Wir alle sind Brillenträger*innen

René Engel hinterfragt, ob es so etwas wie »Nicht-Identitätspolitik« überhaupt gibt

  • Von René Engel
  • Lesedauer: 3 Min.

Er ist das Fallbeil in jedem Diskurs um gleiche Teilhabe: der Vorwurf der Identitätspolitik. Linke Tribalisierung statt Fokus auf realpolitische Probleme. Was aber, wenn wir davon ausgingen, dass es gar keine »Nicht-Identitätspolitik« gibt, es also unmöglich wäre, die Dinge »neutral« betrachten, bewerten und diskutieren zu können?

Der Sozialwissenschaftler Franz Boas sprach von »Kulturbrillen«. Vereinfacht: Gesellschaftliche Prägung, Erziehung und Erfahrungen schleifen die Gläser, durch die wir die Welt wahrnehmen. Der Clou? Wir können diese Brillen nicht abnehmen. Selbst wenn ich versuchte, durch deine (sagen wir) gelbe Brille zu sehen, hätte ich dabei immer auch meine (sagen wir) blaue Brille auf und sähe dann die Welt grün.

Was wäre die Konsequenz daraus? Dass man Menschen mit Diskriminierungsmerkmalen nicht so einfach ihre Wahrnehmung absprechen kann, nur weil die eigene davon abweicht. Eine weiße Frau sieht in einem Polizeiauto womöglich Freund und Helfer heranfahren, ein Schwarzer Mann vielleicht Ärger heraufziehen. Beides ist gleich wahr und auf dieser Wahrheit aufbauend müssten wir dann gesellschaftliche Verhandlungsprozesse aufbauen.
Die Autorin Emilia Roig hat einmal gesagt, dass in unserer Gesellschaft die Normalität meist an der Sicht weißer cis Männer kalibriert ist, sie als neutral und objektiv gilt und alles, was davon abweicht, als subjektiv.

Wäre es dann nicht vorstellbar, dass »Identitätspolitik« gar keine Modeerscheinung für überprivilegierte Linke ist, sondern einfach das Eingeständnis, dass wir für sehr lange Zeit die Perspektive eines gar nicht so geringen Teils unserer Gesellschaft einfach ignoriert oder sogar negiert haben? Und dass die Brillengläser derjenigen, die am vehementesten »Identitätspolitik« verteufeln, genauso dick sind wie alle anderen, sie aber entweder nicht um sie wissen oder sie schlicht leugnen? Wie tief Identitätspolitik in unserer Gesellschaft verankert ist, wie fundamental sie unsere Normalität formt, kann man sehr gut an einem typisch deutschen Beispiel erklären: der Kohle. Kohlekumpel haben in gefährlicher und körperlicher Schwerstarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dieses Land nach dem Zweiten Weltkrieg aus Kriegsruinen zu einem nicht für möglich gehaltenen Wohlstand zu führen. Den Bergbau umweht(e) ein Mythos, Bergleute sind (oder waren) Helden.

Diese emotionale Verbundenheit überdauert dabei ihre rationale Grundlage: Deutsche Steinkohle war schon Ende der 1950er Jahre nicht mehr einträglich, der Mythos Kohle aber hielt sich noch Jahrzehnte – auch bei Menschen, die vermutlich noch nie ein Bergwerk von innen gesehen haben. Die Fans des FC Schalke 04 definieren sich über die frühere Schwerstarbeit, tragen Jacken mit der Aufschrift »Kumpel- und Malocherclub«, der Fanshop verkauft »Auf Kohle geboren«-Aufnäher. Als 2018 die letzte Zeche im Ruhrgebiet schloss, sangen knapp 60 000 Fans zum Abschied das Steigerlied. Auch bei Vereinen aus anderen Bergbauregionen wird es vor Heimspielen noch immer gesungen, auf SPD-Parteitagen sowieso (die emotionale Verbindung zum Bergbau ist auch einer der Gründe, warum die SPD sich in Sachen Kohleausstieg so schwer tut).

Dass Kohle nun als »böse« gilt, ist ein Frontalangriff auf diese über Jahrzehnte aufgebaute kulturelle Identität. Ähnliches gilt für den Verbrennungsmotor. Autos »Made in Germany« haben die kollektive Identität eines Volkes von Ingenieuren gegenüber der ganzen Welt geformt. Autos waren Wohlstand, Freiheit, Zukunft. Dass dieses Bild nun verhältnismäßig schnell zusammenbricht, stößt auf Widerstände, die rational schwer zu erklären sind.
Und das ist der Knackpunkt: Kultur, Tradition und Identität sind nicht mit Ratio beizukommen. Windräder haben eben keinen Pathos, E-Autos keinen Charakter – selbst, wenn man nie selbst am Förder- oder Fließband stand.

Was bedeutet das nun für gesellschaftliche Debatten? Man kann die kulturelle Brille des Gegenübers weder herunterreißen noch kann man ihr mit dem Hammer beikommen. Aber vielleicht können wir uns gegenseitig daran erinnern, dass wir alle Brillenträger*innen sind – und vielleicht sogar unsere Gläser etwas schleifen.

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