Bühnen statt Blumen

Ein Berliner Rapfestival will Frauen im Hip-Hop sichtbarer machen

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Es ist immer noch ein revolutionärer Akt, als Frau auf die Bühne zu gehen und zu rappen«, sagt Lisaholic. Die 35-Jährige fand im Hip-Hop ihrer Jugendjahre keine weiblichen Vorbilder. Also nahm sie selbst Beatbox-Unterricht, produzierte mit dem Mund Rhythmen, über die sie ihre eigenen Worte fliegen lässt.

Am Vorabend des Frauenkampftages 2021 steht Lisaholic mal wieder revolutionär auf einer Bühne: Rappend und quatschend führt sie durch das Programm eines feministischen Hip-Hop-Festivals – im Kreuzberger Club Gretchen hofiert sie Rapperinnen aus ganz Europa. Im Gegensatz zu 2019, wo Lisaholic das Festival noch vor einer schwitzenden Menge eröffnete, stehen diesmal aber nur Kameras im Zuschauerbecken: Sie übertragen die Aufritte live auf die Bildschirme der Fans im coronageschützten Wohnzimmer.

Anders als bei den herkömmlichen Streams sollen die sich aber nicht auf der Couch zurücklehnen: Denn auch das Publikum wird zurück in den Club projiziert. Auf einer großen Leinwand können die Künstlerinnen ihre Zuschauer*innen beim Abtanzen vor den Laptopkameras beobachten. »Zieht euch ruhig was Schickes an, stellt euch einen Drink kalt«, sagt Jackie Jackpot, die das Festival organisiert. Das Konzert am Sonntagabend soll sich wie eine heiße Berliner Clubnacht anfühlen, nur ohne das Frieren in der Schlange vor dem Eingang, lacht sie.

Das Festival als Hip-Hop-Antwort zum internationalen Frauenkampftag gibt es seit sechs Jahren. Der Ansatz ist immer noch der gleiche: »Frauen im Rap sichtbarer machen«, so Jackie Jackpot, die selbst DJ ist. Sie will mit dem erfolgreichen Konzept anderen Veranstalter*innen Mut machen, endlich mehr Frauen ins Rampenlicht zu holen.

Denn der deutsche Hip-Hop war jahrelang so männerdominiert wie kein anderes Musikgenre. Dabei mischten Frauen eigentlich immer mit, als Texterinnen, Produzentinnen und Fans - nur eben hinter den Kulissen. Selbst, wenn sie brillant rappen konnten: Als Anfang der 2000er das Berliner Plattenlabel »Aggro Berlin« wie eine Bombe in den naiven Studenten-Hip-Hop der Republik einschlug, kratzte eine verführerische Frauenstimme über die Hälfte der Songs - aber die Künstlerin selbst durfte nicht auf die Bühne: »Kitty Kat« hatte einen Vertrag unterschrieben, nach dem sie zwar regelmäßig im Radio zu hören war, ihr Gesicht aber verstecken musste. Das Label verteidigte die Geschichte als Marketing-Strategie. Die Rapperin sagt heute, sie habe eben als Traumvorstellung hinhalten müssen: Die männlichen Fans sollten sich hinter ihren dreckigen Texten eine Pamela Anderson vorstellen dürfen. Während ihre Kollegen vorne die Hallen zum Beben brachten, wurde Kitty Kat vom Türsteher für einen Groupie gehalten und nicht hereingelassen.

An diesen Verhältnissen hat sich auch in einer Zeit, in denen sich jedes beliebige Popevent den Feminismus auf die Fahne schreibt, nicht viel verändert: Zwar kämpften sich in den letzten Jahren einzelne Rapperinnen auf die großen Bühnen: Die zwei Berlinerinnen von »Sxtn« füllten 2017 die Columbiahalle und heizten im Anschluss mit dem Tourbus durch halb Europa. Dafür mussten sie sich von ihren Rapkollegen anhören, sie sollten mal lieber bei ihnen übernachten. Während Feuilletion-Deutschland über ein Gedicht an der Fassade einer Hochschule in Hellersdorf diskutierte, das Frauen mit Blumen vergleicht, werden jene in Raptexten immer noch wortgewaltig missbraucht, degradiert und gedemütigt.

»Jenseits von Nelken und Pralinen«, heißt das Festival, das dieser Fette-Bienen-und-sexy-Blümchen-Szene seit Jahren den musikalischen Mittelfinger zeigt. Doch was liegt eigentlich jenseits der Klischees? »Unsere Welteroberung«, grinst Jackie Jackpot - »und Gerechtigkeit.«

Das gesamte Gespräch mit Lisaholic und Jackie Jackpot können Sie hier als Podcast hören.

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