstin Wolff: Als Paare anfingen, ihre Kinderzahl zu beschränken

Anfänge im Kaiserreich

Anders als man denken mag, wurde der Paragraf 218 nicht erst 1871 im Deutschen Kaiserreich durch die Einführung des reichsweiten Strafgesetzbuches geschaffen. Es gibt vielmehr eine lange Geschichte über juristische Regelungen von Abtreibungen. In den Vorläufergesetzen hat es auch schon einen Paragrafen 218 gegeben. Bzw. wir haben es eigentlich von Anfang an mit drei Paragrafen zu tun: 218, 219 und 220. Der 218er regelt, dass eine Schwangere, die, wie das damals hieß, ihre Frucht vorsätzlich abtreibt, mit Zuchthaus von bis zu fünf Jahren bestraft wird. Der Paragraf 219 legt eine Strafverschärfung fest, dass mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren derjenige bestraft wird, der diese Abtreibung vornimmt, oder der Schwangeren gegen Entgelt Mittel zur Verfügung gestellt hat, die eine Schwangerschaft beenden. Und Paragraf 220 regelt, dass mit Zuchthaus bestraft wird, wer einen Schwangerschaftsabbruch gegen den Willen der Schwangeren vornimmt. In ihrem Kern sind diese Paragrafen auch heute noch aktuell.

Die Bedeutung des Abtreibungsverbots

Seine Durchschlagskraft bekommt der Paragraf erst um 1900. Denn um die Jahrhundertwende geht zum ersten Mal seit langer Zeit die Bevölkerungszahl im Deutschen Kaiserreich zurück. Paare fangen jetzt an, ihre Kinderzahl zu beschränken. Entweder durch Verhütung oder eben auch durch Schwangerschaftsabbruch. In diesem Moment beginnen viele verschiedene Kräfte innerhalb der Gesellschaft darüber zu sprechen, wie man das verhindern könnte. Die Idee ist: Viele Menschen bedeuten einen starken wehrhaften Staat, dann gibt es nämlich viele Soldaten im Kriegsfall. Und ab diesem Moment wird darauf gedrungen, dass der Paragraf tatsächlich streng umgesetzt wird. Schnell wird aber klar, dass der Paragraf gar nicht zu weniger Abbrüchen führt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Und somit beginnt 1900 zugleich ein Reformprozess. Das Ganze wird in einen bevölkerungspolitischen Diskurs eingebettet, an dem viele Akteure und Akteurinnen Anteil haben: die Frauenbewegung, die neu existierende Sexualwissenschaft, Ärzte, Juristen und natürlich die verschiedenen Parteien.

Wie sich die Frauenbewegung positioniert

Das Thema Abtreibung und Schwangerschaftsverhütung liegt quer zu parteipolitischen Debatten und auch quer innerhalb der Frauenbewegung. Es gibt sowohl Schriften für eine Freigabe der Abtreibung, als auch dagegen und es gibt in der Frauenbewegung eugenische Debatten und es gibt die Meinung, dass die sittliche Durchdringung der Gesellschaft viel wichtiger sei als das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Und schon damals wird angeprangert, dass wir es mit einem sogenannten Klassenparagrafen zu tun haben, weil Proletarierinnen, arme Frauen, Frauen, die keinen Zugang zu Verhütungsmitteln haben, viel stärker von diesem Paragrafen betroffen sind als bürgerliche Frauen, die doch noch eine Möglichkeit finden, an Verhütungsmittel zu kommen, die in der damaligen Zeit enorm teuer waren. Bürgerliche Frauen finden auch eher einen Arzt für einen Schwangerschaftsabbruch. Das war natürlich auch für sie illegal, aber sie konnten den Abbruch dann trotzdem unter besseren Verhältnissen durchführen lassen.

Was die Debatten erreichen

In diesen Jahren wird viel über das Thema diskutiert, auch, ob es eine medizinische Indikation geben soll - aber es setzt sich überhaupt nichts durch, bis 1914 durch den Ersten Weltkrieg die Auseinandersetzung vorerst zum Stillstand kommt. Und in dem Moment, als sehr viele Menschen in diesem Krieg sterben, beginnt die Debatte wieder von vorne. Nämlich an dem Punkt, dass jetzt alles daran gesetzt werden müsse, dass es nicht zu einem weiteren Bevölkerungsrückgang kommt und dass wieder mehr Kinder geboren werden.

Aufbruch in der Weimarer Republik

Nach dem Kriegsende 1918 herrschte enorme Not innerhalb der Bevölkerung. Hohe Arbeitslosigkeit, große Wohnungsnot. In dieser Situation ein Kind zu bekommen, ist eine individuelle Entscheidung, die sehr genau überlegt werden muss. Und immer mehr Proletarierinnen entscheiden sich dagegen und treiben ab - unter ziemlich katastrophalen Verhältnissen. In den Zwanziger Jahren wächst eine sehr breite, von der Basis getragene Bewegung gegen den Paragrafen, der nun auch als Klassenparagraf benannt wird. Immer mehr sozialdemokratische und sozialistische Ärzte und Ärztinnen setzen sich zusammen, gründen Komitees, gründen Aktionsvereine, die darauf abzielen, diesen Paragrafen abzuschaffen, oder wenigstens zu reformieren. Diese Bewegung führt dazu, dass auch konservative Kräfte in der Gesellschaft anfangen müssen, sich zu bewegen.

Massenbewegung ohne Erfolge

Zunächst gerät die Verneinung von Verhütungsmitteln auch in konservativen Kreisen ins Abseits. Verhütungsmittel werden inzwischen auch als Möglichkeit gesehen, Abbrüche zu verhindern. Zunehmend wird deutlich, wenn Frauen zu sogenannten Kurpfuschern gehen oder auch zu, wie man damals sagte, Engelmacherinnen, dann ist das mit einem hohen gesundheitlichen Risiko verbunden. In den Zwanziger Jahren gründen sich erste Sexualberatungsstellen, die anfangen, Aufklärungsarbeit zu machen. Unter der Hand werden Adressen weitergegeben von Ärzten und Ärztinnen, die bereit sind, einen Abbruch vorzunehmen. Neu ist, dass nun auch Romane oder Theaterstücke dieses Thema aufgreifen. Das Berühmteste ist wohl »Zyankali« vom sozialistischen Arzt Friedrich Wolf. Trotzdem erreicht diese Massenbewegung nicht mehr als eine Strafmilderung. 1926 wird die Zuchthausstrafe für Abtreibungen abgeschafft, seither droht »nur« noch Gefängnis. Ab 1931 fällt die Massenbewegung zur Reform des Paragraf 218 in sich zusammen. Und 1933 mit Hitler an der Macht werden sämtliche reformerischen Ansätze komplett niedergeschlagen.

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