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  • "Denkmal für den unbekannten politischen Gefangenen"

Kunst als Waffe im Kalten Krieg

Nach über 65 Jahren werden im Kunsthaus Dahlem die Werke eines der größten künstlerischen Wettbewerbe seiner Zeit wieder gezeigt: Skulpturen für ein »Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen«

  • Von Niels Seibert
  • Lesedauer: 6 Min.
Erweiterung ins Abstrakte: Die Zeichnungen von Egon Altdorf von 1952 (unten) und 1953 (oben) aus der Sammlung Dorian Altdorf-Crone zeigen die Entwicklung des Grafikers nach seinem Besuch der Ausstellung in der Londoner Tate Gallery 1953.
Erweiterung ins Abstrakte: Die Zeichnungen von Egon Altdorf von 1952 (unten) und 1953 (oben) aus der Sammlung Dorian Altdorf-Crone zeigen die Entwicklung des Grafikers nach seinem Besuch der Ausstellung in der Londoner Tate Gallery 1953.

Sie sind eingesperrt und vergessen. Keiner besucht sie. Es ist Lockdown. Nur die Beschäftigten des Kunsthauses Dahlem in Berlin gehen ab und zu durch diese Ausstellung, oft ohne die ausgestellten Skulpturen eines Blickes zu würdigen. Sie alle sollen den »unbekannten politischen Gefangenen« symbolisieren.

Im Kunsthaus Dahlem sind einige der Skulpturen ausgestellt, die 1952 von über 3500 Künstler*innen aus aller Welt für den Wettbewerb für ein »Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen« eingereicht wurden. Seit der pandemiebedingten Schließung des Hauses am Grunewald im November, am vierten Tag nach Ausstellungseröffnung, sind diese Exponate nicht mehr zu besichtigen. Wir können deshalb auch nicht mehr sehen, was uns die Ausstellung nicht zeigt. Dieses derzeit doppelt Unsichtbare ist interessant.

Es symbolisiert auch die Situation von politischen Gefangenen heute, früher, zu allen Zeiten - die sie nach ihrer Verurteilung vor Gericht und ihrem Haftantritt im Knast erleben müssen. Die anfängliche Aufmerksamkeit und das Interesse sind schnell dahin.

Die historische Ausstellung geht auf einen internationalen Wettbewerb zurück, der 1952 vom Londoner Institute of Contemporary Arts (ICA) ausgelobt wurde. Es beteiligten sich Bildhauerinnen und Bildhauer aus 57 Nationen und lieferten fast 1500 Entwürfe in Form von durchschnittlich etwa 50 Zentimeter hohen Skulpturen. Die größte Zahl kam aus der Bundesrepublik mit 262 Einreichungen. Die westdeutschen Entwürfe wurden erst 1952/53 im Haus am Waldsee in Westberlin gezeigt, die Finalisten des Wettbewerbs anschließend in der Londoner Tate Gallery.

Wer sich nicht beteiligte, waren Künstler aus den sozialistischen Staaten. Aber auch linke Künstler aus dem Westen, wie Alberto Giacometti machten nicht mit, weil sie nicht einseitig Partei ergreifen wollten. Denn es war ein politisch aufgeladener Wettbewerb, was letztlich zu seinem Scheitern beitrug, wie die Projektkoordinatorin des Kunsthaus Dahlems, Petra Gördüren, im Ausstellungskatalog herausstellt. Er verfolgte eine politische Agenda, die sich gegen die Sowjetunion und die Staaten des Realsozialismus richtete. Die zeithistorische Forschung geht davon aus, dass dieser Wettbewerb wesentlich vom US-amerikanischen Außenministerium und vom Geheimdienst CIA finanziert wurde.

Und so sieht man in der Ausstellung im Kunsthaus Dahlem keine kämpfenden, ausbrechenden, sich befreienden Gefangenen, keine erhobene Faust und auch keine Solidarität von Mitgefangenen oder von Menschen außerhalb der Gefängnisse und Lager. Die einzige bekannte Ausnahme ist Edward Gomez, der aus der damaligen Kolonie Britisch-Guayana eine zwischenzeitlich verschollene Skulptur mit einem kämpferischen Element einreichte: eine Nackte, die neben einem Skelett stehend die Parole »Fight for freedom« in die Höhe streckt. Sein Entwurf, der aufgrund einer zeitgenössischen Abbildung im »Life«-Magazin bekannt geworden ist, wurde von der Jury bereits in der Vorauswahl abgelehnt.

Der internationale Skulpturenwettbewerb war und blieb der größte seiner Art. In Westdeutschland haben ihn alle Künstler*innen zur Kenntnis genommen, woraus sich auch die große Beteiligung mit 262 Einreichungen erklärt. Vom Titel war er angelehnt an das »Grabmal des unbekannten Soldaten« - ein Kriegerdenkmal. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass das Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen als ein Denkmal des Kalten Krieges gedacht war. Die Einreichung, die gewinnen würde, sollte in vielfacher Vergrößerung realisiert werden, so war der Plan.

Sollte das Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen - ähnlich wie das Grabmal des unbekannten Soldaten - auch an namenlose Opfer erinnern? Politisch aktive Menschen sind meist in einer Gruppe, einem Verein oder in einer Partei organisiert und - sollten sie eingesperrt werden - den anderen Mitgliedern bekannt, die dann häufig Solidarität organisieren. So stellt sich die Frage, was überhaupt mit »unbekanntem politischen Gefangenen« gemeint war? Schon die Definition, wem man mit einem solchen Mahnmal überhaupt gedenken wolle, war bewusst vage formuliert. So hatten die Künstler die Freiheit, ihre Vorstellungen umzusetzen.

Aber welches Bild hatten westliche Künstler von politischen Gefangenen vor Augen? Einzelne von ihnen waren selbst inhaftiert, teils in Kriegsgefangenschaft oder während des Faschismus im Gefängnis gewesen, wie Hans Uhlmann, der 1933 Flugblätter gegen das faschistische Regime verteilte und wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« bis 1935 inhaftiert war.

Vor allem die westdeutschen Künstler gestalteten, wenn sie ein figürliches und nicht abstraktes Modell entwarfen, weitgehend verzweifelte, niedergeschlagene, deprimierte, gebrochene einzelne Körper. Zwar sind politische Gefangene oft vereinzelt eingesperrt, aber doch nicht zwangsläufig gebrochen.

Politische Menschen verlieren in Gefangenschaft nicht automatisch ihre kämpferischen Überzeugungen, wie sich an vielen Beispielen zeigen ließe. Dieses Politische, was den Ausstellungsstücken fehlt, ist eher in einer anderen Plastik zu finden, die in etwa zeitgleich zum Wettbewerb in der DDR entstand: die bronzenen Statuen von Fritz Cremer für das Buchenwald-Denkmal. Da sieht man die erhobene Faust, den Drang nach Ausbruch und Befreiung und das kollektive Miteinander.

Nur wenige Einreichungen aus Westdeutschland waren abstrakt, wie zum Beispiel der hohe, schlanke, graue Monolith des in Ungarn geborenen und an der Kunstakademie Düsseldorf lehrenden Bildhauers Zoltán Székessy, mit eingekerbten gefesselten Händen am Unterleib und der Häftlingsnummer auf Kopfhöhe.

Die Reise zur Ausstellung und Preisverleihung nach London 1953 erweiterte manchem beteiligten Künstler den Horizont, wie die Ausstellung anhand von Zeichnungen des Bildhauers und Grafikers Egon Altdorf belegt, die er vor und nach seiner Reise zeichnete. Rückblickend reflektierte er selbst: »Ich gewann so einen Überblick über das moderne, internationale Schaffen.«

Die Einreichungen aus anderen Ländern waren nicht nur abstrakter, sondern teils sehr kleinteilig und filigran. Knapp 150 internationale Finalisten, darunter nur eine einstellige Zahl aus Afrika und eine niedrige zweistellige Zahl Künstlerinnen, wurden in der Londoner Tate Gallery ausgestellt. Über die Hälfte sind ausgezeichnet worden und haben ein Preisgeld erhalten. Gewinner wurde der britische Bildhauer und Architekt Reg Butler mit einem an einen Wachturm mit Sendemast erinnernden Drahtgestell auf einem Felsen.

Ausstellung und Siegerentwurf ernteten Kritik bei anderen Künstlern und Verrisse in den englischen Tageszeitungen: Die Politisierung des Wettbewerbs habe die Naziverbrechen in Vergessenheit geraten lassen; in den Werken seien fast alle Spuren individueller Empfindsamkeit ausgelöscht. Also gerade das Abstrakte, das für manche Künstler eine Horizonterweiterung war, geriet in die Kritik.

Auch die internationale Presse berichtete, vor allem über die Aktion des ehemaligen Gefangenen und geflüchteten ungarischen Bildhauers Laszlo Szilvassy. Er zerstörte den Siegerentwurf und erklärte, dass politische Gefangene menschliche Wesen seien, die man nicht auf Metallschrott reduzieren könne.

Die Siegerplastik sollte als Monumentalwerk mit einer Höhe von 30 Meter realisiert werden. Zunächst war der frühere Sitz der Vereinten Nationen im US-Bundesstaat New York angedacht, am Ende dann Westberlin. Mit dem Segen von Oberbürgermeister Ernst Reuter wurde der Humboldthain ausgewählt, von wo aus die Skulptur auch aus Ostberlin noch gut sichtbar gewesen wäre. Aber nach zehnjährigen Bemühungen scheiterte die Umsetzung letztlich auch an fehlenden finanziellen Mitteln.

Die Ausstellung wurde bis 20. Juni verlängert, ist aber derzeit wegen des Lockdowns noch für den Publikumsverkehr geschlossen.

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